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Gottfried, der Kaktus (Ein Kinderroman für Leser ab 9)

Illustrationen: Uschi Heusel
Kontakt: uschi.heusel@ratte-ludwig.de

 

 

  1. Kapitel: Die Mulde in der Wüste
  2. Kapitel: Brauchen wir den Ufo-Abschleppdienst?
  3. Kapitel: Karamba!
  4. Kapitel: Johoho, und ’ne Ruddel voll Bumm!
  5. Kapitel: Die Rallyefahrer
  6. Kapitel: Papa soll erinnert werden
  7. Kapitel: Ein neuer Platz und neue Töne
  8. Kapitel: Ein Kaktus als Modepüppchen
  9. Kapitel: Die liebesbedürftige Ringelsocke
  10. Kapitel: Herbert wird wiederholt verrückt
  11. Kapitel: Ist das etwa Wilhelm?
  12. Kapitel: Endlich zu Hause?
  13. Kapitel: Zurück im neuen Zuhause
  14. Kapitel: Germanys next Topstachel
  15. Kapitel: Die neue Mulde
  16. Kapitel: Wilhelm macht sein Ding
  17. Kapitel: Gottfried blickt in die Sterne

 

 

1. Kapitel: Die Mulde in der Wüste

 

Es war einmal…, so beginnen die meisten Geschichten, doch unsere Geschichte beginnt so: Es waren zweimal ein Kaktus, die lebten in der Wüste Mexikos. Sie glichen sich bis auf den letzten Stachel und waren Zwillinge. Wilhelm, so hieß der eine, beanspruchte für sich, der ältere zu sein, weil er fünf Minuten vor seinem Bruder den Kopf aus dem Wüstensand gesteckt hatte. Der andere hieß Gottfried und fand, dass sein großer Bruder ein kleiner Angeber sei, wenn auch ein ganz netter. Die beiden wohnten mit ihren Eltern mitten in der mexikanischen Wüste in einer gemütlichen Mulde. Diese Mulde war rund und glich einer Sandburg an der Nordsee. Die sich gegenüberliegenden Muldenränder waren drei Meter von einander entfernt. Niemand konnte genau sagen, wie die Mulde entstanden ist.
Papa Kaktus glaubte, dass ein Meteorit mit Höllenkaracho in die Wüste gestürzt sei und diesen Krater hinterlassen hätte. Papa Kaktus war ein Prachtexemplar von zwei Metern Höhe. Seine beiden Arme hielt er eindrucksvoll von sich gestreckt wie ein Polizist, der den Verkehr regelt. Da die Wüste aber von Autos sehr selten durchfahren wird, hatte er vielleicht auch andere Absichten.
Mama Kaktus sah in den Termiten die Ursache für die Mulde. Sie glaubte, die Termiten hätten mal etwas anderes als die sonst üblichen Hügel ausprobieren wollen. Die Mulde hätte sich dann aber als unpraktisch herausgestellt, weshalb die Termiten nach diesem Versuch wieder zu der bewährten Hügelbauweise zurückgekehrt seien. Mama Kaktus war ein Meter fünfzig hoch. Sie hielt ihr beiden Arme eleganter als ihr Mann, etwas angewinkelt über den Kopf in den Wüstenhimmel weisend, wie eine Balletttänzerin. Besonders hübsch war sie, wenn sie sich einmal im Jahr in ein prachtvolles Kleid aus zahllosen, kleinen, weißen Blüten hüllte. Wenn an diesen Tagen die aufgehende Sonne ihr warmes Licht in den Tautropfen der Blütenblätter brach, strahlte sie wie die Königin der Wüste.
Wilhelm war Papas Liebling und wollte genauso groß und stark werden wie er. Wilhelm war jetzt schon einen halben Meter hoch, Gottfried übrigens auch, denn sie waren ja Zwillinge. Mit seinem Mundwerk war Wilhelm größer, als es seine 50 Zentimeter vermuten ließen, weniger vornehm ausgedrückt: Er hatte eine furchtbar große Klappe. Er redete ununterbrochen den lieben langen Tag und nahm es auch nicht so genau, wenn seine Geschichten einmal nicht ganz der Wahrheit entsprachen. Wilhelm erzählte immer wieder, die Dinosaurier hätten vor der letzten Eiszeit genau an dieser Stelle mit ihren Eiern Murmeln gespielt und die Mulde sei das Ziel für die Eier gewesen. Er belegte seine Theorie mit etwas kleinem, weiß Gezacktem, was in der Muldenmitte unter ihnen lag.
Gottfried glaubte der Murmeltheorie nicht, wollte sich selbst jedoch nicht auf eine Erklärung festlegen, ohne die Mulde noch genauer untersucht zu haben. Ebenso wie seine Eltern und sein Bruder hatte Gottfried zwei Arme. Er hielt seine Arme ähnlich angewinkelt wie seine Mutter, Wilhelm orientierte sich an der geraden Armhaltung seines Vaters.

Es war später Nachmittag und die Hitze ließ ein bisschen nach. Immer mehr Tiere, die sich vorher in Erdlöchern vor der mörderisch heißen Sonne versteckt hatten, wagten sich aus ihren Schutzlöchern hervor. Skorpione spazierten gemächlich durch die Mulde und ein Wüstenfuchs streckte sich gähnend nach einem langen Mittagsschlaf.
„Hab ich euch eigentlich schon erzählt, dass ich mal Kolumbus getroffen habe? Ihr wisst schon, diesen Typen, der Amerika entdeckt hat.“ Wilhelm schaute die anderen erwartungsvoll an.
„Wilhelm, denk dir nicht wieder irgendwelche Geschichten aus!“, ermahnte ihn die Kaktus-Mama.
„Aber es stimmt! Kolumbus hat den Indianern Fußball beigebracht. Dann haben die Eintracht Apachen gegen den FC Mohikaner gespielt. 2:1 ist es ausgegangen. Knappes Ding.“
„Wilhelm!“, stöhnt der Kaktus-Papa.
„Und Kolumbus hat für jedes Tor einen Strich auf meinen durchtrainierten Body geritzt. Da, schaut!“ Er zeigte auf drei blasse Striche auf seinem Körper. „Und, behauptet ihr jetzt immer noch, ich würde mir alles nur ausdenken?“
„Wilhelm!“, stöhnten Mama und Papa Kaktus gemeinsam.
Gottfried schwieg grinsend und tippte eher auf einen Wüstenfuchs, der an Wilhelm seine Krallen geschärft hatte oder ihn vielleicht auch nur kurzfristig zum Schweigen bringen wollte. Er versuchte nicht mehr auf das Geplapper seines Bruders zu hören und freute sich auf die kommende Nacht. Die letzten Sonnenstrahlen des Tages lagen schon fast schräg auf dem Wüstenboden und tauchten alles in ein warmes, rotes Licht. Gottfried liebte die Nächte in der Wüste. Die Hitze des Tages weicht dann einer klaren, sehr frischen Kühle. Dies liegt an den fehlenden Wolken über der mexikanischen Wüste. Wolken halten die Sonnenwärme des Tages wie ein Federbett fest. Wenn euch morgens jemand die Bettdecke wegzieht, geht es euch wie Gottfried nachts in der Wüste. Aber im Gegensatz zu euch liebte Gottfried diese Kühle. Wenn alle schliefen, starrte er stundenlang in den wolkenlosen Sternenhimmel. Er schaute und dachte nach. Seine Mutter hatte ihm erzählt, dass die Sterne, die er jetzt sähe, schon lange nicht mehr scheinen würden. Ihr Licht sei so lange unterwegs, dass die Sterne selbst während dieser langen Reise schon erloschen seien. Gottfried grübelte, wie der Himmel wohl jetzt gerade aussieht und ob es auf den Sternen auch Kakteen gibt? Später wollte er einmal Forscher werden, um die Fragen selbst beantworten zu können, auf die sogar seine Mutter keine Antworten wusste. Sein Vater begann gleichmäßig zu schnarchen, eine friedliche, kalte und wolkenlose Vollmondnacht hatte begonnen. Es war so hell, dass die Kakteen klare Schatten auf den Boden warfen. Kleine Wüstenmäuse spielten Verstecken und ein Kojote heulte vor Liebeskummer den Mond an. Der aber hatte anderes zu tun und kümmerte sich nicht darum. Gottfried schloss zufrieden die Augen. Nie wollte er aus dieser Mulde weggehen. Seine Forscherstation würde er in genau dieser Mulde gründen und seine Mama würde ihm viele Fragen beantworten und sein Papa seine mächtigen Arme beschützend über ihm ausbreiten. Zufrieden und glücklich gab er sich wieder seinen Träumen hin.

Eine Stimme riss ihn aus seinen Grübeleien: „He, Kleiner! Hörst du das?“
Wie er das hasste, wenn ihn sein gleichgroßer Bruder „Kleiner“ rief.
„Was ist denn?“ fragte Gottfried leise zurück, um seine Eltern nicht zu wecken.
„Hörst du das Brummen? Es klingt wie ein Motor!“ Wilhelms übliche Megaphonlautstärke war kaum gedämpft. Gottfried spitzte die Ohren und konzentrierte sich. Eine Wüstennacht ist angefüllt mit bestimmt hundert verschiedenen Geräuschen, aber ein Motor? „Erzählst du jetzt auch schon nachts komische Geschichten?“, fragte Gottfried verärgert, weil er so plötzlich aus seinen Gedanken gerissen wurde. Doch kaum hatte er die Frage gestellt, nahm auch er ein tiefes, kaum hörbares Brummen wahr.
„Was ist das?“, wisperte Gottfried.
„Keine Ahnung“, antwortete Wilhelm, „vielleicht Kolumbus auf Talentsuche für die nächste Wüstenweltmeisterschaft?“
Durch Wilhelms Getöse wurde jetzt auch die Kaktus-Mama wach.
„Wieso schlaft ihr nicht?“, fragte sie ihre Zwillinge.
„Da brummt was!“, flüsterte Gottfried.
„Es klingt wie ein Motor“, ergänzte Wilhelm.
„Hm, es könnte ein Flugzeug sein, oder auch ein Auto“, vermutete die Mama.
Einzig Kaktus-Papa schlief jetzt noch. In großer Höhe hielt er seine mächtigen Arme beschützend über die anderen drei ausgestreckt und schnarchte einfach weiter.

 

2. Kapitel: Brauchen wir den Ufo-Abschleppdienst?

Drei Kakteen lauschten in die Nacht. Das Gebrumme, das in Papas rhythmischen Schnarchpausen an ihre gespitzten Ohren drang, wurde langsam, aber stetig, lauter.
Plötzlich rief Wilhelm: „Da, ich sehe Lichter!“
Über dem Rand der Mulde hatte er zwei winzige Lichtkegel entdeckt.
„Natürlich siehst du Lichter, das ist der Vollmond!“, brummte Papa, Wilhelms Gebrüll hatte ihn doch noch geweckt.
Papas Vollmond bestand aber aus zwei Monden, stand nicht hoch am Himmel, sondern schien auf dem Wüstenboden gelandet zu sein und kam geradewegs auf sie zu. Das Gebrumme wurde immer lauter und die Lichter immer größer.
„Was ist das?“, fragte Mama.
„Ein Ufo von einem anderen Stern“, vermutete Gottfried.
„Ach ja, ein Ufo? Ich dachte, das heißt „Unbekanntes Flugobjekt“ und nicht „Unbekanntes Fahrobjekt“?“ Wilhelm lachte höhnisch.
Gottfried wollte seine Vermutung retten: „Vielleicht hat es eine Panne oder der Sprit ist ihm ausgegangen!“
„Ja wenn das so ist, sollten wir sofort den Ufo-Abschleppdienst anrufen. Ich schau gleich mal unter „U“ im Telefonbuch nach!“, lästerte Wilhelm.
Gottfried wollte gerade seine Theorie verteidigen, als die Mutter die beiden zum Schweigen brachte.
„Schluss jetzt!“, bestimmte sie. Und weniger bestimmt fragte sie erneut: „Was ist das?“
Papa wurde langsam munter: „Ich erinnere mich nicht mehr genau, in welchem Jahr es war. Wilhelm und Gottfried stritten sich auch noch nicht, weil es sie noch nicht gab. Da fuhr eine Herde Verrückter an unserer Mulde vorbei! Manche saßen in Autos, andere hockten auf hochbeinigen Motorrädern mit Tanks wie Kamelhöcker.“
„Wo wollten die hin, Papa?“ rief Wilhelm begeistert.
„Das weiß ich nicht genau, sie nannten es jedenfalls Rallye!“
„Und wieso haben die das gemacht?“ fragte Wilhelm, den so Abenteuer immer interessierten.
„Vielleicht langweilten sie sich in ihren Büros zu Tode und wollten lieber in der Wüste verdursten!“, brummelte Papa, „oder sie hatten Söhne, die zu viele Fragen stellen!“
Im bleichen Licht erkannten sie nun einen Laster, der einen ebenso langen Anhänger durch die Wüste zog. In der Nähe der Mulde kam die merkwürdige Karawane zum Stehen. Noch im Stand knackte, zischte und ächzte das Gefährt und verströmte einen ekligen Ölgeruch. Der Motorhaube entstiegen bläuliche Rauchwölkchen, die im Vollmondlicht wie Flaschengeister in den Himmel stiegen. Vier Männer sprangen aus dem Führerhaus und begannen, im Licht des Vollmonds zwei Zelte aufzubauen. Dabei fluchten sie, weil der Boden so steinig war. Die vier Kakteen hatten diesen nächtlichen Spuk bisher wortlos beobachtet. Jetzt wisperte Mama: „Was wollen die hier?“
„Ist doch egal“, antwortete Papa, „die werden auch schon wieder verschwinden! Und jetzt wird geschlafen!“
Der einzige, der in dieser Nacht ein Auge zutat, war Papa. Bald schon schnarchte er wieder selig. Die Männer in den Zelten fanden keinen Schlaf, weil der Boden zu hart und zu steinig war. Fluchend wälzten sie sich von einer auf die andere Seite. Mama Kaktus und die Zwillinge beobachteten die wackelnden Zelte bis zum Morgen, teils misstrauisch, teils neugierig.

 

3. Kapitel: Karamba!

Die Männer krochen sehr früh mit den ersten Sonnenstrahlen aus ihren Zelten. Sie schlotterten, schimpften über die Kälte, die Steine und den heulenden Kojoten und sahen recht zerknittert aus. Sie kochten Wasser und brühten in einem verbeulten Kessel Kaffee auf. Der Kaffeegeruch wehte zur Mulde herüber. Gottfried grübelte, ob diese Männer nun Rallyefahrer oder Forscher seien. Von einem anderen Stern schienen sie auf jeden Fall nicht zu kommen. Nach ihrem kurzen Frühstück zogen sie dicke Handschuhe an und holten aus dem Anhänger Spitzhacken und Schaufeln. Dann blickten sie umher und zeigten in verschiedene Richtungen. Lange deutete einer der vier auf ihre Mulde. Gottfried hatte das Gefühl, der Mann würde ihn direkt anschauen. Jetzt trennten sich die Männer und zwei von ihnen kamen mit Hacke und Schaufel auf die Mulde zu. Wilhelm versuchte zu scherzen: „So ein Mist! Ich hab’ die Telefonnummer vom UFO-Abschleppdienst noch nicht herausgekriegt!“ Der Kaktuspapa zischte nur „Ruhe!“ und knurrte zornig. Die zwei Männer stoppten am Muldenrand, stützten sich auf ihre Arbeitsgeräte und betrachteten die Kaktusfamilie. Zufrieden nickten sich die beiden zu. Der mit der Spitzhacke begann, den knochentrockenen Boden um die Zwillinge herum zu lockern. Der mit der Schaufel beförderte die gelöste Mischung aus Sand, Erde und Steinen über den Muldenrand. Sie stoppten mehrmals ihre Arbeit, um, geschützt durch die dicken Handschuhe, an Gottfried und Wilhelm zu wackeln. Gottfried hatte vor Angst zu weinen begonnen, außerdem war es ihm durch das Gerüttel übel geworden. Sogar Wilhelm hatte es die Sprache verschlagen. Die Sonne stand nun hoch am Himmel und die beiden Männer schwitzten, fluchten, hackten und schaufelten um die Wette. Papa Kaktus hatte alle Stacheln aufgerichtet und fluchte ebenfalls, was die Zweibeiner aber nicht hören konnten.

Wie ihr wahrscheinlich wisst, haben Pflanzen uns Menschen gegenüber einen großen Vorteil: Sie können die Menschen verstehen, wir aber können nicht hören, was die Pflanzen sagen. Vielleicht konnten die grabenden Männer ganz froh sein, dass sie die zornigen Flüche des Kaktuspapas nicht hören konnten. Mama Kaktus überlegte fieberhaft, wie man einen Skorpion oder eine Giftschlange herbeirufen könnte, um die Eindringlinge in die Flucht zu schlagen. Außer einer Wüstenspringmaus konnte sie aber weit und breit kein Tier entdecken. Die Männer hatten nun die Kaktus-Zwillinge soweit freigeschaufelt, dass sie fast ganz nackt bis auf die Wurzeln dastanden. Immer wieder schüttelten sie die Zwillinge und zogen an ihnen. Mama und Papa schlangen ihre starken Wurzeln um die kürzeren Wurzeln ihrer Söhne und versuchten, dem Gezerre der Männer Widerstand zu leisten. Diese schmissen jetzt Hacke und Schaufel aus der Mulde und begannen gemeinsam an Wilhelm zu ziehen. Gottfried schloss die Augen und hörte, wie Wilhelm aus der harten Erde schoss. „Blödmänner, von mir erfahrt ihr keine Telefonnummer!“, schimpfte Wilhelm und lag wehrlos auf dem Wüstenboden. Jetzt kamen die schwitzenden und schnaufenden Männer auf Gottfried zu. Sie packten ihn hart und begannen an ihm zu rütteln und zu zerren. Gottfried spürte, wie die starken Wurzeln seiner Eltern von unten an ihm zogen. Es war ein Tauziehen und Gottfried war das lebende Tau. Ein stechender Schmerz zog sich durch seinen ganzen Körper, dann wurde Gottfried langsam ohnmächtig. Zuletzt spürte er noch, wie er aus der Umklammerung seiner Mutter entglitt, bevor ihm völlig schwarz vor Augen wurde.

Irgendwann kam Gottfried wieder zu sich. Es schaukelte wie während eines Sandsturms und irgendetwas brummte. Langsam schlug er die Augen auf. Er lag in einem dunklen Raum inmitten anderer Kakteen. In einer Kiste am Rande entdeckte er die Umrisse von Hacken und Schaufeln. Er blickte nach oben. Obwohl es fast dunkel war, konnte er keine Sterne entdecken.
„Wo bin ich?“, wisperte Gottfried ängstlich.
Eine vertraute Stimme tönte in fast gewohnter Lautstärke: „Du bist im Anhänger deines Ufos!“
„Wilhelm!“, schluchzte Gottfried auf und brach in Tränen aus.

Außerhalb des Anhängers war es wieder dunkel geworden. Der Mond beschien zwei große Kakteen, die verzweifelt und fassungslos in einer vormals gemütlichen Mulde standen. Die Mulde wirkte wie nach einem Erdbeben. Zwei große Löcher sahen im Mondlicht wie klaffende Wunden aus. Papa Kaktus streckte seine mächtigen Arme hilflos in die Nacht und murmelte die ganze Zeit vor sich: „Karamba! Karamba! Karamba!“ Mama Kaktus heulte gemeinsam mit dem Kojoten den Mond an. In dieser Nacht schien der Mond das Klagen zu hören und schickte sanfte, tröstende Strahlen in die Wüste hinab.

 

4. Kapitel: Johoho, und ’ne Ruddel voll Bumm!

Die nach Öl stinkende Karawane schaukelte behäbig weiter durch die Wüste. Immer wieder stoppten die Männer den LKW und luden die Schaufeln und Spitzhacken aus. Nach einiger Zeit schmissen sie dann unsanft Kakteen auf die Ladefläche, die Gottfried und Wilhelm sehr ähnlich sahen. Einige von den Neuankömmlingen schimpften, andere weinten. Die Männer hörten all dies aber nicht. Sie verstauten unbeeindruckt ihre Werkzeuge und die Karawane setzte sich erneut in Bewegung. Innerhalb weniger Tage hatten die Männer ebenso viele Stacheln im Gesicht wie die Kakteen. Die Kakteen überlegten, was mit ihnen geschehen würde. „Wir werden entführt und unsere Eltern müssen dann Lösegeld für uns bezahlen!“, vermutete ein Kaktus.
„Quatsch, die haben doch gar kein Geld!“, antwortete ein anderer.
„Wir machen einen Ausflug“, versuchte ein dritter, der Sache eine positive Seite abzugewinnen.
Da ertönte Wilhelms Stimme: „Ich sage euch, wir werden das Meer sehen. Ich kann es riechen!“
Gottfried machte bei diesen Überlegungen nicht mit. Die Ungewissheit und die Angst schnürten ihm den Hals zu. Auch wenn er gewollt hätte, wäre kein Wort aus ihm herausgekommen. Er wollte nicht wissen, wo sie hinfuhren, er wollte nur zurück. Zurück zu der Mulde, zu seinen Eltern, zurück zu den klaren Wüstennächten und seiner geplanten Forscherstation. Inzwischen war die Ladefläche bis zum Rand angefüllt mit jungen Kakteen und der Laster fuhr nun mit gleichmäßigem Gebrumme ohne Zwischenstopps durch die Wüste. Mit der Zeit wurde das Geholpere weniger, der Laster schien nun auf einer richtigen Straße zu fahren. Dann kam er mit einem Ächzen und Quietschen zum Stehen und giftige Ölwölkchen zogen durch den Anhänger. Die Ladefläche wurde geöffnet und Wilhelm brüllte los: „Wir sind am Meer! Ich hab’s euch gesagt, wir sehen das Meer!“ Ein salziger und fischiger Geruch mischte sich in den Ölgestank. Gottfried erspähte über der Ladekante des Anhängers unzählige, riesige Kräne. Ungeheuer große Stahlkolosse, das mussten wohl Schiffe sein, lagen vertäut im Hafenbecken. Plötzlich ging alles sehr schnell. Sie wurden von den vier stacheligen Männern in große Holzkisten gelegt. Auf den Seiten dieser Kisten stand „Alemania“. Ein Kran hob die Kisten in schwindelerregende Höhen und versenkte sie sogleich tief unten im Bauch eines riesigen Schiffes. Gottfried versuchte sich umzuschauen. Wollte er über die Kante der Alemania-Kiste schauen, musste er in Kauf nehmen, sich die Stacheln seiner Kistenmitbewohner in das eigene Fleisch zu stechen. Gottfried riskierte trotzdem kurze, vorsichtige Blicke und erkannte Berge von Bananen, Orangen und Ananas und viele Kisten voller Kakteen. Die Ladeluken des Schiffes wurden verschlossen. Es wurde dunkel wie in einer mondlosen Wüstennacht und eine ebensolche Kühle breitete sich langsam im Bauch des Ozeanriesen aus. Gottfried spürte ein Vibrieren, begleitet von einem tiefen Brummen. Danach hörte er ein Tuten und seine Kiste begann leicht und gleichmäßig zu schaukeln. Als er sich an das tiefe Dröhnen im Bauch des Schiffes und das Auf und Ab seiner Kiste gewöhnt hatte, nahm er aus einer Nachbarkiste eine ihm wohlvertaute Stimme wahr:
„Eine Seefahrt, die ist lustig, eine Seefahrt die ist schön!“
Wilhelm hatte seine gute Laune wiedergefunden und einige andere Kakteen fielen in seinen dröhnenden Gesang ein. Dann hörte Gottfried hohe, piepsige Stimmen, die ebenfalls der Meinung waren, dass eine Seefahrt lustig sei. Das waren wohl die Orangen. Sie bekamen in ihren Kisten aber schlecht Luft und konnten deshalb nur sehr gepresst mitsingen. Gottfried war sich nicht so sicher, ob die Seefahrt wirklich so lustig sei. Das Schiff tanzte auf den Wellen und die Sonne und die Sterne konnte man hier unten auch nicht sehen. Gottfried musste in der Dunkelheit an die Nächte in der Wüste denken. Er dachte an seine Mutter und seinen Vater. Das Heimweh begann an ihm zu reißen wie die Männer, die ihn aus der Mulde gezogen hatten. In der Erinnerung fühlte er an seinen Wurzeln die Umklammerung seiner Eltern und erneut die höllischen Schmerzen, als er aus diesem scheinbar so sicheren Halt weggezogen wurde. Leise begann er zu schluchzen. „He, Kleiner! Es wird schon alles gut!“
Wilhelm hatte mit dem Singen aufgehört und versuchte, seinen Bruder zu trösten. Zum ersten Mal in seinem Leben ärgerte sich Gottfried nicht über das „He, Kleiner!“, jetzt tat es ihm sogar richtig gut.
„Vielleicht erleben wir ja tolle Abenteuer und kehren als reiche Kakteen nach Mexiko zurück.“ Wilhelm strahlte seinen Zwillingsbruder an.
„Tja, vielleicht“, antwortete Gottfried zaghaft.
Wilhelm erinnerte sich an ein altes Piratenlied von einer Schatzkiste und grölte los:

15 Kakteen auf des roten Mann Kiste-
Johoho, und ’ne Ruddel voll Bumm!
Fuhren zur See, das Ziel jeder gern wüsste-
Johoho, und ’ne Ruddel voll Bumm!

Wilhelm spielte jetzt den Vorsänger, und eine Schiffsladung voll Früchten und Kakteen antworte ihm nach jeder Strophe: „Johoho, und ’ne Ruddel voll Bumm!“ Gottfried fragte sich, was eine Ruddel voll Bumm denn wohl sei. Dann aber begann er, im Chor mit den anderen von der Ruddel voll Bumm zu singen, und die Bedeutung des Satzes wurde ihm immer gleichgültiger. Immer lauter sang Gottfried und dabei spürte er, wie er mit jeder gesungenen Zeile mutiger wurde. Er richtete sich in seiner Alemania-Kiste auf und sang jetzt für sich einen anderen Text. Anstatt „Johoho, und ’ne Ruddel voll Bumm!“ sang er jetzt leise: „Johoho, und ich werde Forscher!“

 

5. Kapitel: Die Rallyefahrer

So verging die Zeit im Bauch des stählernen Riesen. Gottfried konnte nicht sagen, wie viele Tage ihre Reise schon andauerte. Es gab keinen Tag und keine Nacht, sondern nur ein immer gleiches Dämmerlicht. Die Temperatur war so kühl wie eine Wüstennacht, doch folgte darauf nie die Hitze eines Wüstentages. Gottfried hatte sich an das Schaukeln des Schiffes gewöhnt und fand es manchmal sogar ganz angenehm, beruhigend einschläfernd. Die Kakteen erzählten sich ihre Lieblingsgeschichten und immer wieder sangen sie das Lied von der Ruddel voll Bumm.
Auf einmal veränderte sich das tiefe, gleichmäßige Motorengeräusch und das Schaukeln des Schiffes wurde weniger. Es ertönte wieder ein tiefes, durchdringendes Tuten, das den ganzen Schiffsbauch zum Vibrieren brachte. Gottfried grinste innerlich: „Zum Glück hat Wilhelm nicht so eine laute Stimme!“ Dann kehrte Ruhe ein. Die Kakteen und Früchte warteten mucksmäuschenstill, was nun geschehen würde. Doch es passierte lange Zeit nichts. Wilhelm begann gerade zu schimpfen, er habe doch nicht eine so weite Reise unternommen, um am anderen Ende der Welt in einem dunklen Kühlschrank vor sich hin zu gammeln, als sich die Ladeluken öffneten. Ein Mann in einem Kran hoch über ihnen sagte: „Hamburger Hafen, Fahrtende! Bitte alle aussteigen!“, und lachte über seinen eigenen Witz. Da er den Witz aber nicht auf Spanisch erzählt hatte, lachte er alleine. Was jetzt passierte, kannte Gottfried schon, nur in der umgekehrten Reihenfolge: Der Kran hob ihn erst in eine Höhe, die sonst den Wüstengeiern vorbehalten ist, dann sausten sie wie in einem Fahrstuhl bergab und ehe sich Gottfried überlegen konnte, ob es ihm jetzt übel würde, fand er sich erneut in einem LKW wieder. Wilhelm genoss diese Kranfahrt und sang begeistert:

15 Kakteen in der Alemania-Kiste-
Johoho, und ’ne Ruddel voll Bumm!
Waren am Ziel, na also, na siehste!
Johoho, und ’ne Ruddel voll Bumm!

Der LKW setzte sich in Bewegung. Es schaukelte nicht mehr wie im Bauch des Schiffes, doch war es ebenso dämmerig und kühl wie dort. Gottfried befürchtete, „Alemania“ könnte ein ausländisches Wort für den Nordpol zu Zeiten der Polarnacht sein. Auch wenn er die Hitze vermissen würde, hätte er dann aber wenigstens etwas zu erforschen. Der LKW stoppte an einer breiten Rampe. Darüber stand in großen Buchstaben: „Tengelfrau“. War dies vielleicht die Frau von Herrn Alemania und sie waren doch nicht am Nordpol gelandet? Als Gottfried so vor sich hin grübelte, kam plötzlich ein gefährlich aussehendes Ungeheuer auf die nun offene Ladefläche des LKW zugefahren. Es hatte funkelnde Augen und zwei metallische Stoßzähne. Diese Zähne verbissen sich unter Gottfrieds Kiste, schleuderten sie ein Stück nach oben und rissen sie rückwärts mit sich. Jetzt hatte Gottfried langsam genug von dem hin und her und er schloss die Augen. Gottfried wartete ab, bis er längere Zeit fest an einem Ort stand und öffnete dann erst vorsichtig die Augen. Er fand sich inmitten von anderen Kakteen und Pflanzen auf einem Regal wieder. An seinem linken Arm baumelte ein Schildchen, auf dem Zahlen standen. Er vermutete, nun im Bauch der Tengelfrau zu sein. Gottfried entdeckte zahllose weitere Regale und scheinbar ebenso viele Gänge, die wie ein Labyrinth angeordnet waren. Er stellte sich vor, dass ein Fremder in dieser vertrackten Gangwüste bestimmt leicht verdursten konnte. Endlich war es auch wieder heller und wärmer und eine unsichtbare Kapelle spielte leise Musik. Manchmal sprach auch ein verborgener Mensch von einer Odenwälder Dauerwurst, was Gottfried als mexikanischer Kaktus aber natürlich nicht verstehen konnte. „Da sind die Rallyefahrer!“, tönte Wilhelm plötzlich los. Tatsächlich entdeckte jetzt auch Gottfried Menschen, die wie bei einem Wettrennen Fahrzeuge aus Drahtgitter auf kleinen beweglichen Rollen durch die Gänge schoben. Dabei sammelten sie im Innern des Gitterwagens Vorräte für eine ausgedehnte Wüstendurchquerung. Manchmal krachten diese Fahrzeuge ineinander und die Rallyefahrer begannen dann laut in einer fremden Sprache zu schimpfen. Wahrscheinlich konnten sie nach einem Unfall das Wettrennen nicht mehr gewinnen. Die Kinder hatten eine andere Technik, ihre Rallyefahrzeuge zu bewegen: Sie nahmen Anlauf und sprangen dann bei voller Fahrt auf die hintere Stoßstange. Mit diesem Schwung sausten sie durch die Gänge, ohne dabei weiter Vorräte zu sammeln. Als ein Kind jedoch mit Getöse in eine kunstvoll aufgeschichtete Büchsenpyramide krachte, erschien sofort der Rennleiter. Er trug einen weißen Kittel, sieben Kugelschreiber verzierten seine Brusttasche und er hatte einen roten Kopf, als sei er eine Woche ohne Hut durch die Wüste gewandert. Er brüllte herum, wahrscheinlich hatte er tatsächlich einen Sonnenstich. Scheinbar hatte er ab diesem Zeitpunkt die Stoßstangenrenntechnik verboten, denn Gottfried sah jetzt nur noch Kinder, die wie die Großen die Gitterwagen schoben. Dann gab es bei manchen Fahrzeugen noch kleine Co-Piloten, die rückwärts im Rallyeauto sitzend durch den labyrinthartigen Bauch der Tengelfrau geschoben wurden. Dabei hatten die Co-Piloten die Aufgabe, ebenfalls Proviant aus den prallgefüllten Regalen einzusammeln. Die Piloten versuchten dies jedoch zu verhindern, indem sie möglichst genau in der Gangmitte fuhren. Kam dann aber ein vom Kurs abgekommener Rallyefahrer entgegen, musste der Pilot zum Regal hin ausweichen und der Co-Pilot konnte blitzschnell zugreifen. Meist folgte hierauf eine Rennunterbrechung, weil Pilot und Co-Pilot eine neue Rennstrategie besprachen. Manche Co-Piloten weinten nach dieser Besprechung.
Einer dieser brüllenden Co-Piloten wurde zur Ablenkung vor das Kakteenregal gefahren. Die Pilotin griff nach Wilhelm und hob ihn hoch. Sie betrachtete sein Schildchen und wackelte vorsichtig an seinen beiden Armen. Dann hielt sie Wilhelm vor den Co-Piloten, der inzwischen mit dem Brüllen aufgehört hatte. Der Co-Pilot wollte nach Wilhelm greifen, die Pilotin entfernte ihn jedoch schnell aus der Reichweite ihres Co-Piloten und verstaute ihn zwischen dem Proviant im Gitterwagen. Der Co-Pilot begann erneut zu brüllen, als er Wilhelm nicht anfassen durfte und die Pilotin das Rennen trotzdem wieder aufnahm. Wilhelm rief Gottfried in einer kurzen Atempause des Co-Piloten zu: „Jetzt geht’s los! Adios, Kleiner! Wir sehen uns!“ und schon war er in einem Seitengang verschwunden. Gottfried wollte gerade zu weinen beginnen, als die Musikkapelle von einer unsichtbaren, aber wohlbekannten Stimme übertönt wurde:

Ein stolzer Kaktus in der Drahtrollenkiste!
Johoho, und ’ne Ruddel voll Bumm!
War jetzt am Ziel, na also, na siehste!
Johoho, und ’ne Ruddel voll Bumm!

Da verkniff sich Gottfried die Tränen und ganz tief innen drin musste er sogar ein bisschen grinsen.

 

6. Kapitel: Papa soll erinnert werden

Gottfried schaute Wilhelm nach. Dabei entdeckte er in der Ferne eine Glasscheibe, durch die er ein bisschen ins Freie sehen konnte. Draußen dämmerte es. Langsam hatten sich auch die Rallyefahrer verändert. Immer weniger kamen mit Co-Piloten, dafür trugen die meisten jetzt schicke Anzüge und auf Hochglanz polierte schwarze Schuhe. Manchmal standen sie rätselnd vor einem der vielen Regale. Dann griffen sie in die Jackentasche und holten ein kleines schwarzes Gerät heraus. Sie wischten einige Male darüber und hielten sich dann das Gerät mit ernster Miene ans Ohr. Nach einiger Zeit sprachen sie beschwörende Formeln in das kleine Gerät. Dies gab ihnen scheinbar genug Selbstvertrauen, um sich für den richtigen Proviant zu entscheiden. Das gewählte Päckchen oder die Dose flog dann in hohem Bogen in den Gitterwagen, als wäre dies nie eine Frage gewesen. Doch schon am nächsten Regal konnte es sein, dass die Rallyefahrer erneut zum kleinen schwarzen Gerät griffen. „Rallyefahrer sind etwas merkwürdig, vielleicht auch ein bisschen abergläubig“, stellte Gottfried für sich fest.
Draußen wurde es immer dunkler und bald kamen keine neuen Rallyefahrer mehr herein. Dafür erschien eine schlabbernde Maschine, die von einem Mann durch alle Gänge geschoben wurde. Gierig leckte sie mit einer Riesenzunge alles ab, wo sie nur langgeschoben wurde. Dann kam der Rennleiter im weißen Kittel. Der Gesichtsfarbe nach zu urteilen hatte er sich von seinem Sonnenstich erholt. Er schloss alle Türen ab und löschte das weißliche Licht. Die Musikkapelle war auch schon vor einiger Zeit nach Hause gegangen. Im Bauch der Tengelfrau kehrte Ruhe ein. Auf Gottfried wartete eine denkwürdige Nacht. Es war die erste Nacht in seinem Leben ohne Wilhelm, den „großen“ Zwillingsbruder. Es war wieder eine Nacht ohne seine Eltern, ohne den tröstenden Sternenhimmel und die erfrischende Kühle. Es war wieder eine Nacht fern von seiner geliebten Mulde.
„Und trotzdem“, dachte Gottfried, „weine ich jetzt nicht!“
Er summte leise die Melodie von der Bumm-Ruddel, immer und immer wieder. Kurz vor dem Einschlafen murmelte er: „Johoho, und ich werde Forscher!“
Am nächsten Morgen wurde Gottfried von dem Rennleiter im weißen Kittel geweckt, der geschäftig mit einem großen Schlüsselbund klimperte. Gottfried hatte sich vorgenommen, an diesem Tag mit seiner Forschertätigkeit zu beginnen. Zuerst wollte er die Rallyefahrer untersuchen. Einige Tage später hatte er herausgefunden, dass über den Tag verteilt verschiedene Wettrennen stattfinden. Morgens kamen die Pilotinnen mit den ganz kleinen Co-Piloten. Nachmittags fuhren die Pilotinnen und Piloten um die Wette, die Kinder dabeihaben, die schon die Renntechnik auf der hinteren Stoßstange beherrschen. Abends kamen die abergläubigen Männer mit den glänzenden Schuhen. Den ganzen Tag über fanden Wettrennen statt für besonders windschlüpfrige Piloten. Die hingen tiefgebeugt über ihrem Rallyewagen und hatten oft graue oder weiße Haare. Ihre Aufgabe war es, so folgerte Gottfried, den anderen Rennteilnehmern möglichst lange den Weg zum Ziel zu versperren.

Eines Nachmittags beobachtete Gottfried eine Mutter mit ihrer Tochter. Das Mädchen hieß Kathrin Lindner, was Gottfried aber noch nicht wusste. Kathrin fuhr nicht auf der hinteren Stoßstange, sondern sie schob den Gitterwagen. Sie hatte sich mit ihrer Mutter gestritten und brummelte vor sich hin. Kathrin ging in die zweite Klasse. Dort durfte sie jetzt auch für die Hausaufgaben einen Füller benutzen. Weil sie aber Linkshänderin war, verwischte sie manchmal frisch geschriebene Buchstaben. Heute hatte Frau Lindner gewollt, dass sie die Hausaufgaben wegen der „Schmiererei“ noch einmal ordentlich abschreibt. Kathrin fand das ungerecht! Was kann sie denn dafür, dass sie mit links schreibt und dass die blöde Tinte so langsam trocknet? Kathrin weigerte sich, aber dann war ihre Mutter sauer. „Du wirst schon sehen, was deine Lehrerin morgen dazu sagt!“, drohte sie. Jetzt gingen die beiden schweigsam an Gottfrieds Regal vorüber. Kathrin blieb stehen. Sie kämpfte mit sich, sprach dann aber doch wieder mit ihrer Mutter.
„Guck mal“, sagte sie, „der sieht aus wie Papa im Urlaub!“
Gottfried verstand nicht, was Kathrin sagte. Er merkte aber, dass sie auf ihn zeigte. Sollte er etwa in den Proviantkorb wandern? Das Mädchen gefiel ihm. Sie sah ein bisschen traurig aus, so wie er, wenn er an seine Mulde in Mexiko dachte. Gottfried richtete sich zu seiner vollständigen Größe auf (er war jetzt schon 52 Zentimeter groß!) und spitzte die Stacheln.
„Tatsächlich, du hast Recht! Wie der Papa!“ Frau Lindner musste lächeln.
„Ach, hab’ ich heute auch mal Recht?“
„Was soll das denn heißen? Willst du schon wieder streiten?“
„Das soll heißen, dass ich mit dem Füller dann schmiere, wenn ich das möchte!“
„Ja, möchtest du denn schmieren?“
„Nein, aber ich muss!“
„Lass uns mal abwarten, was deine Lehrerin morgen dazu sagt.“
„Die dreht mir dann das Heft wieder so, dass ich mir beim Schreiben fast den Hals verrenke!“
Gottfried verstand die beiden nicht und wurde langsam ungeduldig. Was denn nun? Sollte er den ganzen Tag mit eingezogenem Bauch, angehaltenem Atem und aufgerichteten Stacheln in Positur stehen? Er begann gerade die Luft rauslassen, als ihn Kathrin aus dem Regal holen wollte. Frau Lindner half ihr, denn mit seinem Blumentopf war Gottfried schon ganz schön schwer.
„Wollen wir Papa den Kaktus mitbringen, damit er sich öfter rasiert?“
„Gute Idee, dann ist er vielleicht nicht immer so kratzbürstig“, sagte Frau Lindner. Die beiden zwinkerten sich zu. Dann zwinkerte Kathrin auch Gottfried zu und sie setzten ihn vorsichtig in den Gitterwagen. Bei der Fahrt durch die Gänge betrachtete Gottfried zufrieden die anderen, für ihn noch fremden, Regale. Er war so stolz, jetzt selbst in einem Gitterwagen zu sein! Die Fahrt stoppte, und Frau Lindner hob ihn auf eine gummiartige automatische Straße, die sich in unregelmäßigen Abständen vorwärts bewegte. Gottfried staunte. Bisher kannte er nur Straßen, die still dalagen und worauf die Autos sich bewegten. Hier war es andersrum! Eine Frau in einem weißen Kittel, die er schon öfter im Bauch der Tengelfrau gesehen hatte, nahm das Schildchen an seinem Arm in die Hand. Sie richtete eine Taschenlampe mit rotem Licht auf das Schildchen. Die roten Strahlen kitzelten Gottfried, als sie seinen Bauch streiften, und er musste lachen. Frau Lindner hob ihn von der selbstfahrenden Straße und Kathrin fuhr ihn im Gitterwagen vorsichtig aus der Tengelfrau hinaus. Bald stand Gottfried neben Kathrins Füßen in dem kleinsten LKW, den er in seinem ganzen Kaktusleben jemals gesehen hatte. Aber selbst in diesen Mini-LKW passte eine Musikkapelle, die kurz nach dem Losfahren zu spielen begann.

 

7. Kapitel: Ein neuer Platz und neue Töne

Nach vielen kleineren Zwischenstopps hielt der kleine LKW endgültig und die Musikkapelle brach mitten im Stück ab. Frau Lindner schleppte Gottfried stöhnend eine kurze Treppe hinauf. Sie trug Papas Erinnerung, sich öfter zu rasieren, durch den Windfang, den Flur und steuerte das Wohnzimmer an. Dort stellte sie Gottfried ächzend auf eine breite Fensterbank. Kathrin drehte und rückte ihn noch ein paar Mal hin und her, nickte zufrieden und zwinkerte ihm wieder zu. Gottfried war sich unsicher, ob er zurückzwinkern sollte, ließ es fürs erste und blickte sich vorsichtig um. Er befand sich nun in einem Zimmer, das kleiner als der Bauch der Tengelfrau war. Durch ein großes Fenster konnte er in den Garten schauen. Er sah alte, große Bäume, an einem hing eine Schaukel. In der hinteren Gartenecke plätscherte in einem kleinen Teich ein Springbrunnen. Bestimmt konnte er von seinem Platz aus nachts die Sterne sehen, überlegte er. Würde das hier seine neue Mulde werden? Fremdartige, breiige Klänge rissen ihn aus seinen Gedanken.
„Ei, gucke ma da, isch werd verrickt! Was habbe mer dann da fürn Stachel-Heini?“ (Guck mal da, ich werde verrückt! Was haben wir denn da für einen Stachel-Heini?)
Eine Becherprimel, die in einer Gärtnerei im tiefsten Hessen aus der Erde gekommen war, nahm den Neuankömmling unter die Lupe.
„Ei guude wie, wer bist dann du? Isch bin de Häbberd!“ (Hallo, wie geht es dir? Wer bist denn du? Ich bin der Herbert!)
Gottfried fühlte das Wort an sich gerichtet, er verstand jedoch überhaupt nichts. Deshalb schwieg er lieber.
„Ei was dann? Du schwätzt aach net mit jedem? Bist wohl was Besseres, du alder Stachel-Babbsack?“ (Was ist denn? Du redest wohl auch nicht mit jedem? Bist wohl was Besseres, du alter Stachel-Heini?)
Herbert, die hessische Becherprimel, war beleidigt. Er hatte viele kleine, violette Blüten. Zum Blütenrand hin ging das Violett in ein cremiges Weiß über. War Herbert jedoch wütend, bekam er rote Blüten. Jetzt stand er feuerrot auf der Fensterbank.

„Gemach nur mein Freund, lass er ihm doch Zeit,
bestimmt war des Fremden Weges sehr weit!“

Die Pflanze, die jetzt sprach, klang in Gottfrieds Ohren angenehmer. Es war ein Frauenschuh, eine Orchideenart. Sie sprach leise, sehr weich und beinahe so, als würde sie singen. Sie hatte nur drei Blüten. Die waren jedoch so elegant und raffiniert geformt, als hätte sie ein Künstler erschaffen. Dieser Frauenschuh war eine Ur-, Ur-, Ur-, Ur-, Urablegerin von der Pflanze, die bei dem Dichter Goethe auf dem Schreibpult gestanden hatte. Deshalb glaubte sie, so komisch reden zu müssen. In Erinnerung an diesen Herrn Goethe hieß diese Orchidee Johanna. Aber auch wer in vornehmen Versen spricht, ist trotzdem ein bisschen neugierig.

„Oh Fremder, nun sage uns bitte geschwind,
wo kamest du her, durch Nacht und durch Wind?“
Gottfried, der so elegant Befragte, antwortete wieder nicht. Selbst wenn er die deutsche Sprache gekonnt hätte, wäre ihm der Sinn dieser merkwürdigen Verse wahrscheinlich ein Rätsel geblieben. Johanna störte es aber nicht, wenn sie nicht jeder verstand. Im Gegenteil: Es gab ihr das Gefühl, etwas Großartiges gesagt zu haben.

„Ei, mir brennt de Kiddel. Isch sachs doch, der schwätzt nix! Vielleicht issern bissi bleed?“ (Ich koche vor Zorn. Ich sag es doch, der redet nichts! Vielleicht ist er ein bisschen blöd?)

„Ruhig Blut, oh Herbert, echauffier’ er sich nicht, (reg dich nicht auf)
vielleicht morgen erscheint er in neuem Licht!“

„Morsche, morsche, nur net heude,
saache alle Dichderleude! (Morgen, Morgen, nur nicht heute, sagen alle Dichterleute!)

Gell, da staunste. Isch kann aach so fürnehm daherschwätze. Aber jetzt rutscht mir alle mal de Buggel runner!“ (Da staunst du, oder? Ich kann auch so vornehm reden. Aber jetzt rutscht mir alle mal den Rücken runter!)

Während Herbert zornig vor sich hinkochte, schlugen die Yuccapalmen zu Ehren des Neuankömmlings ein abendliches Fest vor. Bis auf Herbert und Gottfried waren alle Pflanzen von dieser Idee begeistert. Herbert schmollte noch und Gottfried verstand ja die Sprache und somit auch den Vorschlag nicht. Acht Uhr wurde als Beginn des Festes festgesetzt und Johanna wollte bis zum Abend noch eine paar Verse dichten.
Pünktlich um acht Uhr stimmten die Gummibäume einen Gesang an, der Gottfrieds Herz zum Schmelzen brachte. So klangen bestimmt die Engel im nächtlichen Wüstenhimmel. Gottfried, der bis dahin nur Wilhelms Bumm-Ruddel-Getöse und die einschläfernde Kapelle aus der Tengelfrau kannte, schloss genießerisch die Augen und öffnete um so weiter die Ohren. Alle anderen Pflanzen auf der Fensterbank bewegten in der warmen, aufsteigenden Luft der Heizung ihre Blätter im Takt. Gottfried stand inmitten der tanzenden Pflanzen und träumte zu der schönen Musik. Als der Gesang endete, hörte er die bekannte, breiige Stimme:

„Hey, Stachelheini, mach’ dich ma’ loggär! Einfach volles Rohr aus de’ Hüfde mitschwinge!“ (Hey, Stachelheini, mach’ dich mal locker! Einfach volles Rohr aus der Hüfte mitschwingen!)

Alle starrten Gottfried an, er fühlte sich unbehaglich. Die Gummibäume stimmten wieder ihren himmlisch schönen Gesang an und unzählige Blätter wedelten elegant in der warmen Heizungsluft. Gottfried hätte gerne mit den anderen getanzt, doch beschränkte sich sein tänzerisches Talent auf kurze, ruckartig kantige Bewegungen. Die hätten aber gar nicht zu dem schwebenden Gesang der Gummibäume gepasst. Während alle sich zum Gesang verneigten und wieder aufrichteten, stand Gottfried da, als hätte er einen Besenstiel verschluckt. Die Gummibäume beendeten das zweite Lied und Johanna, die Dichterblume, räusperte sich. Sie schien aufgeregt und vergaß vor lauter Schreck in Versen zu reden.

„Äh, nun, wohl an, mir erscheint unser neuer Mitbewohner doch als ein wenig hochnäsig. Er glaubt wohl, wir brächten ihm eine Tanzdarbietung und es läge nicht an ihm mitzutun. Dies veranlasst mich zu einer kurzfristigen Programmänderung. Das Gedicht: ‚Von drauß’ der Wüste kommst du her!‘ entfällt leider in Anbetracht des stoffeligen Verhaltens dieser stacheligen Person, stattdessen nun ein Beweis meiner spontanen Dichtkunst:

Ob der Kaktus heute still
wohl beim Tanze stehen will?
Also sprach in ernstem Ton
Johanna vom Dichterthron,
und der Herbert blickte stumm
auf der Fensterbank herum.
Doch der Kaktus hörte nicht,
was zu ihm Johanna spricht.
Er bockt
und stockt,
er trappelt nicht
und zappelt nicht
auf dem Bänkchen hin und her.
Kaktus, das missfällt mir sehr!“

Johanna beendete sowohl ihr Gedicht als auch die Feier, die anderen Pflanzen murrten. Sie sahen in Gottfried den bockigen Spielverderber und schauten ihn böse an. Dieser spürte ihre düsteren Blicke und war sich doch keiner Schuld bewusst. Was hatte er falsch gemacht? Was wollten die von ihm? Er war nicht freiwillig aus seiner Kuhle weggegangen! Wenn er doch bloß mit ihnen reden könnte! Gottfried schloss die Augen. Er dachte an Mexiko, an seine Mutter, an seinen Vater. Wie es wohl Wilhelm gerade ergeht? Ob ihn in seiner neuen Kuhle auch alle böse anschauen, obwohl so schöne Musik erklingt? Gottfried beschloss, die Augen nicht zu öffnen, bis alle anderen Pflanzen eingeschlafen sind. Er wollte mit den tröstenden Strahlen des Mondes alleine sein. Als er nach langer Zeit vorsichtig die Augen öffnete, konnte er keinen Mond entdecken. Dunkle Wolkenberge verdeckten den Mond, Bindfäden regneten auf die Erde herab wie bei einem der seltenen Wolkenbrüche in der Wüste. Jetzt gab es für Gottfried kein Halten mehr und er begann hemmungslos zu weinen.

 

8. Kapitel: Ein Kaktus als Modepüppchen

Gottfried war Kathrins neuer Liebling. Oft kam sie zu der Fensterbank im Wohnzimmer, zwinkerte ihm zu und sprach mit ihm. Gottfried verstand zwar ihre Worte nicht, erkannte aber an ihrem freundlichen Tonfall, dass sie es gut mit ihm meinte. Ebenso gut meinte es Kathrin mit der Gießkanne. Sooft sie nur vor der Fensterbank stand, goss sie ihren neuen, stacheligenLiebling. Dabei flüsterte sie jedes Mal den Spruch ihres Vaters: „Iss was, damit du was wirst!“ in abgewandelter Form: „Trink was, damit du was wirst!“ Kathrin wollte, dass Gottfried schnell wächst. Leider tat sie ihm mit ihrer häufigen Gießerei keinen Gefallen. Gottfried war nun einmal das Klima der mexikanischen Wüste gewöhnt. Dort regnete es fast nie, manchmal nur einmal im Jahr. Dann kam zwar ein reißender Sturzbach vom Himmel. Die Wolken verzogen sich aber in der Regel so schnell wie sie gekommen waren und die Sonne leckte durstig das Wasser vom Wüstenboden auf. Die Pflanzen mussten in der Wüste also ein Wettrennen gegen die Sonne gewinnen, wenn es endlich einmal geregnet hatte. Ein Kaktus hat dafür viele Wurzeln, die flach unter der Erdoberfläche verlaufen. Damit kann er viel Wasser aufnehmen, bevor es durch die Sonne verdunstet. Dieses Wasser speichert der Kaktus in seinem fleischigen Stamm und wird dabei ganz prall und fest. Von diesem Vorrat lebt der Kaktus dann in der folgenden Zeit der Dürre. Dabei schrumpft er immer mehr, wird welk und fällt in sich zusammen. Seine Dornen und Stacheln schützen ihn davor, von den Tieren der Wüste als lebendes Trinkpäckchen missbraucht zu werden. Jetzt lebte Gottfried dank Kathrin in einer täglichen Regenzeit. Wenn er sie nur mit der Gießkanne nahen sah, hielt er die Luft an. Gottfried hoffte, Kathrin würde Herbert einmal genauso unter Wasser setzen wie ihn. Vielleicht würde er dann weniger von seinen breiigen, gezischten Lauten ausstoßen. Aber diesen Gefallen tat Kathrin ihm nicht. Immer erwischte dieses eigentlich so freundliche Mädchen ihn. Sein Fleisch war schon so prallgefüllt, als müsse es jeden Moment platzen. Seine Wurzeln, den trockenen Wüstenboden gewöhnt, begannen zu faulen. Gottfried wusste nicht, wie lange er dieser Sintflut noch würde standhalten können.
Dann kam der Tag, an dem Gottfried seine Rolle als Kathrins Liebling kurzzeitig einbüßte, was ihm aber das Leben retten sollte. Kathrin hatte Besuch. Julia, eine Klassenkameradin, war auf einem Rummelplatz gewesen und hatte Kathrin als Geschenk einen Luftballon mitgebracht. Der war von einem Jahrmarktsmann wie von Zauberhand durch Drehen, Ziehen und viel Hokus Pokus in einen Hund verwandelt worden. Kathrin fand den Hund klasse und taufte ihn Schnuffi, was ihn jedoch nicht davor bewahrte, dass mit ihm im Wohnzimmer Ball gespielt wurde. Schnuffi flog zwischen Kathrin und Julia hin und her, drehte in der Luft Purzelbäume, flog kopfüber und kopfunter. Das Spiel der beiden Mädchen wurde immer wilder, und ihr könnt bestimmt schon ahnen, was dann geschah: Kathrin schmiss den Hundeballon in hohem Bogen in die Luft, der tänzelte unter der Zimmerdecke, kam ins Trudeln, bog überraschend nach rechts ab und hielt direkt kopfüber auf Gottfried zu. Bevor die Mädchen reagieren konnten, verabschiedete er sich mit einem lauten Bumms von seinem Hundeleben und blieb als zerfetzter Gummi auf Gottfrieds Stacheln hängen. Kathrin fing vor Zorn zu brüllen an: „Du blöder Stachelheini! Du hast meinen Hund kaputtgemacht!“
Herbert sah die Sache etwas anders: „Ei Mädel, isch fraach misch, wer dann hier bled is? Des war doch klar wie Kloßbrieh, dass de Gummidackel irschendwann in de Stachelheini enei krache tut!“ (Mädchen, ich frage mich, wer denn hier blöd ist? Das war doch klar wie Kloßbrühe, dass der Gummidackel irgendwann in den Stachelheini reinkracht!)
Johanna meinte nur ohne großes Mitgefühl: „Dieses war der letzte Streich, und der Hund ward Gummi gleich!“
Julia pflückte die Gummireste des Hundes von den Kaktusstacheln. „Guck mal Kathrin, der Kaktus hat hier oben zwei Punkte, die sehen aus wie Augen!“
Herbert brummelte kopfschüttelnd vor sich hin: „Ei Mädel, Kerlle, Kerlle, Kerlle. Des sinn doch die Augen! En Handkäs wird’s grad net sein!“ (Mädchen, Kerle, Kerle, Kerle. Das sind doch die Augen! Ein Handkäse wird es bestimmt nicht sein.)
Diese wenig schmeichelhaften Worte konnte Julia nicht hören, und so fuhr sie fort: „Ich find’ den trotzdem süß. Guck mal, wie der seine Arme hält, wie ein Mensch, sogar ein bisschen wie ein Tänzer!“ Da kam ihr eine Idee: „Hattest du nicht mal so eine kleine verspiegelte Sonnenbrille mit neongrünem Gestell?“
Kathrin wunderte sich, ihre Freundin war manchmal komisch. Sie trauert um ihren Hundeluftballon, und Julia erzählt von irgendwelchen Sonnenbrillen.
„Ja kapierst du denn gar nichts? Wir setzen dem Kaktus die Sonnenbrille auf die Stacheln und machen ein Foto!“ Julia wurde ungeduldig, doch langsam war bei Kathrin der Groschen gefallen. So wie ihre schlechte Laune verschwand, kam ihr noch eine gute Idee: „Und dann hängen wir ihm noch ein Tuch über die Arme, dann sieht er aus wie Batman!“

Gesagt, getan. Die beiden Mädchen pflügten das Kinderzimmer auf der Suche nach der Sonnenbrille um, fanden sie unter dem Bett und verließen den Raum in einem Zustand, den Kathrins Eltern gerne mit dem Einschlagen eines Blitzes verglichen. Aus einer Garderobenschublade suchten sie ein golden schimmerndes Seidentuch von Kathrins Mutter heraus. Dies würde der Batman-Umhang für den Kaktus werden. Jetzt fehlte nur noch die Kamera und es konnte losgehen.
Julia schob Gottfried die Sonnenbrille über die Punkte, die so aussahen wie Augen. Herbert hatte Recht gehabt, es waren Gottfrieds Augen. Mit einem Schlag wurde es zappendustere Nacht für ihn. Er fühlte etwas Leichtes, das ihm über die Arme gehängt wurde. Kathrin und Julia standen jetzt vor ihm und begannen zu lachen. Den beiden Mädchen liefen die Tränen und sie mussten sich die Bäuche halten, die vor lauter Lachen schon ganz wehtaten. Gottfried wusste nicht, ob die beiden ihn an- oder auslachten. „Wie der unrasierte Batman!“, gluckste Julia und verschluckte sich dabei. „Und jetzt das Foto!“ rief Kathrin. Sie baute sich vor Gottfried auf. Dieser sah durch die dunklen Brillengläser, dass Kathrin einen kleinen, silbernen Kasten vor die Augen hob. Dabei schob sie ihren Bauch heraus und beugte sich mit dem Kopf zurück. Gottfried beobachtete das Spektakel der beiden Mädchen interessiert. Plötzlich ging alles rasend schnell. Auf Gottfried krachte ein Blitz herab, ohne dass er nur das geringste Wölkchen am Himmel gesehen geschweige denn irgendwo einen Donner gehört hatte. Der Donner sollte aber gleich folgen. Plötzlich rief nämlich Kathrin: „Mist, Mama kommt nach Hause!“ Sie befürchtete, dass ihre Mutter nicht bereitwillig wie Sankt Martin ihre Mäntel und Tücher mit einem Kaktus teilen wollte. Besonders bei ihren Seidentüchern war sie sehr empfindlich. Kathrin hörte sie im Flur ein langgezogenes „Hallo“ rufen und zog hastig dem Kaktus das Tuch von den Armen. Beim Betreten des Wohnzimmers bot sich Frau Lindner ein merkwürdiges Bild: Ihre Tochter hielt ein zerfetztes Seidentuch in der Hand, um den Hals hing ihr ein Fotoapparat, außerdem begann sie gerade zu weinen. Julia starrte entsetzt auf das Seidentuch in Kathrins Hand. Zwischen den beiden Mädchen stand ein Kaktus, der eine verspiegelte Sonnenbrille trug und an dessen Armen golden schimmernde Stofffetzen hingen.
„Was ist hier los?“, fragte sie die beiden Mädchen.
„Der blöde Kaktus hat meinen Hund kaputtgemacht!“ jammerte Kathrin.
„Was habt ihr mit meinem Seidentuch gemacht?“, rief Frau Lindner entsetzt. Pause, betretenes Schweigen. „So, jetzt mal in Ruhe und von vorne!“ bestimmte die Mutter.
Die drei setzten sich an den Esstisch und besprachen die Geschichte mit dem Kaktus. Gottfried kam sich reichlich dämlich vor. „Hey, Joe Cool, alles im griene Bereisch?“ (Hey, Joe Cool, alles im grünen Bereich?), blökte ihn Herbert an und lachte wie eine meckernde Ziege. Johanna schüttelte nur sachte den Kopf und meinte zu dem ganzen Spektakel: „Übermut tut selten gut.“
Nach einiger Zeit kamen Kathrin, Julia und die Mutter aus der Essecke zur Fensterbank. „So, jetzt nehmt dem Kaktus mal die Sonnenbrille ab. Der Kaktus ist ein Lebewesen und kein Spielzeug!“ Als sie das sagte, betrachtete sie Gottfried näher. „Mein Gott! Was ist denn das? Der schwimmt ja im Wasser!“ „Ich wollte, dass er schnell wächst!“ antwortete Kathrin kleinlaut. „Noch ein bisschen mehr Wasser, und er wächst nie mehr. So, meine Damen, jetzt passiert folgendes: Wir topfen den Kaktus um, so dass er wieder trockene Füße bekommt. Danach geht ihr in die Bücherei und besorgt Bücher über Kakteen. Da lest ihr nach, wie man Kakteen pflegt. Außerdem holt ihr Bücher über Seidenmalerei. Von eurem Taschengeld kauft ihr dann Farben und malt mir ein neues Tuch!“ Gesagt, getan. Gottfried bekam trockene Erde und einen neuen, größeren Topf. Nach dem Umtopfen zogen die Mädchen ab in Richtung Stadtbücherei. Als auch Frau Lindner das Zimmer verlassen hatte, schnaufte Gottfried tief durch. Hier war entschieden mehr los als in seiner gemütlichen Wüstenmulde!
Abends vor dem Schlafengehen kam Kathrin noch mal bei Gottfried vorbei. „Du blöder Kaktus“, zischte sie durch die Zähne. „Wegen dir hab’ ich jetzt kein Taschengeld mehr!“ Die Seidenmalfarbe war teuer gewesen, ihr Luftballonhund war geplatzt: Kathrin war sauer. Mit wütenden Blicken funkelte sie Gottfried an. Johanna, die einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn hatte, sagte dazu:

„So wirkt auch etwas kratzig er,
die Schuld ihm geben ist nicht fair!“

Kathrin, schon im Schlafanzug, verließ das Zimmer mit der Drohung: „Ich werde dich nie mehr gießen!“ und löschte das Licht. Herbert brummelte noch: „Desdeweschen wird de Stachelheini gar so bes net sein!“ (Deswegen wird der Stachelheini gar nicht so böse sein!) und die Nacht senkte sich über die Fensterbank, das Wohnzimmer und das ganze Haus.

 

9. Kapitel: Die liebesbedürftige Ringelsocke

Gottfried fühlte sich hundeelend und unendlich einsam. Er kam sich zwischen den anderen Pflanzen wie ein Taubstummer vor. Sie sprachen, doch er verstand sie nicht. Sie lachten, er wusste nicht worüber. Obwohl er in ihrer Mitte stand, war er alleine. Außerdem fühlte er sich ungerecht behandelt. Gottfried war sauer auf Kathrin. Was hatte sie auch mit ihm angestellt? Er ist doch keine Anziehpuppe. Wie konnte sie wütend auf ihn sein? Umgekehrt wäre es richtig. Gottfried hatte aber auch Angst, dass Kathrin nie wieder mit ihm so freundlich sprechen und ihm frech zublinzeln würde. Das einzig Gute an diesem Tag war, dass er jetzt endlich keine nassen Füße mehr hatte. Gedanken ratterten von seinem Kopf durch den Stamm bis zur Wurzelspitze, um nach ihrer Rückkehr in Gottfrieds Kopf erneut in die Wurzelspitzen zu schießen. Und so weiter, und so weiter. Gottfried konnte einfach keinen Schlaf finden. Es war ihm nicht vergönnt, in der Traumwelt den vergangenen Tag etwas vergessen zu können. Die anderen Pflanzen atmeten bereits gleichmäßig im Tiefschlaf. Dabei senkte jede Pflanze in dem ihr eigenen Takt langsam die Blätter auf und ab. Plötzlich ein Klirren, Gottfried schreckte hoch. Am anderen Ende der Fensterbank zersplitterte die Scheibe und eine Hand langte durch das entstandene Loch, um den Griff zu drehen. Die Hand öffnete dann das Fenster einen Spalt, griff vorsichtig um die Ecke und schob die vor dem Fenster stehenden Pflanzen weiter nach rechts. Durch das Verrücken war der selig schlummernde Herbert Gottfried gefährlich nahe gekommen. Doch noch drohte der Becherprimel durch die Stacheln keine Gefahr. Nun wurde das Fenster vorsichtig ganz geöffnet. Gottfried sah eine Hand, die eine Taschenlampe hielt. Diese Lampe leuchtete in alle Ecken des Wohnzimmers. Dann verlosch die Lampe und auf einen Schlag war es fast stockfinster. Es war eine mondlose Nacht und der dicht bewachsene Garten schirmte das Licht der Straßenlaternen ab. Gottfried riss die Augen auf, um überhaupt noch etwas erkennen zu können. Er beobachtete die Umrisse eines Menschen, der vorsichtig und lautlos zum Fenster hereinkletterte. Als die Taschenlampe erneut aufflammte, erkannte Gottfried eine finstere, unfreundliche Gestalt. Ein großer, schattenhaft dünner Mann schlich auf Ringelsocken durch das Zimmer. In der einen Hand hielt er die Taschenlampe, in der anderen einen großen Rucksack. Lautlos wie eine Katze bewegte sich der Mann durch das dunkle Wohnzimmer. Er öffnete vorsichtig Schränke und Schubladen. Immer mehr Gegenstände wanderten in seinen Rucksack, der immer praller wurde. „Das darf der doch nicht! Na warte!“, dachte Gottfried empörter und schmiedete eine Plan. „Wenn der mit seinem Rucksack hier an der Fensterbank vorbeikommt, stürze ich mich ihm vor die Füße. Dann tritt er auf meine Stacheln, kann nicht mehr laufen und brüllt vor Schmerz. Und dann kommen die gelaufen, die wirklich hier in diese Wohnmulde gehören!“ Um den Plan erfolgreich ausführen zu können, musste Gottfried den richtigen Zeitpunkt erwischen. Mit angehaltener Luft verfolgte er jede Bewegung der diebischen Ringelsocke. Dabei begann Gottfried zu träumen. „Wenn ich den Dieb fange, bin ich der Held. Alle Pflanzen jubeln mir zu, auch die komische Pflanzen mit den breiigen Zischlauten, die jetzt fast direkt in mein Ohr hinein schnarcht. Ich wäre berühmt! Kathrin wäre nicht mehr böse auf mich! Die ganze Welt würde mich lieben!“ So träumte er und wartete auf den richtigen Zeitpunkt, sich dem Einbrecher todesmutig vor die Füße zu werfen. Da begannen ihm Zweifel durch den Kopf zu schießen. „Das tut bestimmt nicht nur der Ringelsocke weh, wenn sie auf mich tritt. Vielleicht bricht mir der große Kerl dabei sogar einen Arm ab! Wie soll ich dann Forscher werden? Haben die das hier überhaupt verdient, dass ich mich so opfere? Nach allem, was passiert ist?“ So schwankte Gottfried innerlich hin und her. Der Einbrecher kam während dessen immer näher und würde in wenigen Sekunden vor Gottfrieds Fensterbank vorbeikommen. Er musste sich entscheiden, aber zu was? Der Strahl der Taschenlampe stach ihm plötzlich direkt in die Augen. Gottfried erschrak, und sein innerliches Wanken ging durch den Schreck in ein äußerliches Wackeln über. Diese Bewegung erschreckte den Dieb, der dachte, es sei plötzlich noch jemand im Zimmer. Mit schnellen Schritten wollte der Einbrecher Reißaus nehmen, doch dabei kam er mit seinen Socken auf dem Holzfußboden ins Rutschen. Er schlug der Länge nach auf den Bauch und rutschte schwungvoll unter den alten Heizkörper mit den scharfen Rippen. Dort blieb er stecken. Und dann, ja dann stürzte Gottfried auf den Dieb herab. Gottfried war seinerseits über die hektischen Bewegungen des Ganoven so erschrocken, dass er noch mehr ins Wanken geriet. Er versuchte das Gleichgewicht wieder herzustellen, doch musste er ab einem gewissen Punkt einsehen, dass die Erdanziehungskraft gewinnen würde. Gottfried sauste wie ein Fallschirmspringer auf die Erde herab. Was ihn bremste war allerdings kein Fallschirm, sondern der linke Arm des Einbrechers. Gottfrieds Stacheln bohrten sich in seine Haut, der Einbrecher schrie vor Schmerzen auf. Jetzt lagen beide da. Trotz des Tumultes schlief die Familie noch seelenruhig im ersten Stock des Hauses. Der Dieb befürchtete, jeden Moment entdeckt zu werden. Er musste sich unbedingt aus seinem Gefängnis unter der Heizung befreien, bevor er ins richtige Gefängnis musste. Er lag auf dem Bauch, die rechte Hand und der rechte Fuß steckten unter der Heizung fest. Im linken Unterarm steckte ein Kaktus, dessen Stacheln ihm bei jeder Bewegung höllische Schmerzen verursachten. Der Dieb drehte vorsichtig, ohne den Kaktus zu berühren, seinen Kopf in Richtung linken Fuß. Dieses war das einzige Körperteil, was er frei und schmerzlos bewegen konnte. Allerdings half ihm der linke Fuß, mit dem er hilflos das Parkett bohnerte, in seiner jetzigen Lage auch nicht weiter.
Gottfried öffnete die Augen. Er fühlte sich nach dem Sturz noch ganz benommen. Alles tat ihm weh. Die Taschenlampe war dem Dieb aus der Hand gefallen und leuchtete an die gegenüberliegende Wand. Im Widerschein der Lampe stellte Gottfried fest, dass er, im Unterarm steckend, direkt auf Kopfhöhe des Einbrechers lag, ja ihm sogar direkt in die Augen sah. Jede Bewegung des Diebes verursachte ihm einen stechenden Schmerz bis in die Wurzelspitze. Gottfried hatte Angst, der Dieb könnte ihm seinen Arm abbrechen.
Ringelsocke versuchte vergeblich, den rechten Arm unter der Heizung freizubekommen. Wie eine Handschelle saßen die Heizungsrippen um sein Handgelenk. Handschellen, er schnaubte verächtlich, er wollte gar nicht daran denken. Da kam er auf die Idee, mit der linken Hand an seinem rechten Arm zu ziehen. Millimeter um Millimeter bewegte er seinen linken Arm und somit auch Gottfried Richtung Heizung. Gerade als er seinen festgeklemmten rechten Arm zu greifen glaubte, bohrte sich ihm ein Stachel in die Nase. Gottfried machte sich innerlich steif wie ein Spazierstock: Auge in Auge mit dem Bösewicht. Da hielt der Dieb den Schmerz an der Nase nicht mehr aus und führte den linken Arm langsam zurück.
„Mist!“, dachte er, „ich muss mir was neues ausdenken! Aber was? Ah ja, vielleicht kann ich meinen eingeklemmten Fuß rausziehen!“
Als er an seinem Fuß ziehen wollte, verhakte sich Gottfried im Pullover des Einbrechers.
Gottfried spürte einen teuflischen Schmerz, dann wurde er sauer. „Du Blödmann brichst mir meinen Arm nicht ab!“ Und er begann, dagegen zu drücken. Der Dieb staunte. Er hatte plötzlich das Gefühl, als säße er in einer Kneipe und würde gegen einen Matrosen mit dicken Oberarmen Armdrücken machen. Er hatte keine Ahnung, wo die plötzliche Gegenkraft herkam.
„Ich muss an den blöden Fuß!“ keuchte die Ringelsocke schwitzend hervor.
„Du machst mich nicht zu einem einarmigen Forscher!“ stieß Gottfried mühsam hervor. Die beiden drückten und fluchten und schwitzten und fluchten und drückten. Gottfried feuerte sich dabei an, in dem er stoßweise sang:

15 Kakteen auf des roten Mann Kiste-
Johoho, und ’ne Ruddel voll Bumm!
Fuhren zur See, das Ziel jeder gern wüsste-
Johoho, und ’ne Ruddel voll Bumm!

Das Duell endete unentschieden und beide schliefen vor Erschöpfung ein.

 

10. Kapitel: Herbert wird wiederholt verrückt

Herbert, die hessische Becherprimel, wurde von einem ungewohnten Luftzug wach. Er blinzelte verschlafen und wunderte sich. Er war auf seiner angestammten Seite der Fensterbank eingeschlafen, jetzt wurde er auf der anderen Seite wach. Wer hatte ihn verrückt? Eine Fensterscheibe war zersplittert und auch der Kaktus war nicht mehr an seiner gewohnten Stelle. Herbert konnte ihn überhaupt nicht mehr entdecken! Da richtete er seinen Blick nach unten. Er sah einen unbekannten Mann engumschlungen mit dem Kaktus auf dem Boden liegen. Beide schliefen und wirkten erschöpft.
„Ei, was is dann hier los?“ wunderte sich Herbert. Johanna, die Gottfrieds nächtliches Abenteuer scheinbar nicht verschlafen hatte, antwortete ihm auf ihre Art:

„Festgemauert in der Heizung
liegt der Dieb, gar ungalant
Heut’ wird er verhaftet werden
und die Schell’ umschließt die Hand.
Von der Stirne heiß,
rinnt ihm schon der Schweiß.
Sachen in den Rucksack flogen,
doch der Kaktus kam von oben!“

„Isch werd noch verrickt bei dem Geschwätz. Kann die net einmal saache, wasse werklisch meint?“ (Ich werde noch verrückt bei dem Geschwätz. Kann die nicht einmal sagen, was sie wirklich meint?) Herbert lief vor Zorn rot an. Johanna ignorierte die Kritik, schloss leicht verstimmt die Augen und dachte sich neue Verse aus.
Kathrins Vater schlurfte als erster ins Wohnzimmer. Er stand immer sehr früh auf, wenn er zur Arbeit ging, war aber ein richtiger Morgenmuffel. Deshalb schlief er eigentlich noch, selbst wenn er schon mit offenen Augen herumlief. Er öffnete die Wohnzimmertür, stutzte, schaute einmal hin, schaute ein zweites Mal und glaubte noch zu träumen. Da lag ein langer, dünner, ringelsockiger Mann auf dem Fußboden und umarmte innig einen Kaktus. Herr Lindner ging einige Schritte rückwärts, schloss die Wohnzimmertür von außen und schüttelte fassungslos den Kopf. Vielleicht war er einfach urlaubsreif? Erneut öffnete er vorsichtig die Tür einen Spalt weit: Eine von diesen lächerlichen Ringelsocken leuchtete ihm entgegen. Er öffnete die Tür weiter: Der Mann mit dem Kaktus lag immer noch da.
„Was machen sie da?“ fragte Herr Lindner, den Türgriff noch in der Hand.
„Äh, ich wollte ihre Heizung reparieren“, stammelte der Dieb.
„Und ich bin der König von Japan!“, antwortete Herr Lindner, der morgens um diese Uhrzeit manchmal etwas durcheinander brachte. Dabei schaute er sich um und bemerkte die zersplitterte Fensterscheibe. „Ach so, sie wollten das Fenster reparieren?“
„Ja genau, und dabei bin ich ausgerutscht!“ Der Dieb schöpfte Hoffnung.
„Na, dann helfe ich ihnen doch erst mal vom Boden hoch!“ Kathrins Vater wollte gerade Gottfried aus dem Unterarm des Diebes ziehen und ihm die Hand reichen, als er die Stimme seiner Tochter hörte: „Guck mal Papa, da liegt ein Rucksack!“
„Das ähh, das ist mein Werkzeug!“ stammelte der Dieb.
Kathrin schaute in den Sack und meinte: „Komisches Werkzeug! Mamas Halskette, deine Münzsammlung, unser Fotoapparat! Ich glaube, wir rufen lieber mal die Polizei!“
„Gute Idee!“ sagte Herr Lindner und rief laut: „Polizei!“
Kathrin schüttelte den Kopf über diese komischen Erwachsenen und sagte: „Ich hatte eher ans Telefon gedacht!“
Die Polizisten, die wenig später den Einbrecher verhafteten, begrüßten ihn wie einen alten Bekannten: „Der Ringelsocken-Kuno, so schnell sieht man sich wieder!“ „Ich habe ein Alibi!“, behauptete Kuno, er klang aber selbst nicht ganz überzeugt davon.
Langsam kehrte im Wohnzimmer wieder Ruhe ein. Die Polizisten hatten Ringelsocken-Kuno mit aufs Polizeirevier genommen. Kathrin und Frau Lindner räumten auf, Herr Lindner war zur Arbeit gegangen und stand nicht mehr im Weg herum. Ein Glaser kam und ersetzte die zerschlagene Fensterscheibe. Herr Lindner hatte Gottfried kurz vor seinem Gehen noch aufrecht hingestellt. So stand unser kleiner Held unbeachtet auf dem Boden und beobachtete die Aufräumarbeiten. Gottfried war mit sich zufrieden. Bis auf ein paar Schrammen (wenn er die bloß Wilhelm zeigen könnte!) hatte er den Zweikampf mit dem Dieb unbeschadet überstanden. Zwei Dinge machten ihn besonders stolz: Er hatte seinen Arm behalten und er hatte nicht nachgegeben. Dadurch hatte er sogar den Räuber in Schach halten können! Doch es sollte noch schöner für ihn kommen: Plötzlich kniete Kathrin vor ihm! Sie zwinkerte ihm zu und sagte: „Na, Stachelmann, alles klar? Hat dich der blöde Ringelsocken-Kuno vom Fensterbrett geschmissen!“ Kathrin untersuchte ihn behutsam und berichtete ihrer Mutter: „Bis auf ein paar zerknickte Stacheln hat er Gott sei dank nichts abbekommen“. Gottfried horchte auf. Wenn er auch nicht verstand, was sie sagte, so hatte er sie eben ganz deutlich einen Teil seines Namens sagen hören. „Sie kennt meinen Namen!“, dachte Gottfried erfreut. Kathrin schien nicht mehr sauer auf ihn zu sein. Na, da wollte er mal nicht so sein. Unser heimlicher Held wurde großmütig und beschloss, ebenfalls nicht mehr auf Kathrin sauer zu sein.
Die anderen Pflanzen betrachteten ihn neugierig. Gottfried reckte und streckte sich zufrieden, und dann, wie es früher in Mexiko seine Gewohnheit gewesen war, begrüßte er sie freundlich: „Hola! Qué tal?” (Hallo, wie geht’s?)
„Isch werd verrickt! De Stachelheini schwätzt!“ (Ich werde verrückt! Der Stachelheini redet!) Herbert stand kurz vor dem Kollaps. „Ei, was babbelt er dann? Des is kei Hessisch net, gell!“ (Was redet er denn? Das ist kein Hessisch, stimmt’s?)

„Mir scheint, bezeugen mögen’s die Geranien,
der Stachelmann kommt wohl aus Spanien!“

Johanna musste es wissen, sie kannte sich mit den Sprachen dieser Welt aus. Jetzt kramten alle Blumen der Fensterbank in ihren hintersten Blattspitzen nach ihnen bekannten spanischen Wörtern. Fehlanzeige. Nicht einmal Johanna kannte einen Vers von einem spanischen Dichter. Auf einmal blubberte Herbert: „Olé!“ Gottfried antwortete erstaunt und erfreut: „Olé!“ Dann rief die ganze Fensterbank: „Olé!“, und Gottfried antwortete, mit Freudentränen in den Augen: „Olé!“ So ging das minutenlang hin und her. Gottfried war der Vorsänger, und alle antworteten ihm einstimmig: „Olé!“ Herbert erinnerte sich an eine Sache, wenn die Frankfurter Eintracht im Fernsehen gezeigt wird. Und schon schwappte La Ola, die Welle, über die Fensterbank. Herbert startete die Welle, indem er seine Blätter in die Luft warf. Über seinen Nachbarn pflanzte sie sich bis zum anderen Ende der Fensterbank fort, um dort wieder kehrt zu machen. War die Welle bei ihm, schnickte Gottfried seine Arme in die Luft, soweit das ohne Bruchgefahr möglich war.
Die Pflanzen mussten kurz verschnaufen. Dabei fingen alle zu reden an, kreuz und quer, laut und durcheinander. Auch Gottfried plapperte mit. Er wusste zwar, dass keiner seine Sprache konnte, aber er glaubte doch, dass sie ihn eine bisschen verstehen würden. Gottfried bekam vom Erzählen einen heißen Kopf. Wie gut ihm das tat! Schon so lange hatte er nicht gesprochen. Er begann von seinem Leben zu berichten. Die anderen Pflanzen verstummten, eine nach der anderen, und hörten nur noch Gottfried zu, auch wenn sie ihn nicht verstehen konnten. Er berichtete von seiner Mulde, seiner Familie, der Wüste, den sternenklaren Nächten, von seinem Weg in den Bauch der Tengelfrau und und und. Draußen war es inzwischen dunkel geworden und er redete immer noch. Dann kam Gottfried zum Ende. Es herrschte eine entspannte Stille, die Pflanzen schauten ihn freundlich an.
Herbert brach das Schweigen: „Isch grüße disch!“ (Ich grüße dich!) Gottfried legte den Kopf schief, zwinkerte Herbert zu und wiederholte langsam : „Isch grüße disch!“ Die Fensterbank schien zu explodieren. Olé-Rufe und La Ola – die Welle, schwappten durcheinander. Die Pflanzen begannen wild zu tanzen, und auch Gottfried versuchte mitzutanzen. Er bewegte seine Arme, etwas eckig und ruckig, aber diesmal machte es ihm Spaß. Draußen war es schon wieder hell, als die letzte Pflanze, noch ganz vom wilden, stundenlangen Tanz berauscht, in einen tiefen Schlaf fiel.

Wenige Stunden später wurden alle schon wieder durch eine kalte Dusche aus der Gießkanne geweckt. Gottfried öffnete zögernd die Augen. War das alles nur ein Traum gewesen?
Da fing Kathrin zu rufen an: „Mama, komm schnell, der Kaktus blüht! Jetzt komm doch schon!“
Frau Lindner kam im Laufschritt, betrachtete den Kaktus und sagte: „Tatsächlich, eine kleine weiße Blüte. Das liegt daran, dass du den Kaktus jetzt so gut pflegst!“ und strich ihrer stolzen Tochter über die Haare.

 

11. Kapitel: Ist das etwa Wilhelm?

Ein langer, harter Winter machte endlich Platz für den schon ungeduldig wartenden Frühling. Vorwitzige Krokusse steckten neugierig ihre Köpfe durch die matschigen Schneereste. Könnt ihr euch eigentlich Gottfrieds Gesichtsausdruck vorstellen, als es zum ersten Mal geschneit hatte? Er hat wahrscheinlich so gestaunt wie ihr, wenn es an einem heißen Julitag dicke Flocken schneien würde und ihr in der Badehose einen Schneemann bauen könntet. Gottfried hatte die Stille der langsam fallenden Schneeflocken genossen. Der Schnee erinnerte ihn an die klaren, ruhigen Wüstennächte. Jetzt wurde es aber wieder wärmer, der Schnee taute immer weiter und die Vögel hatten wieder zu singen begonnen. Auch Gottfried taute langsam auf. Obwohl er über der Heizung stand, war er seit der Trennung von Wilhelm, eigentlich schon seit der Trennung von seinen Eltern, innerlich wie zugefroren. Er hatte nur noch selten gelacht, hatte oft Angst gehabt und sich so alleine gefühlt. Dies alles fiel jetzt langsam von ihm ab, von Tag zu Tag wurde es ihm wärmer ums Herz. So wie die Sträucher und Bäume im Garten vor der Fensterbank von Tag zu Tag mehr Blätter bekamen, so lernte Gottfried jetzt auch Wörter von der für ihn fremden Sprache dazu. Es war nicht ganz leicht, weil niemand ihm auf Spanisch die Bedeutung des deutschen Wortes sagen konnte. Aber die Pflanzen zeigten dann einfach auf die Gegenstände, um die es ging, oder sie spielten Gottfried wie Schauspieler vor, was er nicht verstehen konnte. Alle hatten dabei viel Spaß und bemühten sich um seinen Unterricht. Letztlich war es aber den Yuccapalmen zu verdanken, dass Gottfried weder Hessisch wie Herbert noch in Versen wie Johanna sprach.
Gottfried hatte nun zwei Hauptbeschäftigungen: Er lernte Deutsch und verfolgte sein altes Ziel, Forscher zu werden. Da er sich bei den Sternen schon gut auskannte, wollte er jetzt die Menschen erforschen. Er beobachtete genau, was sie taten, was sie sagten und welche Kleidung sie trugen. Es kam eine Zeit, in der die Hühner im Stall wahrscheinlich Überstunden machten und die Eier im Akkord legen mussten. Die ganze Familie von Kathrin lief mit Eiern in der Hand herum. Hartgekochte Eier, ausgeblasene Eier, bemalte Eier, beklebte Eier, Schokoladeneier. Nachdem Kathrin genug Eier verziert und in Sträucher und Büsche gehängt hatte, begann sie, mit Fingerfarben einen Hasen auf das Wohnzimmerfenster zu malen. Als Kathrin schon zu Bett gegangen war, schlich sich ihr Vater hinaus in den Garten. Er verteilte überall im Garten bunte Eier: Unter Büschen, in Hecken, im Gras, und eins legte er sogar auf die Astgabel des Nussbaums.
Am nächsten Morgen versammelte sich die Familie im Garten und Kathrin begann durch den Garten zu rennen und zu kriechen. Gottfried staunte: Sie suchte die Eier! Wieso fragte sie ihren Papa nicht, der hatte sie doch schließlich im Garten verteilt? Oder sollte der Papa über Nacht etwa vergessen haben, wo er sie hingelegt hatte? Gottfried grübelte und grübelte, kam aber zu keiner sinnvollen Erklärung. Papa freute sich über jedes gefundene Ei genauso überschwänglich wie Kathrin. Gottfried wunderte sich.

Einige Zeit später, die Tage waren jetzt schon viel länger, die Sonne schien oft und die Menschen trugen kurze Hosen, staunte Gottfried erneut. Kathrin hatte viele Kinder zu Besuch, die alle um einen Tisch herum saßen. Vor Kathrin stand etwas Rundes mit neun Kerzen darauf, die Kathrin mit dicken Backen ausblies. Kaum war dies vollbracht, musste Kathrin Dinge auswickeln, die umständlich in buntem Papier versteckt waren. Sie schien sich darüber zu freuen! Als es nichts mehr auszupacken gab, bekam Kathrin von ihrer Mutter die Augen verbunden. Während Kathrin wie eine Blinde mit ausgestreckten Armen durch das Zimmer tapste, versteckte ihre Mutter einen Schokoriegel unter einem Topf. Zuletzt versteckte sie auch noch den Topf unter einem Stuhl. Kathrin bekam einen hölzernen Löffel in die Hand, glitt auf alle Viere herab und krabbelte los. Dabei trommelte sie mit dem Löffel auf alles, was sich unter ihr befand. Sogar einige Füße ihrer Gäste mussten daran glauben! Alle waren erst zufrieden, nachdem Kathrin nach einer endlosen Suche mit dem Löffel triumphierend auf den versteckten Topf hämmerte. Kathrin zog das Tuch vom Kopf, riss das Papier auf und stopfte den ganzen Schokoriegel auf einmal in den Mund. Alle Kinder bekamen nacheinander die Augen verbunden, um den immer neu versteckten Topf mit Hilfe des Löffels zu suchen. Gottfried verstand die Menschen nicht. Wieso nahm sich nicht jedes Kind einfach einen Schokoriegel aus der Tüte? Während Gottfried noch grübelte, verließen die Kinder das Haus und gingen in den Garten. Diesmal wurden nicht Eier, sondern Kinder versteckt. Ein Kind musste die anderen finden. Die Versteckten versuchten sich möglichst lange vor dem Blick des Suchenden zu verbergen. Gottfried schüttelte ungläubig seinen stacheligen Kopf und notierte in seinem Forschertagebuch:

Menschen suchen mit Begeisterung Dinge. Obwohl sie ganz leicht jemand fragen könnten, der sich oder die Sache versteckt hat, tun sie es nicht! Rätselhaft!

Es wurde Abend, der bunte Haufen versammelte sich wieder im Wohnzimmer. Die Kinder stopften sich mit Begeisterung Würstchen und Kartoffelsalat in die schokoladenverschmierten Münder. Endlich erschien zu Kathrins Freude auch ihr Papa. Ihm hingen immer mindestens drei oder vier Kinder am Hals, mit denen er durchs Wohnzimmer tobte. Gottfried wartete darauf, dass er die Kinder verstecken würde, aber ausnahmsweise wurde nichts versteckt. Ein Junge, er hieß Sven, stand jetzt vor der Fensterbank und betrachtete ausgiebig die Pflanzen. Dabei runzelte er die Stirn. Wollte Sven ihn etwa verstecken? Doch dann rief er Kathrin und sagte zu ihr: „Komisch, ich habe einen Kaktus, der sieht genau so aus wie der hier. Die Größe ist gleich, sogar die Blüte ist an der gleichen Stelle! Nur die Arme hält er gerade von sich gestreckt!“
„Das ist ja lustig“, antwortete Kathrin, „zeig’ ihn mir doch mal, wenn ich das nächste Mal bei dir bin!“
Gottfried traute seinen Ohren nicht. Hatte er den Jungen richtig verstanden? Ein Kaktus, der ihm bis auf die Armhaltung völlig glich? Gottfried war völlig aus dem Häuschen, hätte ihm gerne tausend Fragen gestellt. Kathrin stellte ihm leider keine Fragen mehr, sondern tobte schon wieder mit ihrem Vater durch das Wohnzimmer. Konnte es sein, dass Wilhelm vielleicht nur zwei Häuser weiter auf einer Fensterbank lebte? Gottfried musste grinsen. Nein, das konnte nicht sein; sonst hätte er ihn ja schon gehört. Aber lebte Wilhelm vielleicht in einer Nachbarstraße? Wie sollte er das herausbekommen? Wie könnte er sich mit seinem Bruder in Verbindung setzen? Am Ende war es gar nicht Wilhelm und er machte sich nur unnötige Hoffnungen? Endlich waren alle Kinder wieder zu Hause, und Gottfried konnte sich in aller Ruhe mit den anderen Pflanzen beraten. Sie überlegten hin, sie überlegten her, aber keiner hatte eine Ahnung, wie man in andere Häuser hinein kommen könnte. Wie sonst sollte man überprüfen, ob es sich bei dem anderen Kaktus um Wilhelm, Gottfrieds Zwillingsbruder, handelt? Da kam einer Yuccapalme eine Idee: „Wer sagt denn, dass wir in die anderen Häuser müssen? Lasst uns doch die Vögel losschicken!“ Diese schlaue Idee sorgte für eine andächtige Pause. Genau richtig für Johanna, die sich räusperte und loslegte:

Sah ein Knab’ ein Kaktus stehn,
Kaktus auf dem Brette,
War so jung und blühte schön,
Lief er schnell, ihn nah zu sehn,
Sah’s mit vielen Freuden.
Kaktus, Kaktus, Kaktus grün,
Kaktus auf dem Brette.

Knabe sprach: Ich kenne dich,
Kaktus auf dem Brette!
Kaktus sprach: Das glaub ich nicht
Meinst den Bruder und nicht mich.
Ähnlich sind wir beide!
Kaktus, Kaktus, Kaktus grün,
Kaktus auf dem Brette.

Herbert verdrehte die Augen und raunzte Johanna an: „Isch bitte disch! Was tun dann deine bleden Versjer zur Sache beitrache?“ (Ich bitte dich! Was tragen denn deine blöden Verse zur Sache bei?)
Johanna war beleidigt und schnaubte mit zitternden Nasenflügeln:

„Du Kunstbanause! Schweig doch leise!
Das war ne alte Volkesweise!“

Die Yuccapalme unterbrach den Streit und erinnerte an die Idee mit den Vögeln. Ein neugieriger Spatz landete gerade auf der Terrasse. Er war der Erste, der mit dem Suchauftrag losgeschickt wurde. Er sagte unterwegs noch seinen Freunden Bescheid, die zwitscherten es auch schnell weiter und bald waren alle Vögel der Stadt auf der Suche nach Gottfrieds Zwillingsbruder. Für die Vögel war das Detektivspielen eine interessante Abwechslung zum Singen und Würmerjagen. Die Menschen der Stadt wunderten sich über die Vogelschwärme, die im Tiefflug über die Stadt zischten. Gottfried schlief die folgenden Nächte sehr unruhig und träumte viel von seinem Bruder. Aber jeder Vogel, der draußen vor dem Fenster landete, konnte Gottfried nur berichten, dass er keinen Kaktus gefunden habe, der Gottfried ähnlich sähe. Nach ein paar Tagen kamen immer weniger Vögel, eine Woche später hatten alle das Detektivspielen aufgegeben und widmeten sich wieder ausschließlich dem Singen und Würmerjagen. Gottfried war enttäuscht, aber seine neuen Freunde trösteten ihn.

Das Wetter tröstete Gottfried ebenfalls. Von Woche zu Woche wurde es heißer. Während die anderen Pflanzen immer träger und schlapper wurden, die Köpfe hängen ließen und kraftlos vor sich hin stöhnten, fühlte sich Gottfried jeden Tag wohler. Mit jedem Grad, das die Säule des Thermometers nach oben kletterte, lächelte Gottfried breiter über beide Backen. „Juchhu“. jubelte er, „wie bei mir zu Hause!“ Die anderen Pflanzen waren zu matt, um etwas darauf zu erwidern. Gottfried beobachtete, dass Kathrin auch von Tag zu Tag glücklicher aussah. Nachmittags saß sie immer seltener vor ihren Heften, um fluchend mit ihrem Füller hineinzuschreiben.

Eines Morgens kam sie früher als sonst nach Hause und hielt ihrer Mutter einen scheinbar sehr wichtigen Zettel in einer durchsichtigen Hülle unter die Nase. Frau Lindner sagte: „Na, so schlimm ist es ja gar nicht! Ich denke, dafür hast du einen Wunsch frei!“ Kathrin überlegte nicht lange und platzte heraus: „Ich will den Kaktus mit in den Urlaub nehmen!“
Mit weit aufgerissenen Augen musste sich Kathrins Mutter erst einmal hinsetzen. „Das besprechen wir besser heute Abend mit dem Papa!“

 

12. Kapitel: Endlich zu Hause?

Gottfried staunte. So glücklich wie in den nächsten sechs Wochen hatte er Kathrin noch nie erlebt. Er notierte in seinem Forscherheft:

Menschenkinder erleben vormittags an einem unbekannten Ort schreckliche Dinge. Sie können nur glücklich sein, wenn sie dort nicht hin müssen!

Die glückliche Kathrin konnte sich mit ihrer Belohnung für das erträgliche Zeugnis durchsetzen. Sie hatte ihren Eltern erklärt, die südliche Hitze würde dem Kaktus gut tun, außerdem sei neben ihr im Auto noch genügend Platz frei. So kam es, dass Gottfried wenige Tage später seinen Platz auf der Fensterbank mit dem Fußraum hinter dem Fahrersitz vertauschte. Damit er im Auto nicht umfiele, wurde er von links mit einer Kühltasche, von rechts mit einem Rucksack eingekeilt. Die unsichtbare Kapelle spielte bald wieder und dann brummte der Motor los. Dieses Brummen wollte gar nicht mehr aufhören. Sie fuhren so weit und so lange, dass Gottfried leise zu hoffen begann, sie führen zu seinen Eltern. Trotz dieser Hoffnung begann er sich bald zu langweilen. Obwohl Gottfried inzwischen schon stolze 70 Zentimeter hoch war, reichte diese Größe jedoch noch nicht aus, um aus dem Seitenfenster in die vorbeifliegende Landschaft blicken zu können. Kathrins Eltern wechselten sich beim Fahren ab, gähnten beide aber immer herzhafter und länger. Kathrin schlief viel, hörte Musik, spielte mit ihrem Nintendo oder mit ihren Eltern Nummernschild-Raten. Die eintönige Fahrt wurde nur von Kathrins Vater unterbrochen, wenn er wieder über irgendwelche „Blutsauger“ schimpfte, die ihn vor Schranken mitten auf der Autobahn stoppen ließen. Diese „Blutsauger“ wollten in regelmäßigen Abständen von ihm Geld haben. Erst wenn er, wie im Mittelalter, seinen Wegezoll entrichtet hatte, ließ man die Schranke kurz aufsteigen, um die Weiterfahrt zu ermöglichen. Die Kassiererin an der nächsten Schranke nannte den Preis, doch Herr Lindner fragte verständnislos nach: „Wie bitte?“ Gottfried wunderte sich, die Frau hatte den Betrag doch klar und deutlich genannt. Sie wiederholte, wie viele Euro sie gerne von ihm hätte, und Herr Lindner wurde hektischer: „Wie viel Geld will die denn von mir?“ „Keine Ahnung, ich versteh’ sie doch auch nicht. Gib ihr doch einfach einen großen Schein!“, sagte Frau Lindern. Der Kaktus rätselte, warum die beiden ausgerechnet die Frau, die am deutlichsten von allen sprach, nicht verstanden. Mittlerweile hatte sich hinter Papa ein kleiner Stau gebildet. Ein ungeduldiger Urlauber hupte. Da durchzuckte Gottfried die Erkenntnis wie ein Blitz aus einem heiteren Sommerhimmel: Die Kassiererin sprach seine Sprache! Sie sprach Spanisch! Deswegen konnten Mama und Papa sie nicht verstehen! Seitdem er den Bauch der Tengelfrau verlassen hatte, hörte er das erste Mal wieder seine Sprache! Wie schön sie klang! Beruhigend und doch so feurig! Wie ein Lied!
Für Gottfried war es die reinste Musik in seinen stacheligen Ohren, als die Kassiererin Herrn Lindner auf die Schlange hinter ihm aufmerksam machte. Gottfried war ganz aufgeregt: Ich bin im Land meiner Eltern! Vielleicht treffe ich sie! Vielleicht sehe ich meine Mulde wieder und gründe dort eine Forscherstation! Viel zu schnell für Gottfried öffnete sich die Schranke und er hatte noch lange die Worte der Kassiererin in seinen Ohren. Bis zur Ankunft an ihrem Ferienort hatte Gottfried noch mehrmals die Gelegenheit, spanische Wortbrocken oder gar ganze Sätze aufzuschnappen. Genießerisch schloss er dann die Augen, um sie dann aber sogleich wieder weit aufzureißen. Vielleicht entdeckte er ja etwas Bekanntes? Nach wie vor sah er aber von seinem Platz am Boden nur gelegentlich Strommasten oder Brücken, was es allerdings in der Nähe seiner Mulde nicht gegeben hatte.

Endlich näherte sich die Fahrt ihrem Ende. Kathrin hatte ungefähr siebzehnmal gefragt: „Wie lang ist es denn noch?“, und Papa hatte ungefähr vierzehnmal geantwortet: „Noch ein knappes Stündchen.“ Gerade hatte Kathrin erklärt, sie wolle jetzt wieder nach Hause, als Mama begeistert losrief: „Da oben ist es! Gleich sind wir da!“ Gottfried war am gespanntesten von allen, was außer ihm aber keiner wusste. Die Straße führte jetzt in engen Serpentinen den Berg hinauf. Der Motor heulte noch einige Male gequält auf, um dann nach der langen Fahrt seine wohlverdiente Ruhe zu finden. Nach dem Autobahnlärm war es hier gespenstisch still. Gottfried frohlockte: So still wie in der Wüste? Die drei stiegen aus und ließen ihn im Auto zurück, ohne dass er einen Blick nach draußen hätte erhaschen können. Gottfried platzte vor Neugierde. Endlich, ihm erschien es, als seien es Tage später, holte ihn Herr Lindner aus dem heißen Auto. Er trug Gottfried über einen holprigen, steilen Weg und stellte ihn neben anderen Pflanzen wieder ab. Gottfried sah sich um. Der Berghang war übersät mit kleinen, weißgetünchten Häuschen. Vor fast jedem Häuschen war eine riesengroße Badewanne. In vielen erkannte er planschende Kinder. Am Fuß des Berges glitzerte ein Spiegel, der links und rechts kein Anfang und kein Ende zu haben schien. Nur der Himmel begrenzte diesen Spiegel. Na klar, dachte Gottfried, den Anblick kenne ich doch. Das muss das Meer sein. Bin ich hier mit Wilhelm und den anderen in der Alemania-Kiste losgefahren? Wie komme ich jetzt weiter zu meiner Mulde? Tausend Fragen schossen ihm gleichzeitig durch den Kopf. Vor lauter Aufregung kam ihm die einfachste Idee erst sehr spät: Er könnte ja jemanden fragen! Jetzt erst nahm er die Pflanzen in seiner Umgebung wahr. Sie unterschieden sich von seinen Mitbewohnern auf der Fensterbank. Einige sahen zwar wie Blumen aus, andere wirkten aber stacheliger und erinnerten Gottfried an Kakteen. Sie sahen aus, als könnten sie in der Wüste leben, was ja ein gutes Zeichen war. Gottfried begrüßte sie erwartungsvoll. Hundertfach beantworteten tiefe, hohe, laute, leise, scheppernde und wohlklingende Stimmen seinen Gruß. Gottfried badete behaglich in den Klängen seiner Muttersprache. Alle plapperten nun durcheinander. Nicht nur Gottfried war neugierig! Die anderen wollten von ihm wissen, was denn ein spanischsprechender Kaktus im Auto von diesen schnarrend sprechenden Urlaubern zu suchen hat. Alle erzählten gleichzeitig, und alle hörten sich gegenseitig auch ein bisschen zu. Da erhob sich die tiefe Stimme eines alten Nadelbaumes. Es war eine Pinie, die durch ihre Größe scheinbar den Überblick hatte.
„Jetzt mal langsam“, sagte sie, „du suchst also deine Eltern!“
„Ja“, antwortete Gottfried hoffnungsvoll. Das Durcheinander verstummte langsam.
„Dann erzähle uns doch mal ganz in Ruhe, was dir passiert ist!“, forderte ihn die Pinie freundlich auf. Gottfried erzählte alles und noch ein bisschen mehr aus seinem Leben. Wie wohl tat es ihm, spanisch sprechende Zuhörer zu haben. Er wollte aber auch nichts auslassen, was vielleicht einen Hinweis auf seine Eltern geben könnte. Während die Sonne im Meer versank, berichtete Gottfried noch immer. Als der Mond schon satt am Himmel hing, war er in seinem Bericht bei der spanischsprechenden Schrankenfrau auf der Autobahn angelangt. Fünf Minuten später endete Gottfried. Stille lag über dem Berghang, nur die Grillen zirpten.
„Und du bist sehr lange mit dem Schiff gefahren?“ fragte die Pinie.
„Ja, ich denke schon“, antwortete Gottfried.
„Und du hast in einer großen Wüste mit Wüstenfüchsen und Skorpionen gelebt?“
„Ja, genau!“ Gottfried schöpfte Hoffnung.
„Dann muss ich dich leider enttäuschen“, sagte die Pinie. „Du bist hier in Spanien, aber das Land deiner Eltern heißt Mexiko und ist weit, weit von uns entfernt!“
„Aber ihr könnt doch meine Sprache!“, Gottfried gab nicht auf.
„Es ist eher andersrum“, antwortete die Pinie geduldig. „Du kannst unsere Sprache. Vor vielen Hundert Jahren sind Spanier mit Schiffen in die weite Welt gesegelt. Sie hatten auch Waffen dabei. Manche Völker wollten Spanisch lernen, andere wurden gezwungen.“
Die Pinie stockte. Scheinbar war ihr dieses Kapitel der spanischen Geschichte ein bisschen peinlich.
„Nun ja“, fuhr sie fort, „und so kam die spanische Sprache nach Mexiko.“
„Also ist meine Mulde immer noch weit weg?“, fragte Gottfried.
„Ja, aber gib nicht auf. Du kommst schon wieder nach Hause“, tröstete ihn die alte Pinie. „Und jetzt lasst uns feiern!“
Sie sangen und tanzten durch die Nächte und erzählten sich viele Geschichten. Tagsüber genoss Gottfried die Hitze und hielt wie die anderen eine ausgedehnte Siesta. Er fühlte sich wie im Paradies, begann aber auch seine alten Freunde von der Fensterbank zu vermissen. Als der Abschied bevorstand, war Gottfried zur Hälfte traurig, zur anderen Hälfte froh. Traurig, weil er seine Eltern nicht gefunden hatte. Was ihn aber von ganzem Herzen froh machte, waren seine neuen Freunde.

 

13. Kapitel: Zurück im neuen Zuhause

Viele Kilometer später wurde Gottfried wieder an seinen gewohnten Platz auf der Fensterbank gestellt. Gottfried schaute sich auf der Fensterbank um. Die Yuccapalmen wedelten majestätisch mit ihren Blättern zur Begrüßung und Herbert brüllte los:

„Ei gude wie, du Stachelmann,
jetzt sach doch schon, wie geht’s uns dann? (Hallo, du Stachelmann, jetzt sag doch schon, wie es dir geht!)

Johanna, haste des gemerkt? Des warn Gedischt. Bin isch aach net ganz discht, so bin isch doch ein Dischter!“ (Johanna, hast du das gemerkt? Das war ein Gedicht. Bin ich auch nicht ganz dicht, so bin ich doch ein Dichter!)

Johanna rollte genervt mit den Augen und hielt es für angebrachter, vornehm zu schweigen. Gottfried musste lächeln. Viel hatte sich scheinbar nicht verändert. Er atmete tief die vertraute Luft ein und hatte ein bisschen das Gefühl, nach Hause gekommen zu sein. Gottfried berichtete ausführlich vom Spanienurlaub und der erfolglosen Suche nach seinen Eltern. Er erzählte von seinen neuen Freunden, dann feierten sie ein rauschendes Wiedersehensfest. Gottfried brachte den Blumen neue Tänze und Lieder aus Spanien bei. Die Blumen sangen und tanzten wie entfesselt auf der Fensterbank. Herbert, wie immer der Letzte, sank erst kurz vor der Morgendämmerung in einen komaähnlichen Schlaf.

Gottfried widmete sich nun wieder seiner geliebten Forschertätigkeit. Besonders faszinierten ihn das Wetter und die Jahreszeiten. In seiner Heimat kannte er nur ein Wetter: Heiße, sonnige Tage und kalte Nächte. Die einzige Abwechslung stellte die kurze Regenzeit dar. In Deutschland war das Wetter grundverschieden. Die Heizung unter seiner Fensterbank sorgte zwar im Innenraum für ein gleichmäßiges Klima, aber im Garten vor der Scheibe konnte Gottfried die erstaunlichsten Veränderungen beobachten. Nach dem heißen Sommer war es immer noch angenehm warm, allerdings stand die Sonne nun schon viel schräger und tiefer und blendete den stacheligen Forscher häufig. Die Schatten im Garten wurden von Tag zu Tag länger. Gottfried nahm durch das gekippte Fenster einen veränderten Geruch wahr. Die im Sommer verbrannte Erde begann wieder mehr zu riechen, es roch aromatisch nach Früchten, aber auch ein bisschen faulig, es roch nach Veränderung. Auch den Bäumen und Sträuchern schien an Veränderung gelegen zu sein. Sie färbten um die Wette ihre Blätter in den tollsten Farben. Gottfried musste an den häufig nebligen Morgen lange auf das Durchbrechen der Sonne warten. Weil sie später kam, ging sie auch wieder früher unter, was Gottfried als nicht zwingend logisch ansah. Die Bäume schienen ihrer bunten Blätter überdrüssig, vielleicht vermissten sie das gewohnte Grün, aus welchem Grund auch immer, warfen sie nun die kunstvoll gefärbten Blätter wie gebrauchte Papiertaschentücher achtlos in den Garten. Es wurde von Tag zu Tag windiger, manchmal sogar richtig stürmisch. Der Wind sorgte dafür, dass die Bäume bald so nackt wie auf einem Röntgenbild dastanden.

Eines Abends kam Kathrin tränenverquollen nach Hause. In der Hand trug sie einen schmalen Holzstock. An dessen Spitze war ein Draht befestigt, der eine Halterung mit einer Kerze trug. An der Halterung der Kerze waren ein paar verkohlte Papierreste zu erahnen, die traurig herunterhingen. Gottfried rätselte, was Kathrin wohl widerfahren war. Herbert behauptete im Brustton der Überzeugung, Kathrin habe eine neue Technik des Angelns ausprobiert. Dabei habe ihr ein weißer Hai die Angel zerbissen. Gottfried fühlte sich bei dieser Erklärung sehr an Wilhelm erinnert und er spürte einen kurzen, wehmütigen Stich in der Brustgegend. Johanna dagegen begann weitschweifig eine Geschichte zu erzählen, in der irgendjemand am Ende einen Mantel durchschneidet. Gottfried sah beide Erklärungen als untauglich an, Kathrins Tränen zu verstehen.

Die Tage wurden immer kürzer, es schien gar nicht mehr richtig hell werden zu wollen. Kaum war die Dunkelheit ein wenig gewichen, begann es schon wieder zu dämmern. Doch eines Tages, Gottfried hatte etwas länger als sonst geschlafen, schimmerte das Wohnzimmer wie ein funkelnder Diamant. Die Luft war klar und roch würzig-scharf, der Garten erstrahlte in einem hellen Glanz: es hatte geschneit! Gottfried wackelte mit den Stacheln vor Vergnügen. Dann verfolgte er eine Unterhaltung zwischen Kathrins Eltern, die ihn hellhörig werden ließ. Herr Lindner behauptete, die Anden seien jetzt wie leergefegt. Jeder, der einen Poncho besitze und eine Panflöte halten könne, würde jetzt in einer Fußgängerzone irgendwo in Deutschland stehen und „El Condor Pasa“ flöten. Frau Lindner schimpfte mit ihm, er solle nicht so dumme Sachen sagen. Gottfried war das egal, das Stichwort „Anden“ interessierte ihn. Er wusste, dass die Anden ein Gebirge auf der anderen Seite des Atlantischen Ozeans sind, gar nicht so weit von Mexiko entfernt. Vielleicht konnte er eine Spur zu seinen Eltern entdecken. Er nahm sich vor, wachsam zu sein.

Kathrin behängte Gottfried mit Lametta, Frau Lindner verhinderte, dass er noch zusätzlich mit Wachskerzen geschmückt wurde. Kathrin fand ihren Kaktus aber auch ohne Kerzen wunderschön. Doch dann kam Sven zu Besuch. Er betrachtete den so feierlich Geschmückten und sagte dann nur verächtlich: „Ach Kathrin, da kannst du machen, was du willst! Mein Kaktus ist einfach schöner!“
„Du aufgeblasener Angeber! Mein Kaktus ist sogar ohne Lametta noch zehn Mal schöner als dein blöder Kaktus.“
„So so, ich bin also ein angeblasener Aufgeber. Wenn du dich traust, dann kannst du amtlich kriegen, wer den schöneren Kaktus hat. In einer Woche findet im Bürgerhaus ein Schönheitswettbewerb für Kakteen statt: „Germanys next Topstachel“. Wenn du dich traust, erscheinst du da mit deinem stacheligen Tannenbaum.“
„Und ob ich mich traue! Die Audienz ist für heute beendet.“
Sven hatte den Rauswurf verstanden und knallte hinter sich die Tür zu.

 

14. Kapitel: Germanys next Topstachel

Während der nächsten Woche sprach Kathrin kein Wort mit Sven. Sie schenkte ihm auch in der Schule keinen einzigen Blick, zumindest dann nicht, wenn er von seiner Bank aus verstohlen herüberschielte.
Am Samstag war dann der große Tag. Das Bürgerhaus war festlich geschmückt, die Bühne war umrahmt mit Styropor-Kakteen. Auf der Bühne thronte die Jury. Sie bestand aus dem Vorsitzenden des Kleingartenvereins, dem Fastnachtsprinzen, dem Ehrenpräsidenten vom Geflügelzuchtverein und natürlich dem dicken Herrn Bürgermeister. Er war so dick, dass es aussah, als habe bei ihm der liebe Gott vergessen, einen Hals zwischen Rumpf und Kopf einzubauen. Der Saal war gefüllt mit Menschen, die Blumentöpfe mit großen und kleinen Kakteen bei sich trugen oder schleppten. Die allergrößten Kakteen wurden sogar auf Rollbrettern in den Saal geschoben. Kathrin hatte Sven hinten im Saal entdeckt und blickte schnell wieder weg. Jetzt galt es dem Angeber zu zeigen, wer den schöneren Kaktus besaß.
Nacheinander wurden nun die Kakteen auf die Bühne gebracht. Ein Ansager reihte einen dummen Spruch an den nächsten und lachte über seine eigenen Witze am lautesten. Gerade so, als habe er sich selbst einen Witz erzählt, den er vorher noch nicht gekannt hatte. Die vier Herren von der Jury hielten im Anschluss an das Geschwätz des Ansagers Kärtchen mit Zahlen von eins bis zehn hoch. Der Ansager musste die vier Zahlen zusammenrechnen, wobei ihm kleine Schweißtröpfchen auf die Stirn traten.
Gottfried konnte von seinem Platz aus die Bühne nicht sehen. Er stand neben Kathrins Füßen, die Stuhlreihen versperrten ihm den Blick. Gottfried war stinksauer! Dieser Wettbewerb war so was von peinlich! Gottfried war kein Typ, der gerne auf einer Bühne stand. Und wenn schon, dann nur, um den Nobelpreis für seine Forschungen in Empfang zu nehmen. Wen interessiert es denn schon, wie er aussieht? Wieso sollte er Punkte für etwas bekommen, wofür er gar nichts konnte? Gottfried sah Kathrin wütend an. Die jedoch hatte gerade andere Sorgen, als darüber zu grübeln, ob ihr Kaktus sauer auf sie sein könnte. Sven wurde in diesem Augenblick aufgerufen und schleppte seinen Kaktus auf die Bühne. Der Ansager fand viele lobende Worte und erzählte etwas von einem strammen Verkehrspolizisten. Langsam nahm Sven eine ebenso stolze Haltung wie sein Kaktus ein. Dann präsentierten die vier Mitglieder der Jury ihre Punktekarten. Diesmal fiel dem Ansager das Rechnen leicht: Vier mal die zehn, 40 Punkte, die Höchstzahl! Sven streckte seine geballte Faust triumphierend in Kathrins Richtung. Die Zuschauer klatschten begeistert. Fotografen drängten zur Bühne, alle wollten ein Foto vom schönsten Kaktus der Stadt.
Da ertönte die Stimme des Ansagers: „Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich bitte sie wieder Platz zu nehmen. Jeder nur einen Platz bitte, hahaha. Und bitteschön nur Fakire nehmen auf einem Kaktus Platz, hahaha. Unser Wettbewerb ist noch nicht beendet!“
Gottfried hatte gehofft, das unwürdige Spektakel sei mit dem Erreichen von 40 Punkten vorüber, aber es mussten tatsächlich alle Kakteen auf die Bühne, also auch er.
Dann war es soweit: Kathrin wurde aufgerufen. Sie schleppte ihren Kaktus nach vorne. Gottfried hatte die Augen geschlossen. Der Ansager übernahm den schweren Blumentopf auf den Stufen. Nun stand Gottfried auf der Bühne. Vorsichtig öffnete er ein Auge. Grelles Scheinwerferlicht blendete ihn.
Der Ansager begann wieder zu erzählen: „Oh, sehr elegant, wirklich sehr elegant. Wie eine Tänzerin! Eine Balletttänzerin mit Damenbart, hahaha.“
Während Gottfried vor Zorn innerlich rauchte, präsentierten die vier Herren ihre Punktekarten. Stille im Saal, dann brach Jubel aus: 40 Punkte. Kathrin streckte ihre Zunge genießerisch in Svens Richtung. Wieder erschienen die Fotografen und ein Blitzlichtgewitter ergoss sich auf Kathrin und ihren Kaktus. Das ganze war ja so peinlich! Hoffentlich erfuhr das nie im Leben Wilhelm. Wenn der wüsste, dass sein Zwillingsbruder bei einem Schönheitswettbewerb teilgenommen und auch noch die Höchstpunktzahl erreicht hatte, würde er ihn bis an sein Lebensende hänseln und bestimmt auch noch greteln. Nicht auszumalen! Endlich verließ die triumphierende Kathrin mit ihm die Bühne.
Nur noch wenige Kakteen wurden nach Gottfried auf der Bühne begutachtet. Keiner erreichte mehr die magische Zahl von 40 Punkten. Der Ansager beriet sich mit der Jury. Nach kurzer Zeit blökte er in sein Mikrofon: „Meine Damunherrn!“ Er wirkte aufgeregt und schien es eilig zu haben.
„Wir kommen zum Stechen! Gott sei dank sind unsere Kandidaten mit ihren Stacheln bestens für ein Stechen gerüstet, hahaha! Ich bitte nun die beiden Kakteen mit der Höchstpunktzahl auf die Bühne!“
Sven ließ sich das nicht zweimal sagen. So schnell es das Gewicht seines Kaktus zuließ, schleppte er ihn auf die Bühne, um ihm dort den besten Platz im Rampenlicht zu sichern. Kathrin ließ sich mehr Zeit. Während er nach vorne getragen wurde, flehte Gottfried leise: „Großer Kaktus im Himmel, bitte lass das nie Wilhelm wissen! Bitte, bitte!“ Jetzt half wieder der Ansager beim Bühnenaufgang. Als der Ansager unter Ächzen und Stöhnen mit dem schweren Blumentopf die zweite Treppenstufe erklommen hatte, konnte Gottfried einen ersten Blick auf seinen Kontrahenten werfen. Der andere posierte dort mit angehaltenem Atem und gespreizten Stacheln. Affigerweise zog er auch noch den Bauch ein. Gottfried stutzte, schluckte und bekam einen Lachanfall, denn plötzlich war eine Sache glasklar: Wilhelm würde erfahren, dass sein Zwillingsbruder bei einem Schönheitswettbewerb teilgenommen hatte: Der andere Kandidat mit 40 Punkten war nämlich kein anderer als Wilhelm höchstpersönlich. Kathrin stellte ihren Kaktus vor dessen Zwilling. Wilhelm zuckte, ließ Luft ab und brüllte begeistert los: „Na Kleiner! Immer noch auf Ufojagd?“
Gottfried brüllte nur zurück: „Johoho, und ’ne Ruddel voll Bumm!“
Wie ihr euch vorstellen könnt, hatten die Zwillinge sich unendlich viel zu erzählen. Vor lauter Wiedersehensfreude bekamen Gottfried und Wilhelm gar nicht mit, dass die Jury sie beide zu Germanys next Topstachel gekürt hatte. Der Saal tobte vor Begeisterung. Die Stimme des Ansagers überschlug sich hektisch, sein Mikrofon pfiff. Kathrin und Sven standen links und rechts am Bühnenrand und sahen sich an. Wie auf ein geheimes Kommando gingen beide los und trafen sich in der Bühnenmitte. Die beiden grinsten schief vor Verlegenheit.
„Dafür, dass du ein angeblasener Aufgeber bist, hast du einen ganz hübschen Kaktus!“, sagte Kathrin.
„Na ja“, antwortete Sven, „dein Ersatztannenbaum ist wohl auch nicht ganz übel!“
Nachdem nun jeder noch einen giftigen Stachel abgeschossen hatte, konnten sich die beiden umarmen und sich gegenseitig gratulieren. Dann mussten Kathrin und Sven so lachen, dass sie am nächsten Tag Muskelkater im Bauch hatten.

 

15. Kapitel: Die neue Mulde

Der Hauptgewinn für den Sieger wurde kurzerhand verdoppelt: Zwei Ehrenplätze in einer traumhaften Mulde im Frankfurter Palmengarten und eine kostenlose Jahreskarte für die beiden Pflegefamilien, so dass sie ihren Kaktus so oft wie möglich besuchen können. Kathrin zögerte. Sie wollte ihren Kaktus nicht hergeben. Sie wollte nicht, dass er irgendwo in Frankfurt rumsteht.
Sven war weniger skeptisch. „Ein Jahr kostenloser Eintritt. Das ist cool!“
Ein Mitarbeiter vom Palmengarten sprach jetzt mit den beiden.
„Aber er gehört doch mir!“, meldete Kathrin ihre Zweifel an.
„Kann einem Menschen wirklich eine Pflanze gehören?“, fragte sie der kleine Mann und sein großer Schnurrbart hüpfte fragend auf und ab.
„Na klar, ich hab ihn doch gekauft!“, erwiderte Kathrin trotzig.
„Ich glaube, du hast das Recht gekauft, ihn pflegen zu dürfen und dich an ihm zu erfreuen!“ sagte der Gärtner.
Das waren komische Argumente, Kathrins Mutter hätte so reden können. Doch dann packte der Gärtner mit einem verschmitzten Lächeln Fotos aus. „Schaut mal, das könnte der Ehrenplatz für die beiden sein, natürlich nur, wenn ihr wollt!“
Die Bilder zeigten ein riesiges, helles Glasgebäude. Darin gab es eine hügelige Landschaft mit verschlungenen Wegen, kleinen Treppchen und sogar einer kleinen Brücke. Unzählige Kaktusarten standen stolz in der Landschaft herum, einige von ihnen blühten. Mit seinem Zeigefinger, unter dessen Fingernagel schwarze Erde hing, zeigte der Gärtner auf eine freie Stelle in der Mitte der Kakteenanlage. „Die beiden hätten es gut da, wahrscheinlich besser als bei euch zu Hause. Und besuchen könnt ihr sie, sooft ihr wollt!“
Kathrin willigte ein, wenn auch nur schweren Herzens und tief seufzend.

So kam es, dass Gottfried und Wilhelm mal wieder zusammen in einem kleinen Laster fuhren. Juan, der kleine schnauzbärtige Gärtner, nahm die Zwillinge gleich mit in den Palmengarten.
„Johoho, wir fahren nach Hause!“, jubelte Wilhelm.
„Wieso nach Hause?“, fragte Gottfried zurück. „Zuhause bin ich bei Johanna und Herbert und all den anderen!“
„Johanna und Herbert, wer soll denn das sein?“
„Johanna ist ein dichtender Frauenschuh und Herbert eine hessische Becherprimel!“
„Von mir aus. Aber überleg mal: Wo wir jetzt hinfahren, können fast alle Spanisch! Wir sind also wieder zu Hause!“
Gottfried kam langsam ein Verdacht. „Sag mal, Wilhelm, kann es sein, dass du gar nicht Deutsch gelernt hast?“
„Nö, wozu denn? Ich hab meinen neuen Kollegen auf der Fensterbank Spanisch beigebracht, das ging schneller!“ Gottfried schüttelte den Kopf, dann musste er lachen.

Noch am gleichen Abend bezogen die Zwillinge ihre neue Mulde. Es gab ein großes Hallo und ein wildes spanisches Geplapper. Die ganze Nacht tanzten die Kakteen und erzählten sich ihre Lieblingsgeschichten.
Wilhelm war früh wach und betrachtete am nächsten Morgen ihre neue Heimat. Das neue Zuhause hieß Halbwüste und war von riesigen Glasflächen begrenzt. Es war 26 Grad Celsius warm und eine Lüftung brummte im Hintergrund. Die Nachbarhäuser hießen Savanne, Dornwald und eines hatte sogar einen Doppelnamen: Monsun- und Passatwald. Wilhelm überlegte, ob sich mit den Jungs aus den anderen Häusern irgendwelche Geschäfte machen ließe.
„Na, das checke ich später!“, murmelte er in einer Lautstärke, die man bei ihm murmeln, bei anderen ausrufen nennen würde. Sein Bruder wurde davon wach. Gottfried blinzelte verschlafen und betrachtete die Umgebung. Außerhalb ihres Gebäudes sah er Wiesen, Bäume, Blumen, sogar einen kleinen Teich mit einem Springbrunnen. Er war zufrieden, bis ihm plötzlich vor Schreck die Kinnlade herunterklappte. Er entdeckte in der Ferne zwei riesige, unglaublich große Bäume. Sie schienen bis in den Himmel gewachsen zu sein. Einer war schlank wie eine Palme und hatte knapp unterhalb der Spitze eine Verdickung ähnlich dem Ring des Saturns. Der andere hatte einen dickeren Stamm, anstelle der Laubkrone krönte den Riesenbaum eine Pyramide. Gottfried schlug Alarm: „Hilfe, die Außerirdischen kommen. Sie greifen mit riesigen Bäumen an.“
Ein Mitbewohner gab lächelnd Entwarnung: „Keine Angst, das sind keine Außerirdischen. Der dünne ist der Fernsehturm, der dickere ist der Messeturm.“
„Und wachsen diese Monsterbäume noch?“ fragte Gottfried fassungslos.
„Das sind keine Bäume, die wachsen“, antwortete der Mitbewohner geduldig. „Das sind Türme, die von Menschen aus Beton und Stahl gebaut wurde!“
Gottfried schüttelte ungläubig den Kopf. Es gab ja noch so viel zu erforschen.

Die nächsten Monate widmete er sich mit ganzer Kraft seiner Forschertätigkeit. So viele Fragen wollte er klären:

Wieso plärren alle Kinder vor dem kleinen Verkaufsstand vor der Fensterscheibe los, als ginge die Welt unter? Wieso stoppen sie von einer Sekunde auf die andere das Geplärre, wenn ihnen die Großen eine mit Kugeln bestückte Waffel in die Hand drücken?

Wie viele Kameras kann ein Japaner auf einmal tragen?

Wieso stecken sich Menschen brennende Papierröllchen in den Mund?

Wieso sehen viele Menschen so traurig aus, obwohl sie gerade so schöne Kakteen und Blumen bewundern?

Wieso tragen Menschen Ringe im Ohr, in der Nase, im Bauchnabel oder sogar in der Zunge?

Wilhelm beschäftigte sich mit anderen Dingen. Er wollte reich und mächtig werden. Er träumte von dem „Riesending“, wie er es nannte. Allerdings verriet er noch keine Einzelheiten von dem Riesending, nicht einmal Gottfried. Wilhelm hatte mitbekommen, dass es im Palmengarten auch Kakteen gab, die im Freien wohnten. Da der deutsche Winter für Kakteen viel zu kalt ist, mussten die Gärtner diese Kakteen jedes Jahr im späten Herbst ausgraben und zum Überwintern in ein eigenes Gewächshaus bringen. Das war für die Gärtner eine Riesenarbeit, für Wilhelm war es die Grundlage für sein Riesending.

Die meisten Menschen können Pflanzen nicht reden hören. Kaum einer weiß, dass Pflanzen überhaupt reden können. Die Menschen betrachten sich selbst als die Krone der Schöpfung, was in ihren Augen zwangsläufig zur Folge haben muss, dass sich auch nur Menschen unterhalten können. Wer etwa denkt, dass sich Tiere, Pflanzen oder auch Steine unterhalten können, ist ein Spinner. Denken zumindest diese Menschen.

Die Pflanzen verstehen aber alles, was wir Menschen sagen. Deswegen werdet ihr mir jetzt sicherlich Recht geben, dass die Leute, die mit ihren Pflanzen sprechen, keineswegs verrückt sind. Vielleicht ahnen diese Menschen, dass sie verstanden werden. Wenn mit einer Pflanze gesprochen wird, wächst sie viel schneller und zu einer strahlenderen Schönheit heran, als wenn sie alleine in einer dunklen Ecke steht, ohne dass je ein Wort an sie gerichtet wird und ihr nie das kleinste Kompliment gemacht wird. Pflanzen mit diesem Schicksal können vor Kummer krank werden, die Blätter verlieren und eingehen.

 

16. Kapitel: Wilhelm macht sein Ding

Im Palmengarten gab es einen kleinen, spanischen Gärtner mit einem schwarzen, lustigen Schnauzbart. Ach ja, richtig, ihr kennt Juan ja schon vom Kakteen-Schönheitswettbewerb. Juan zum Beispiel war ein Mensch, der mit Pflanzen sprach. Er war auch bei allen Tieren und allen Kinder beliebt. Viele Erwachsene fanden ihn ein bisschen komisch, ohne genau sagen zu können, warum. Juan pfiff meist fröhlich bei der Arbeit, sogar beim Unkrautjäten! In seiner Mittagspause trank er gerne ein Glas Rotwein, manchmal auch zwei.

Es war ein heißer Tag. Juans viel zu kurze Mittagspause war schon wieder vorüber. Er sehnte sich nach einer Siesta an einem schattigen Plätzchen. Aber er musste weiterarbeiten. Statt der wohlverdienten Siesta kniete er vor Wilhelm und jätete Unkraut aus dem steinigen Boden. Der Rotwein hatte seinen Kopf dämmrig schwer gemacht.
„Wenn mich doch die Saufnase hören könnte!“, drang plötzliche eine leise, blecherne Stimme auf Spanisch an sein Ohr.
Juan zuckte zusammen. Meinte die Stimme ihn? Er blickte sich in alle Richtungen um, konnte aber keine Besucher entdecken. Die saßen jetzt alle im Cafe beim Mittagessen oder lagen auf der Wiese und sonnten sich. Außer einem anderen Gärtner entdeckte Juan keine weitere Menschenseele. Und dieser Gärtner konnte kein Spanisch, da war sich Juan absolut sicher. Er schüttelte lange und zutiefst verwundert den Kopf.
„Auf geht’s, Schnapsdrossel. Raus mit dem Unkraut! Ich will es hier schön haben!” Die blecherne, aber leise Stimme tönte erneut aus dem Nirgendwo. Juan stand auf und blickte sich ungläubig um. Was war das? Hatte er aus versehen doch ein bisschen zuviel Rotwein getrunken? Oder kam die Stimme über die Lautsprecheranlage und seine Kollegen erlaubten sich einen Scherz mit ihm?
„Wer spricht da?“ flüsterte Juan zögernd.
„Na wer wohl, ich, Wilhelm!“ antwortete die leise Blechstimme, bevor auch sie ins Stocken geriet und schlagartig furchtbar aufgeregt klang. „Sag mal, heißt das, du hörst mich? Wilhelms Stimme überschlug sich vor Begeisterung.
„Ja, ich höre dich. Aber ich sehe dich nicht!“ Juan war verwirrt und flüsterte auch nicht mehr.
„Hast du denn Tomaten auf den Augen? Du stehst direkt vor mir, du Blindfisch!“
„Ich stehe vor einem ziemlich eingebildeten Kaktus, der seine Arme lächerlicherweise wie die Jesusstatue auf dem Zuckerhut in Rio hält!“
„Das nimmst du sofort zurück!“
„Nur, wenn du die Saufnase, die Schnapsdrossel und den Blindfisch zurücknimmst!“
„Aber das war doch nur die Wahrheit!“
Plötzlich hielt Juan inne, seine Augen weiteten sich und er sprach mit zittriger Stimme vor sich hin: „Ich unterhalte mich mit einem Kaktus, ich rede tatsächlich mit einem Kaktus. Und jetzt führe ich auch noch Selbstgespräche!“
„Natürlich redest du mit einem Kaktus, wurde ja auch mal Zeit, dass einer auf die Idee kommt. Okay, ich nehme die Saufnase zurück!“
„Und die Schnapsdrossel, bitteschön!“
„Ja, ja, was du nur willst, ich nehme alles zurück. Aber jetzt lass uns mal zu den wichtigen Dingen kommen. Ich habe dir ein Geschäft vorzuschlagen!“
„Wieso kannst du denn reden? Du bist doch ein Kaktus?“
„Du stellst die Frage falsch, Schnapsnase. Du müsstest fragen, warum du mich verstehen kannst: Wir können nämlich alle reden.“
„Nimm sofort die Schnapsnase zurück.“
„Ist ja gut, Saufdrossel. Sag mal, bin ich die erste Pflanze, mit der du dich unterhältst?“
„Ja natürlich. Was glaubst du, warum mir die Knie so zittern?“
„Hm, vielleicht hat Gottfried doch recht, dass meine Stimme etwas arg laut ist. Aber wie man sieht, hat es ja auch seine Vorteile.“ Wilhelm sprach etwas leiser und eher mit sich selbst. Dann wand er sich wieder dem verdatterten Gärtner zu.
„Kommen wir zu meinem Geschäft zurück, Amigo!“
„Was für ein Geschäft willst du mir denn vorschlagen?“ Juan blickte Wilhelm fragend an. Er war sich noch nicht ganz sicher, ob er vielleicht doch nur träumte.
„Hör zu! Ihr grabt doch jeden Herbst Massen von Kakteen aus dem Boden, die im Freien nicht überwintern können. Richtig?“
„Richtig!“ bestätigte Juan staunend.
„Dann müsst ihr diese Kakteen wieder in einem Gewächshaus einpflanzen. Das Gewächshaus kostet Geld. Richtig?“
„Das ist auch richtig“, stotterte Juan.
„Dann müsst ihr das Gewächshaus heizen. Kakteen haben es gerne schön warm. Das kostet auch viel Geld. Richtig?“
Juan nickte nur noch ungläubig.
„Und ich, Wilhelm der Erstgeborene, sage dir jetzt, wie ihr dieses ganze Geld sparen könnt!“
Als Wilhelm dies sagte, pumpte er sich auf wie auf der Bühne beim Kakteen-Schönheitswettbewerb. Juan wartete atemlos, bis der wie ein hohles Blechrohr klingende Kaktus weitersprach: „Soeben habe ich das erste internationale Kaktus-Reisebüro gegründet. Es heißt: Cactus Travel Agency, abgekürzt CTA. Ich bin der Chef vom CTA. Du darfst ab jetzt Sie zu mir sagen!“
Das war vorerst alles, was Wilhelm dem Gärtner von seiner Geschäftsidee mitteilen konnte. Juan sank nämlich in Ohnmacht, haarscharf an Wilhelms Stacheln vorbei.
Die Besucher des Halbwüstenhauses sahen den Gärtner im Kakteenbeet liegen. Einige schüttelten den Kopf über so viel Faulheit, andere mussten lachen und fotografierten ihn in seinem dornigen Bett.
Nach einiger Zeit kam Juan wieder zu sich. Er blickte sich verdattert um, dann ließ er einen fragenden Blick auf Wilhelm ruhen. Hatte er sich das nur eingebildet, dass dieser Kaktus mit ihm gesprochen hatte? Da ertönte erneut diese blecherne Stimme:
„Hola, amigo! Qué tal? (Hallo, mein Freund. Wie geht es dir?) Das war aber nicht abgemacht, unsere erste geschäftliche Besprechung so plötzlich zu unterbrechen!”
Er hatte also nicht geträumt. „Was hast du vor mit deinem CTA?“
„Jetzt hör mal gut zu, ohne gleich wieder aus den Latschen zu kippen. Es gefällt uns hier im Palmengarten ja ganz gut, aber bei Gelegenheit würde doch jeder von uns gerne mal wieder nach Hause. Nach Mexiko, in die Wüste von Arizona oder sonst wo hin. Na ja, du weißt ja, wo wir herkommen.“
„Und was habe ich damit zu tun?“, Juans Augen waren das reinste Fragezeichen.
„Du gräbst mir die Freilandkakteen aus und schaffst sie zum Flughafen. Die Tickets besorge ich. Und so spart ihr hier die Kosten für die Überwinterung, weil ihr keine zusätzlichen Treibhäuser benötigt!“
„Du hast ja scheinbar alles bedacht!“
Wilhelm fühlte sich geschmeichelt. „Selbstverständlich, ich bin ja auch der Chef vom CTA!“
„Und was ist, wenn aus eurer Mulde mal jemand nach Mexiko möchte, du zum Beispiel?“
„Du sollst doch Sie zum Chef sagen!“ Wilhelm knurrte. „Wenn ich Urlaub machen will, kommt so ein Freilandheini bis zum Frühjahr an meinen Platz in der Mulde. Noch Fragen?“
„Nein, nein, keine weiteren Fragen, euer Ehren!“ Juan schüttelte bedächtig den Kopf. Ein Blick auf seine Uhr verriet ihm, dass er bereits seit über einer Stunde Feierabend hatte. Auf dem Nachhauseweg beschloss er, über die ganze merkwürdige Geschichte erst einmal eine Nacht zu schlafen.

 

17. Kapitel: Gottfried blickt in die Sterne

Manche Ideen, die zu Beginn als große Spinnerei erscheinen, funktionieren tatsächlich. So war es auch mit dem CTA. Jedes Jahr im späten Herbst trat eine Schar von Kakteen die weite Reise in ihre fernen, warmen Heimatländer an. Juan buddelte und transportierte, Wilhelm organisierte und kassierte. Rechtzeitig zum deutschen Frühjahrsbeginn waren alle wieder gut gelaunt zurück. Wilhelm wurde der reichste Kaktus der Welt. Er erweiterte das Angebot des CTA stetig. Die Kakteen konnten nach einigen Jahren auch Skireisen in die Schweiz oder Löwensafaris in Afrika buchen. Was Wilhelm anpackte, wurde zu Geld. Nur eine Sache funktionierte nicht so richtig. Er hatte von einem besonderen Abenteuer gehört: Rafting. Was einen englischen Namen hat, verkauft sich mindestens doppelt so gut, dachte Wilhelm. Er zog Erkundigungen ein. Beim Rafting sitzt man in einem Gummischlauchboot und fährt auf einem wilden Fluss durch reißende Stromschnellen und an gefährlichen Felsbrocken vorbei. Die Abenteurer müssen dabei Helme und Schwimmwesten tragen. Wilhelm war begeistert. Das würde der Renner im CTA-Katalog werden. Im nächsten Frühjahrskatalog war Rafting das Großangebot auf der ersten Seite. Bald waren alle Touren restlos ausgebucht. Das erste Schlauchboot mit Kakteen als Besatzung ging unter. Pech gehabt, dachte Wilhelm. Als das zweite Schlauchboot unterging, wurde Wilhelm stutzig. Nachdem auch das dritte Schlauchboot der Titanic nachfolgte, nahm Wilhelm Rafting aus dem Katalog heraus. Irgendwas hatte er wohl nicht bedacht. Er kam aber nicht darauf, was es sein könnte. Es wäre aber nicht Wilhelm gewesen, hätte er weiter über diesen kleinen Misserfolg nachgegrübelt. Für so etwas hatte er gar keine Zeit. Wilhelm hatte nämlich etwas Neues gehört: „Bungee-Jumping“ (Menschen oder Kakteen springen an einem Gummiseil aus großer Höhe in die Tiefe.) Und dabei konnte garantiert kein Schlauchboot absaufen.

Gottfried interessierte sich nicht sonderlich für die Geschäfte seines Bruders. Er war zu sehr mit seinen Forschungen beschäftigt. Gottfried hatte es bis jetzt noch nicht einmal geschafft, seine Eltern in der mexikanischen Wüste zu besuchen. Für den nächsten Winter hat er den Mexiko-Besuch aber schon ganz feste vorgemerkt, komme da, was wolle. Er freut sich riesig darauf, seine Eltern und seine Heimatmulde wiederzusehen. Was er dann alles seinen Eltern erzählen könnte!
Kathrin besuchte ihn regelmäßig. Zum Glück kam sie tagsüber, denn nachts war Gottfried beschäftigt: Seine große Leidenschaft waren die Sterne geblieben. Er erforschte sie mit Hingabe. Nachts blickte Gottfried durch die von Stahlträgern durchzogene Kuppel in den nächtlichen Himmel. Er hatte ein neues Sternbild entdeckt, den „Großen Kaktus“.

Was glaubt ihr wohl, wie der Sternenkaktus seine Arme hält?

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