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Fliegen vs. Fußball

Eigentlich gehe ich nur zum Fußball. Mehr brauche ich nicht. Ich bin bei jedem Spiel meines Teams dabei. Auch auswärts, klar. Seit Kurzem habe ich eine neue Freundin. Die geht nicht zum Fußball, sondern sie fliegt gerne.
Flieg doch mal mit, sagt sie.
Wenn du mit zum Fußball kommst, sage ich.
(Was man nicht alles macht, wenn man eine neue Freundin hat.)
Wann ist der nächste Flug, frage ich.
Wann immer du willst. Sie klimpert mit den Augen.
Ich überlege. Am Wochenende ist mein Team spielfrei, Länderspielpause.
Gibt’s da noch Tickets, frage ich.
Klar! Ich besorge uns welche, sagt sie und strahlt.

Am nächsten Samstag sitzen wir im Taxi, dann betreten wir ein riesiges WM-Stadion. Fans aus aller Herren Länder wuseln aufgeregt durcheinander. Viele haben Koffer dabei und wollen bis zum Endspiel bleiben. Überall Fressbuden und Getränkestände. Der Stadionsprecher murmelt im Hintergrund, die Luft vibriert. Voller Vorfreude steuere ich einen Getränkestand an.
Meine Freundin zieht mich am Fanschal zurück und sagt: Wir müssen einchecken.
Dann halt eine von den mitgebrachten Bierdosen, während wir in der Schlange stehen. Massive Sicherheitskontrollen vor dem Einlass ins Stadioninnere. Das Match wird als Risikospiel eingestuft.
Endlich sind wir drin. Ohne Pyro, Bier und Fahne, musste ich alles abgeben, na gut, eine kleine Bierfahne konnte ich hinüberretten.
Wir müssen zum Gate, sagt meine Freundin. Das Boarding hat schon begonnen!
Eine von der Security begrüßt uns und kontrolliert anhand der Eintrittskarten, ob wir vor dem richtigen Block stehen.
Durch einen Tunnel, der an den Faltenbalg eines Gelenkbusses erinnert, geht es aus den Katakomben ins Stadion. Nette Idee, die Fans laufen ein und die Spieler stehen Spalier.
Das sind mal Spieler ohne Starallüren, begeistert klatsche ich alle ab. Jetzt sind die Spieler irritiert, reichen mir aber trotzdem ein Stadionheft. Überall Werbung für Star Alliance, wahrscheinlich eine Spielergewerkschaft.
Das Stadion ist komplett überdacht, sehr eng und komisch bestuhlt. Alle schauen in die gleiche Richtung.
Die Fans hocken gelangweilt auf ihren Sitzen und tun so, als würden sie sich gar nicht auf das Spiel freuen. Deswegen habe ich im Stadion auch immer einen Stehplatz. Bei diesen Sitzplatzhockern ist nie was los.

Endlich passiert doch was. Der Trainer hat eine schnuckelige Spielerin zum Aufwärmen geschickt. Während der Stadionsprecher was von Notausgängen erzählt, untermalt sie seine Ansage mit einer routiniert gelangweilten Breakdance-Nummer. Nichts hält mich mehr, ich stehe auf und mache mit! Obwohl ich der Einzige im ganzen Stadion bin, der sich von ihrer kühlen Darbietung anstecken lässt, funkelt sie mich mit bösen Blicken an. Dann schlüpft sie in eine Schwimmweste! Ob der Verein wohl baden geht? Pantomimisch unterstütze ich sie auch bei diesem Vorhaben. Ihre Augen schießen Blitze in meine Richtung, während ihr Kopf die Farbe der Schwimmweste annimmt. Wie soll die das Spiel durchstehen, wenn sie schon beim Warmmachen in die Sauerstoffschuld kommt? Jetzt wird mir klar, warum sie zu Beginn ihres Aufwärmprogramms ein paar tiefe Züge aus einer Sauerstoffmaske genommen hat. Voll der Trainingsrückstand!
Am Ende ihrer Aufwärm-Choreo heult die Suse mir im Vorrübergehen zu: Verarschen kann ich mich auch alleine!

Setz dich und schnall dich an! Meine Freundin zieht mich am Trikot runter.
Dann wird über Lautsprecher die PK des Trainers übertragen. Er stellt seinen Matchplan vor und gibt sich siegessicher. Wir dümpeln aber immer noch am Boden herum.
Mit dem Verein sind keine Höhenflüge zu erwarten, sage ich.
Wart’s mal ab, sagt sie.
Plötzlich heulen Motoren auf, ich werde in den Sitz gedrückt, die linke Kniescheibe hindert meinen Magen am weiteren Abrutschen, meine Trommelfelle möchten explodieren. Meine Freundin tätschelt meine Hand und lächelt beruhigend.
Die Anzeigetafel vor uns lenkt mich ab. Fortlaufend werden Statistiken über das Spiel eingeblendet: Eine graphische Darstellung der Spielzüge, Laufleistung des Teams in Kilometern und die verbleibende Zeit bis zum Abpfiff.
Die Spieler sind nach der rasanten Anfangsphase wieder auf dem Feld und beginnen, Essen zu verteilen. Ich freue mich auf Bratwurst und Bier.
Lieblos knallt mir die Schwimmwestentrulla ein eingeschweißtes Sandwich und einen Tomatensaft aufs Tablett.
Kaum ist das Plastikessen verteilt, fahren die Spieler mit kleinen Wägelchen durch den Gang und verkaufen Parfüm. Der Verein muss extrem niedrige Gehälter zahlen, wenn die Stars auf solche Nebeneinnahmen angewiesen sind. Beinahe empfinde ich Mitleid mit der Heulsuse.
Der Trainer, der eine ausgeprägte Neigung zu Pressekonferenzen hat, gibt nun bekannt, dass es wegen Nebels eine Nachspielzeit gibt und das Spiel sogar in einem anderen Stadion enden muss.
Die Fans murren. Um Ausschreitungen zu verhindern, müssen sich alle anschnallen und dürfen ihre Blöcke nicht mehr verlassen. Der Trainer bittet um Verständnis für die schwierige Lage, redet von Turbulenzen und bereitet uns auf den unvermeidbaren Abstieg vor.
Na toll, spätestens bei der Warmmachtrulla hätte ich es wissen müssen. Dieser Verein ist nicht erstligatauglich. Die Spieler haben sich auch ihrem Schicksal ergeben und sitzen alle wieder auf den klappbaren Auswechselbänkchen.
Das ganze Stadion vibriert, die Anzeigetafel zeigt gnadenlos unseren Absturz in den Tabellenkeller, was mit dem Druck auf meine Ohren korrespondiert. Einige Fans rufen höhere Mächte gegen den Abstieg an.
Dann werden wir durchgeschüttelt, hopsen wie blöd, Motoren heulen auf.
Wir sind gelandet, sagt meine Freundin.
Alles gut, frage ich.
Sie nickt.
Das hätte ich nie gedacht. Der Trainer hat uns gerettet.
Ich klatsche, erst verhalten, dann frenetisch. Springe auf, stimme Schlachtgesänge an, versuche, La Ola zu starten.
Meine Begeisterung springt nicht auf die restlichen Fans über. Die Schwimmwestentrulla schaut mich böse an und blökt: Setzen Sie sich SOFORT wieder hin.
Als wir das Stadion verlassen, stehen die Spieler Spalier, bedanken sich artig und verabschieden uns.
Nur um die Trulla zu ärgern, bitte ich sie um ein Autogramm. Mit dem funkelnden Blick einer Kampfsuse schreibt sie „Andrea Möller“ auf mein Stadionheft.
Entweder sind wir hier in Mailand oder in Madrid, sage ich grinsend.
Meine Freundin starrt mich verständnislos an und zerrt mich weiter.
Wie fandst du es, fragt sie.
Ganz nett, sage ich.

Aber damit haben wir einen neuen Spielstand:
Fußball: Eins!
Fliegen: Nuuulllll!
Danke.
Bitte.

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