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Esoterik vs. Fußball

Eigentlich gehe ich nur zum Fußball. Mehr brauche ich nicht. Ich bin bei jedem Spiel meines Teams dabei. Auch auswärts, klar. Seit Kurzem habe ich eine neue Freundin. Die geht nicht zum Fußball, sondern ist Esoterikerin.
Komm doch mal mit zu einem spirituellen Heilkreis, sagt sie.
Wenn du mit zum Fußball kommst, sage ich.
(Was man nicht alles macht, wenn man eine neue Freundin hat.)
Geht klar, sie klimpert mit den Augen. Hast du am Samstag Zeit?
Mein Team spielt am Donnerstag europäisch, also in der Liga erst sonntags.
Geht klar, sage ich.
Am Samstag sitzen wir im Auto. Ist das ein Auswärtsspiel, frage ich. Die Fahrt zieht sich endlos bis in den hintersten Odenwald.
Das ist wegen der Energie, sagt meine Freundin. Wir fahren zu einem Kraftort.
Damit kann ich was anfangen. Die Stehplatzkurve hinterm Tor ist für mich auch ein Kraftort. Die Gedanken ans Stadion erinnern mich an etwas. Es ist halb vier. Ich schalte die Fußballübertragung im Radio an.
Mach das bitte aus, sagt meine Freundin. Sanft, aber bestimmt.
Warum, frage ich.
Wegen der Energie, sagt meine Freundin.
Schulterzuckend schalte ich das Radio wieder aus. Mein Freundin fährt und summt und sieht innerlich heiter aus.

Endlich sind wir angekommen. Beim Einchecken ins Stadion, das hier Seminarhaus heißt und ohne erkennbare Werbepartner auskommt, halte ich dem Securitymitarbeiter meinen digitalen Impfnachweis vor die Nase. Gilt bei euch 2 G oder 3 G?, frage ich.
Er schaut gar nicht auf mein Handy, strahlt mich an und säuselt: 2 G oder 3 G? Ach geh! 5 G tut weh. Mach’s einfach mal ganz aus!
Dann umarmt er mich, als hätten wir gerade den Pokal nach Hause geholt.
Meine Freundin führt mich ins Stadioninnere, ein großer, heller, leerer Raum. Alte Holzdielen knarren, es riecht nach Räucherwerk, ein Kamin bollert, durch die große Glasfront sehe ich draußen einen Bach vorbeiplätschern.
Der Trainer versammelt uns am Mittelkreis und schwört sein Team mit sanften Worten und ruhiger Gestik auf das heutige Match ein. Er redet von Leichtigkeit und ins Fließen kommen und dass wir nichts erzwingen, aber alles zulassen sollen. Das hört sich in der Offensive nach flüssigem Kombinationsfußball an, aber als Taktikfuchs ist mir klar: Hinten darf man absolut nichts zulassen. Und manchmal muss man den Erfolg einfach erzwingen. Ich hebe die Hand und möchte meine Zweifel an seiner Taktik vorbringen.
Lass mal, sagt meine Freundin. Ich zucke mit den Schultern und übe mich im Zulassen.
Dann sollen wir uns spontan durch den Raum bewegen, uns einstimmen und der Energie öffnen.
Ich verstehe, der Trainer schickt uns zum Aufwärmen. Einer macht aus dem Stand tibetanischen Ausdruckstanz, zwei Damen werden unter Schmerzen wiedergeboren, drei Derwische fegen durch den Raum, eine andere bevorzugt autistisches Hin- und Herschwingen, dabei beschwört sie mit emporgestreckten Armen den großen Fußballgott, auf dass er uns drei Punkte schenken möge.
Aus Platzgründen ersetze ich das gewöhnliche Warmtraben durch Hampelmannsprünge und Liegestütze und fühle mich dabei noch nicht vollständig integriert. Vielleicht fehlt mir einfach das passende Outfit. Man trägt hier erdfarbene Trikots, wallende Gewänder, weite Stoffhosen, Wollsocken, Hals- und Haartücher, Holzkugelketten um Hals und Handgelenke. Mein neues Team riecht weder nach Franzbranntwein noch nach Parfüm, sondern rosig nach biologisch abbaubarer Kernseife und Schafswolle.
Der Trainer bittet uns in den Sitzkreis. Er hat die Stühle vergessen, flüstere ich meiner Freundin zu.
Sie zieht mich am T-Shirt auf den Boden. Hock dich einfach hin, flüstert sie, in Erwartung der nächsten Trainingseinheit.
Wir sollen nun tönen und summen, mit uns und den anderen in Resonanz gehen. Um mich herum fängt es an zu summen und zu brummen, zu modulieren und zu intonieren. Mein linker Nachbar klingt wie ein Trafohäuschen, gegenüber röhrt ein Hirsch, zweibeinige Didgeridoos dröhnen, der Dicke rechts röchelt asthmatisch: Den würde ich erst mal auf der Ersatzbank lassen. Ich summe „Schwarz, weiß wie Schnee, das ist die SGE“, jetzt ist mir wohl ums Herz.

Während die letzten Töne verebben, erklärt der Trainer die nächste Spielform. Wir sitzen im Kreis und sollen einem Mitspieler eine Farbe zuschicken. Von der gegenüberliegenden Raumseite bekomme ich mit wohlklingendem Timbre ein dunkles Blau gepasst. Ich stelle mir vor, dass ich das dunkle Blau mit der Brust annehme und dann mit den Füßen hochhalte. Nun bin ich dran, singe: „Schwarz, weiß, rot, das sind unsre Farben, S, G, E“, und schicke dieses farbliche Arrangement dem Trainer. Er rümpft die Nase, entsinnt sich dann, dass er ja alles zulassen wollte, geht zurück in die Entspannung, bedankt sich achtsam und verschickt sanft lächelnd Purple.

Anstelle eines Pausenpfiffs markiert ein tiefer, lang nachschwingender Gong das Ende der ersten Halbzeit. Bis aufs Aufwärmen war das bisher ein sehr körperloses Spiel, den Zweikämpfen wurde konsequent aus dem Weg gegangen.
Ich freue mich auf Bier und Currywurst, doch gibt es lauwarmes Ingwerwasser und selbstgebackenes Vollkornbrot mit veganen Aufstrichen. In der Halbzeitpause tauschen die Spielerinnen und Spieler Doping- und Ernährungstipps aus. Schüsslersalze, hochpotenzierte Globuli, basisch und vegan und vitalisiertes Wasser pulsiert es durch den Raum.
Ich packe mein Salamibrötchen aus. Plötzlich sind negative Schwingungen unterwegs, Unruhe und Anspannung befällt das Heilkreisteam. Der Trainer, der sich wahrscheinlich zur Videoanalyse der ersten Halbzeit zurückgezogen hat, wird aus seiner Kabine geholt. Mit ruhiger Hand justiert er die fein geschliffenen Glaspyramiden neu, die zahlreich in allen Ecken des Raumes stehen und öffnet die Fenster.
Er hat etwas gemacht, raunen sich seine Spieler ehrfürchtig zu, wenn auch ohne Kniefall und Bekreuzigung.
Ja, er hat die Pyramiden von Dreier- auf Viererkette umgestellt und frische Luft ins Stadion gelassen, stelle ich fest.
Mein Team teilt diese Analyse nicht, sondern quittiert sie mit nicht alles zulassenden Blicken. Der Gong ruft zur zweiten Halbzeit.

Wir machen Yoga. Dem Walross neben mir entweicht in die gedehnte Stille ein saftiger Furz.
Der Trainer lächelt milde. Genauuuu: The Wind of Change. Alles darf geschehen, lasst alles zu.
Ich leide. So ein Walrossfurz ist nicht ohne, hätte er mal lieber alles zu gelassen. Außerdem ist dieses Yoga, das so nach Kreisliga aussieht, anstrengend wie die Champions League, zumal ich als Hobby-Fußballer stocksteif bin. Selbst das Walross bewegt sich geschmeidig, verglichen mit mir.

Der Trainer versammelt uns zum letzten Mal an diesem Tag. Wir sitzen mit aufrechtem Rücken auf kleinen Meditationskissen, die in einer 4-2-3-1-Aufstellung im Stadion verteilt liegen. Schon reisen wir innerlich zu unserem stillen, klaren Bergsee. Bei dieser Gruppenmeditation schmerzt mir schon nach wenigen Augenblicken das linke Knie und beide Füße schlafen mir ein. Wie soll man so ein Match gewinnen? Ich sehne meine Auswechslung herbei.
Endlich der Schlusspfiff-Gong. Jeder soll ein Feedback geben. Als ich an der Reihe bin, frage ich: Wer hat jetzt gewonnen?
Alle und gleichzeitig auch keiner, antwortet der Trainer.
Verstehe, sage ich. Unentschieden.

Nach vielen herzlichen Umarmungen sind wir auf dem Heimweg. Halt’ da mal bitte, sage ich zu meiner Freundin. Ich komme mit zwei Bier aus der Tanke raus.
Ich trinke keinen Alkohol, sagt meine Freundin. Und erst recht nicht, wenn ich fahre.
Weiß ich doch, sage ich, und gieße die zwei Dosen zügig in mich hinein.
Der Motor dröhnt, meine Freundin tönt, ich sehe Farben, alles wegen der Energie, der Trainer hat was gemacht.
Dann schlafe ich ein.
Wie fandst du den Heilkreis?, fragt meine Freundin, als sie den Motor abstellt und ich langsam zu mir komme.
Ich spüre in mich hinein, lausche und visualisiere Blau. War mal eine ganz neue Energie, sage ich ebenso sachkundig wie diplomatisch.
Damit haben wir einen neuen Spielstand:
Fußball: Eins!
Esoterik: Nuuulllll!
Danke.
Bitte.

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