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Gottesdienst vs. Fußball

Eigentlich gehe ich nur zum Fußball. Mehr brauche ich nicht. Ich bin bei jedem Spiel meines Teams dabei. Auch auswärts, klar. Seit kurzem habe ich eine neue Freundin. Die geht nicht zum Fußball, sondern in die Kirche.
Komm doch mal mit in die Kirche, sagt sie.
Wenn du mit zum Fußball kommst, sage ich.
(Was man nicht alles macht, wenn man eine neue Freundin hat.)
Wann ist das nächste Spiel, frage ich.
Komm mit in den Weihnachtsgottesdienst. Das ist wie ein Endspiel, sagt sie.
Gibt’s noch Tickets, frage ich.
Brauchen wir nicht. Müssen nur früh genug da sein.

Ein paar Tage später stehen wir vor der Arena. Glockengeläute statt Anpfiff, auf dem Vorplatz sind weder Bierstände noch Würstchenbuden, so kommt keine Stimmung auf. Die Fans ziehen schweigend ins komplett überdachte Stadion.
Ohne Leibesvisitation werden wir reingelassen. Neben den Notausgängen hängen Becken mit isotonischen Getränken. Doch die Fans trinken nicht, sondern tauchen nur vorsichtig die Fingerspitzen ins Becken und kühlen die Stirn und spezielle Punkte des Oberkörpers. Dabei machen sie eine Kniebeuge. Es scheinen ihrem Verein extrem ergebene Fans zu sein.
Sowohl die Haupt- als auch die Gegentribüne sind schon gut gefüllt. Mein Blick scannt das ganze Stadion und bleibt oben hängen. Da stehen die Ultras. Mit strahlenden Augen steuere ich die Treppe an.
Die Empore ist nur für den Kirchenchor, sagt meine Freundin und schiebt mich in eine Bank.

Das Flutlicht flammt auf, eine Hammondorgel dröhnt wie in einem US-Baseballstadion, die Spieler ziehen ein, angeführt von ihrem Trainer. Einige tragen Fahnen, andere Kerzen. Coole Choreo! Ich entdecke Mädchen unter den Spielern. Ein Mixed-Team, flüstere ich erstaunt. Während die Spieler ihre Positionen einnehmen, begrüßt der Trainer die Fans. Der Vorsänger gibt die erste Hymne vor, das ganze Stadion fällt ein. Der Mann an der Hammondorgel gibt alles.

Dann wird das Spiel statisch. Wenig Überraschendes. Die Laufwege sind gut einstudiert, die Spieler stehen kompakt, verschieben geschickt und lassen wenig zu, aber insgesamt ist das völlig durchschaubar. So gewinnt man nicht.

Endlich passiert was. Ein großer Spieler kommt mit einer Rauchbombe aus der Umkleide zurück. Er übergibt sie dem Trainer. Der schwenkt und schleudert, doch das sind vergebliche Löschbemühungen. Der Trainer gibt die Rauchbombe zurück und lässt sich von dem Spieler beweihräuchern. Und ich dachte, Mourinho wäre ein Egozentriker!
Aber endlich ein bisschen Stimmung, was ich mit Pyrotechnik unterstützen will.
Untersteh dich, sagt meine Freundin scharf.
Dann hält der Trainer eine PK ab und erzählt gestelzt vom Vereinsgründer. Fragen der Presse lässt er dabei nicht zu.
Der Coach scheint mit seinem Latein, was er aber nur bröckchenweise spricht, am Ende. Er ruft zur Unterstützung einen Mentalcoach ans Megaphon. Der liest mantraartige Fürbitten vor. Die Fans antworten murmelnd. Voll depressive Stimmung, der Verein scheint in akuter Abstiegsgefahr zu sein.

Eine Nummer leuchtet auf der Anzeigetafel auf. Es soll aber nicht ausgewechselt werden, es geht auch nicht um die Nachspielzeit, sondern die haben hier nummerierte Schlachtrufe. Kein Witz! Während die Fans im Stadionheft noch suchen, stimmt der Vorsänger den Schlachtruf an, die Ultras fallen von oben ein, dann singt das ganze Stadion.

Zur Halbzeit hält der Trainer eine lange Ansprache. Seine Spieler sitzen in geknickter Haltung auf ihren Stühlen. Der Coach scheint sehr unzufrieden, aber mit dieser Kabinenpredigt kann er sie nicht wachrütteln.
Ohne personelle Veränderungen geht es in die zweite Halbzeit.
Geldkörbchen wandern durch die Reihen. Scheinbar muss der Verein während der Winterpause auf dem Transfermarkt tätig werden.
Plötzlich tut sich was. Das komplette Stadion kniet nieder und hält die Luft an. Ein Elfmeter, frage ich.
Psst, sagt sie, das ist die Wandlung. Während ich noch rätsele, wer schießt und ob er ihn verwandelt, kommt Bewegung in die Fans. Sie stellen sich an zu einer improvisierten Essensausgabe. Aber das Resultat ist enttäuschend, wieder keine Bratwurst, stattdessen eine Backoblate ohne Plätzchen drauf. Zwar kostenlos, aber dem Verein muss es finanziell wirklich dreckig gehen.

Am Schluss frage ich mich, wie das Spiel ausgehen wird. Das Heimteam liegt wohl hinten, denn alle beten schon wieder.
Drei Minuten und einen letzten Schlachtruf gibt es obendrauf.
Der Coach wünscht Frohe Weihnachten, schart seine Spieler um sich und ab geht’s in die Katakomben.
Wie fandst du es, fragt meinen Freundin.
Schöne Bescherung, sage ich.

Aber damit haben wir einen neuen Spielstand:
Fußball: Eins!
Gottesdienst: Nuuulllll!
Danke.
Bitte.

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