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Fast eine Weihnachtsgeschichte

Maxim Gorki schrieb eine Weihnachtserzählung “Von einem Knaben und einem Mädchen, die nicht erfroren sind”. In meiner Geschichte für Erwachsene ist mir dies nur zur Hälfte gelungen. Trotzdem wünsche ich viel Spaß beim Lesen und allen eine sinnvolle Weihnachtszeit.

 

Christian bretterte mit seinem Mountainbike durch den dunklen Wald. Es war der Morgen des 24. Dezember und er war auf dem Weg zur Arbeit. Über Nacht hatte es zu schneien begonnen. Dicke, schwere Flocken rauschten durch den vom Halogenscheinwerfer in die Dunkelheit geschnittenen Lichtkegel. Der nasse Schnee klatschte Christian ins Gesicht, es störte ihn nicht. Er besaß kein Auto, und er wollte kein Auto besitzen. So hatte er frische Luft um die Nase, stand in keinem Stau, musste sich nicht in überfüllte Busse quetschen oder auf verspätete S-Bahnen warten. Sein Fahrrad fuhr, wann er wollte.
Christian drückte das linke Nasenloch zu und schnäuzte über die rechte Schulter. Schnee, und das an Weihnachten, dachte er. Es lebe der Superkitsch! Verächtlich spuckte er aus. Ab September Spekulatius beim Aldi, seit vier Wochen mit Weihnachtsmärkten verminte Innenstädte und jetzt die Radioendlosschleife von „Last Christmas“. Und der ganze Hype wegen “einem Kindlein”. Er schüttelte fassungslos den behelmten Kopf.

Als kleiner und völlig unmusikalischer Junge hatte er vor der Bescherung unterm Tannenbaum flöten müssen. “Oh du fröhliche”, mit klatschnassen, eiskalten Fingern, sein jüngerer Bruder hatte dazu die zweite Stimme gespielt. Und erst wenn der Vater mit staatstragender Miene das Weihnachtsevangelium vorgelesen hatte, gab es die Geschenke. Sein Bruder fuhr bis heute an Weihnachten die 500 Kilometer nach Hause, mit seiner Familie und vier Blockflöten im Gepäck. Christian hatte den Kontakt zu seinen Eltern schon vor Jahren abgebrochen.

Jetzt kam er an die lange, abschüssige Gerade, die er bei guten Witterungsbedingungen mit 40 Sachen runterdonnerte. Seine grobstolligen Reifen griffen sicher im Neuschnee, Christian schaltete hoch und gab Druck auf die Kette. Das Klettband mit den roten Leuchtdioden wirbelte an seinem linken Unterschenkel durch die Dunkelheit. Er konnte den Tacho nicht erkennen, doch flogen die Silhouetten der Bäume vorbei, als hätte er auch heute die 40 Stundenkilometer drauf.

Christian hatte Informatik studiert und besaß jetzt einen kleinen Computerladen. Seine Kommilitonen hatten ihm als Weihnachtshasser den Spitznamen „Scrooge“ verpasst, weshalb er folgerichtig seinen Laden „PC-Kontor“ getauft hatte. Der völlig aufgelöste Besitzer einer Werbeagentur hatte gestern Abend angerufen. Virusbefall im Netzwerk, ominöse Fehlermeldungen, Bluescreens. Ich bringe das morgen zum Laufen, hatte er den Werber getröstet. Jetzt brütete er beim Pedalieren über den Fehlermeldungen. Eine war ihm völlig neu, er hatte gestern Nacht sogar im Netz nichts darüber finden können.

Regelmäßig begegnete er zwei anderen Ganzjahresradlern im Wald. Doch an diesem Morgen drückte nur er sein Profil in den Schnee. Christian passierte die Schutzhütte und näherte sich der langen Rechtskurve, die nach der Abfahrt in ebenes Gelände führte. Er hörte auf zu treten, um die Kurve mit verringerter Geschwindigkeit zu nehmen. Gefühlvoll bremste er beide Räder an und lenkte sachte ein. Plötzlich spürte er, wie die Reifen die Haftung verloren und einfach weiter geradeaus rutschten. Das Rad bekam Schräglage, er wollte sich mit dem rechten Fuß abstützen, doch da war schon der Rand des Weges. Wie ein Skispringer die Schanze donnerte er die Böschung hinab. Das blockierte Vorderrad ließ den Scheinwerfer erlischen. Christian konnte nur erahnen, dass er auf einen querliegenden Baumstamm zuschoss. Reflexartig krümmte er den Rücken, um die Wirbelsäule zu schützen. Beim Einschlag spürte er einen stechenden Schmerz im rechten Bein.
“Scheiße!“, brüllte er in die plötzliche Stille. Er steckte unter dem Baum fest, der Wald war noch stockfinster. „Verdammte Scheiße!“

Zornig zog er mit beiden Händen an seinem Oberschenkel. Vor Schmerz wurde er fast ohnmächtig, doch das eingeklemmte Bein bewegte sich keinen Millimeter. „Grab dich frei“, befahl er sich selbst. Das rote Klettblinklicht beleuchtete im Stakkato die Versuche, das Bein zu unterhöhlen. Der Waldboden war gefroren und ließ sich auch ohne Handschuhe nur millimeterweise wegkratzen. Christians Fingerspitzen waren schon nach wenigen Minuten wundgescheuert und abgestorben. Seine Bauchmuskeln verkrampften und er sank erschöpft zurück.
„Verdammt, du bist Informatiker, du kannst logisch denken“, rief er mit sich überschlagender Stimme und versuchte die aufsteigende Panik in den Griff zu bekommen.
„Das Bein ist durch und allein krieg ich es nicht raus. Also brauch ich Hilfe!“
Ein Lächeln umspielte seine Lippen: „Ich Idiot!“, murmelte er.
Er zippte seine Jacke auf, angelte das Handy aus der Innentasche, schaltete die Taschenlampe an und beleuchtete sein eingeklemmtes Bein.
„Von wegen, du Scheißbaum!“, sagte er.
Sein Triumph erstarb mit einem Blick aufs Display. Kein Empfang, null Balken. Fassungslos starrte er sein Handy an, schüttelte es wie ein Wahnsinniger.
„Du Drecksding!“, schrie er. „Bin ich hier mitten in Deutschland oder im Takatuka-Land?“
„Jetzt dreh mal nicht durch, Christian! Dann rufst du halt um Hilfe! Später, wenn es hell wird und Spaziergänger kommen!“
Er versuchte ruhig zu atmen und den Schmerz zu kontrollieren, der in Wellen durch sein Bein schwappte. Die Kälte kroch ihm in die Knochen und der Schnee kämpfte mit seiner Funktionskleidung. Erschöpft schloss er die Augen.

Es war hell, als er sie wieder öffnete. Verdammt, war ich ohnmächtig? Die Fehlermeldung fiel ihm ein. Wie kann ich jetzt an die Fehlermeldung denken? Ich muss um Hilfe rufen. Vielleicht sind schon Fußgänger unterwegs!
„Hilfe!“, brüllte er, „Hilfe!“, immer wieder.  Schien der Schnee auch seine Rufe  unbarmherzig zu verschlucken, rief er dennoch weiter, bis seine Stimmlippen nur noch ein verzweifeltes Gekrächze produzierten. Er verschluckte sich und musste husten. Das vibrierende Zwerchfell ließ den Schmerz in seinem Bein explodieren. Vor seinen Augen erschien ein Bluescreen. Die Schneeflocken hüllten den Mantel des Schweigens über Christian, auf den im PC-Kontor eine unbekannte Fehlermeldung und zu Hause nur die Geckos im Terrarium warteten.

Miriam saß auf dem Kutschbock, die Zügel locker in der Hand. Wie jedes Jahr am 24. Dezember hatte sie kleine Glöckchen am Geschirr der Pferde befestigt. Jeder Schritt klang nach „Jingle Bells“. Scheiß Weihnachten, dachte Miriam, drückte das rechte Nasenloch zu und schnäuzte über die linke Schulter. Die Kutsche war vollgestopft mit kleinen Kindern und deren Eltern. Meist nur Mama oder Papa, denn es gab noch so viel zu erledigen: Baum schmücken, Geschenke verpacken, kochen, letzte Besorgungen in der kollabierenden Stadt. Die Kutschfahrt war eine gute Gelegenheit, das Warten aufs Christkind nicht nur vor dem Fernseher zu verbringen. Trotz des saftigen Aufpreises hätte Miriam jedes Jahr das Doppelte an Fahrgästen bei ihren drei Heilig-Abend-Ausfahrten unterbringen können. Dieser besondere Tag zog ihren Reitstall am Jahresende aus den roten Zahlen. Und jetzt auch noch der Schnee; eine perfekte Kulisse für Miriams Bescherung.

Die Kleinen in der Kutsche plapperten aufgeregt. Miriam schaute mit traurigen, braunen Augen nach hinten. Ein vielleicht vierjähriges Mädchen mit blonden Löwenlocken und rosafarbener Lillifee-Jacke wich ihrem Blick aus und bekulleräugte den immer weißer werdenden Winterwald.
„Haben Sie eigentlich was gegen Kinder?“, fragte der Vater von Malte („Malte, schau da! Malte, lass die Mütze auf! Malte, das ist bäh!“), der direkt hinter ihr saß.
„Natürlich nicht“, brummte Miriam und drehte den Kopf nach vorne.
Was sollte sie auch sagen, ohne Reitstunden für Kinder könnte ihr Stall nicht überleben.
„Ich dachte ja nur. Sie hatten eben so einen Ausdruck in den Augen!“, sagte der Mann.
Kümmer’ dich um deinen Scheiß!, dachte Miriam, blickte mit zusammengekniffenen Lippen über die tänzelnden Pferdeköpfe und schraubte die Thermoskanne auf. Schwer atmend nahm sie einen tiefen Schluck. Es war die dritte und letzte Fahrt des Tages und somit die dritte Kanne der Tee-Rum-Spezialmischung. Die 15.00 Uhr-Fahrt endete in der Abenddämmerung, sonst zündete sie dabei als romantischen Höhepunkt Fackeln an. Bei diesem Schneetreiben war das aber unmöglich.
„Haben Sie auch Kinder?“, fragte der Vater von Malte.
Miriam schüttelte den Kopf, ohne sich umzublicken.
„Die Pferde sind meine Kinder“, schob sie nach, um nicht völlig unhöflich zu wirken. Sie griff wieder zur Thermoskanne.
Meine Fehlgeburt geht dich gar nichts an! Ihr Blick unter der Schirmmütze wurde starr und der Gesichtsausdruck maskenhaft.
Zehn Jahre waren jetzt vergangen. Ein Junge, errechneter Geburtstermin 24. Dezember.
Er war aber nicht an Weihnachten, sondern Mitte Oktober gekommen, er war auch nicht der Erlöser der Menschheit, sondern tot, als ihn die Ärzte ihr auf den Bauch gelegt hatten.
“Lass es uns nochmal versuchen”, hatte ihr Freund vorgeschlagen. Noch im Krankenhaus hatte sie sich von ihm getrennt.

Miriam schüttelte sich und verscheuchte die dunklen Gedanken. Sie nahm noch einen Schluck. Hinter ihr wurden die Kinder unruhig. Es wurde immer dunkler und die Bescherung rückte näher. Die Kutsche passierte die Schutzhütte am Ende der abschüssigen Geraden. Danach noch die langgezogene Rechtskurve und ein Kilometer in der Ebene, dann waren sie wieder beim Reitstall und die kleinen Maltes, Lenas, Mias, Bens und Leons konnten von zwei auf ein Vielfaches an Pferdestärken umsteigen und der Bescherung entgegenbrausen.
Miriam bremste die Kutsche, die Reifen mit dem abgefahrenen Profil schoben leicht aus der Spur. Sie ließ die Pferde im Schritt durch die Kurve gehen.

Christian, der nun seit der Morgendämmerung unter dem Baumstamm steckte, bildete sich ein aus der Ferne Glöckchen zu hören. Sein Vater hatte früher immer das silberne Glöckchen am Weihnachtsbaum geläutet, als Zeichen, dass das Christkind die Geschenke gebracht hatte.
„Sentimentaler Idiot“, schimpfte Christian.

„Brrrrhicks!“, rief Miriam, der Befehl zum Anhalten ging im Schluckauf unter. „Bin gleich wieder da!“, informierte sie stellvertretend Maltes Vater und kletterte vom Bock. Der Tee drückte, bis zum Reitstall konnte sie es nicht mehr aushalten. Sie ging ein Stück die Kurve zurück und hockte sich an den Wegesrand oberhalb der Böschung.

‚Blinkt da unten was Rotes?’, dachte sie verwundert. ‚Vielleicht Rudolfs rote Nase?’ Sie reckte den Hals, um weiter den Abhang hinuntersehen zu können und verlor das Gleichgewicht. Sie versuchte den Absturz zu verhindern, ohne sich dabei auf die Stiefel zu pinkeln.
Grade noch mal gutgegangen! Miriam lag bäuchlings im Schnee und grinste.
„Hab’ mir doch echt eingebildet, da unten würd’ was blinken”, murmelte sie.  “Nächstes Jahr trink‘ ich nicht mehr so viel Tee!“
Zufrieden mit ihrem guten Vorsatz schlingerte sie zur Kutsche zurück.
„Schlaf gut, Rudolf!“, kicherte Miriam.

500 Kilometer entfernt klingelte ein silbernes Glöckchen zur Bescherung. Christians Hände waren wieder klatschnass und eiskalt.

 

Text und Bilder: Andreas Düll

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