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Im Labyrinth der Rallyefahrer

Illustration: Uschi Heusel (Kontakt: uschi.heusel@ratte-ludwig.de)

Ich bin ein Kaktus und habe bis vor drei Wochen in der Wüste gelebt. Leider wurde ich entführt, (aber das ist eine andere Geschichte:http://geschichten-fuer-jungs.de/gottfried-der-kaktus/) und stehe nun, inmitten anderer Kakteen, in einem Regal. An meinem stacheligen Arm baumelt ein Zettel, darauf sind schwarze und weiße Striche und Zahlen, scheinbar die Lösegeldforderung. Eine verborgene Kapelle spielt den ganzen langen Tag fremdartige, einlullende Melodien, um uns Entführte zu beruhigen. Lasse ich meinen Blick schweifen, entdecke ich zahllose weitere, bis oben angefüllte Regale und lange Gänge, die wie in einem Labyrinth angeordnet sind. „Da sind die Rallyefahrer!“, brüllt plötzlich mein Bruder, der mit mir entführt wurde. Von den Rallyefahrern zwischen Paris und Dakar hat unser Vater in langen, kalten Wüstennächten erzählt.

Tatsächlich entdecke jetzt auch ich Menschen, die Fahrzeuge aus Drahtgitter auf kleinen beweglichen Rollen um die Wette durch die Gänge schieben. Dabei sammeln sie Vorräte für eine ausgedehnte Wüstendurchquerung und füllen damit ihren Gitterwagen. Manchmal krachen die Fahrzeuge ineinander und die Rallyefahrer beginnen dann laut zu schimpfen. Wahrscheinlich können sie nach einem Unfall das Wettrennen nicht mehr gewinnen. Die Kinder haben eine andere Technik ihre Rallyefahrzeuge zu bewegen: Sie nehmen Anlauf und springen bei voller Fahrt auf die hintere Stoßstange. Mit diesem Schwung sausen sie durch die Gänge, ohne dabei weiter Vorräte zu sammeln. Als so ein Kleiner jedoch mit Getöse in die „Spreewälder Gurken“ kracht, erscheint sofort der Rennleiter. Er trägt einen weißen Kittel und sieben Kugelschreiber zieren seine Brusttasche. Sein Kopf ist rot und er brüllt herum, entweder hat er einen Sonnenstich oder zu viel essigsaure Gurkenluft inhaliert.

Dann gibt es noch Gitterwagen mit ganz kleine Co-Piloten, die, rückwärts im Rallyeauto sitzend, durch das Labyrinth geschoben werden. Dabei haben die Co-Piloten die Aufgabe, ebenfalls Proviant aus den prallgefüllten Regalen einzusammeln. Die Pilotinnen und Piloten versuchen dies jedoch zu verhindern, indem sie möglichst genau in der Gangmitte fahren. Kommt dann aber ein vom GPS-Signal verlassener Rallyefahrer entgegen, muss die Pilotin zum Regal hin ausweichen und der Co-Pilot kann blitzschnell zugreifen. Meist folgt hierauf eine Rennunterbrechung, weil Pilotin und Co-Pilot ihre Strategie besprechen und die Beute des Co-Piloten zurückgelegt wird. Viele Co-Piloten weinen nach dieser Besprechung.

Ein unsichtbarer Mann spricht plötzlich Worte, die so ähnlich klingen wie „Odewälderdauerworscht, heudeimsonderangebot, deskilo­nurzwofuffzisch“. Gar rätselhafte Klänge! Ist das der Vorbeter, der die eilig Durchreisenden zum Gebet ruft? Aber niemand hält inne, niemand findet sich zu rituellen Waschungen an den eiskalten Truhen ein.

Durch eine durchsichtige Wand kann ich die einsetzende Dämmerung beobachten. Inzwischen haben sich auch die Rallyefahrer verändert. Immer weniger kommen mit Co-Piloten, dafür tragen die meisten jetzt elegante, dunkle Renn-Anzüge und auf Hochglanz polierte schwarze Schuhe. Oft stehen diese schicken Rallyefahrer unschlüssig vor einem Regal. Dann greifen sie in die Jackentasche und holen ein kleines schwarzes Gerät heraus. Sie drücken einige Male darauf, wischen darüber und halten sich danach den Apparat mit ernster Miene ans Ohr. Nach kurzer Zeit besprechen sie das kleine Gerät mit beschwörenden Formeln, an denen sie ihre Umwelt freundlicherweise teilhaben lassen. Das gibt ihnen genug Selbstvertrauen, um sich für den richtigen Proviant entscheiden zu können.

Den ganzen Tag über finden Wettrennen für besonders windschlüpfrige Piloten statt. Diese hängen tiefgebeugt über ihren Rallyewagen und haben graue oder weiße Haare. Ihre taktische Aufgabe ist es, den Konkurrenten möglichst lange den Weg zum Ziel zu versperren.

Alle Rennteilnehmer werden am Ende der Strecke durch eine künstliche Verengung vor der Zollstelle abgebremst. Eine kaugummikauende Beamtin durchleuchtet mürrisch das gesammelte Gut mit einer Laserpistole, die rotes Licht verschießt. Bestimmt sucht sie Drogen oder Schmuggelware. Viele Gitterwagenlenker sind schuldbewusst und versuchen, den Durchlass mit Bestechungsgeldern zu erkaufen.

Draußen wird es jetzt immer dunkler, die letzten Rallyefahrer passieren den Zoll. Eine schmatzende Maschine wird von einem Mann durch alle Gänge geschoben. Gierig leckt sie mit ihrer Riesenzunge die Überreste der Wettkämpfe auf. Die Musikkapelle ist inzwischen auch schon nach Hause gegangen. Zuletzt kommt der Rennleiter, jetzt nicht mehr im weißen Kittel. Er schließt alle Türen ab und lässt die künstliche Sonne untergehen. Ein langer Renntag geht zu Ende. Wenn ich das in meiner Wüste erzähle, sagen alle, ich hätte einen Sonnenstich.

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1 thought on “Im Labyrinth der Rallyefahrer

  1. Stefan Rogge

    Ein sehr kurzweilige, witzige Rennepisode aus unserem täglichen Leben aus der Sicht einer Kaktee !
    Unbedingt lesenswert, sehr zum schmunzeln ! Unbedingt weiter so ..

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