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Zelten vs. Fußball

Eigentlich gehe ich nur zum Fußball. Mehr brauche ich nicht. Ich bin bei jedem Spiel meines Teams dabei. Auch auswärts, klar. Seit Kurzem habe ich eine neue Freundin. Die geht nicht zum Fußball, sondern sie zeltet gerne.
Zelte doch mal mit mir, sagt sie.
Wenn du mit zum Fußball kommst, sage ich.
(Was man nicht alles macht, wenn man eine neue Freundin hat.)
Geht klar, sie klimpert mit den Augen. Hast du die nächste Woche Zeit?
Es ist Sommerpause, also spricht nichts dagegen. Aber gleich eine ganze Woche?
Geht klar, sage ich zögerlich.
Ich hole dich nächsten Montag um 9.00 ab. Du brauchst nur Klamotten, ich kümmere mich um den Rest.

Pünktlich um 9.00 stehe ich mit meiner Sporttasche vor der Tür. Sie fährt vor. Die Rückbank ist umgeklappt, ihr Kombi ist voll bis unters Dach. Beim Einsteigen stoße ich mir den Kopf am Dachträger, der unter der Last einer großen Dachbox ächzt.
Ziehst du um?, frage ich.  Wäre schade, wir haben uns doch gerade erst kennengelernt.
Nein, wieso? Sie lacht und fährt los.
Wer kommt noch mit? Ich zeige ratlos hinter mich.
Wart’s mal ab, kann man beim Camping alles gebrauchen.
Zwei Stunden später haben wir das Stadion erreicht. Eine Schranke versperrt die direkte Zufahrt zum heiligen Rasen. Wir müssen erst zur Sicherheitskontrolle ins Büro vom Vereinspräsidenten. Sechs Monitore hängen an der Wand, das Stadion ist ordentlich videoüberwacht. Jetzt notiert der Präsident sogar unser Autokennzeichen und erklärt uns mit Nachdruck die Spielregeln. Besonders wichtig sind ihm dabei die Mülltrennung und die Einhaltung der Pausenzeiten. Bin ich ganz bei ihm, Pausen müssen sein für Wurst und Bier.
Endlich rollen wir aufs Spielfeld. Meine Augen glänzen. Überall qualmen die Grills, die Fans diskutieren in kleinen Gruppen mit einer Flasche Bier in der Hand die heutige Mannschaftsaufstellung.
Wir laden das Auto aus. Taschen, Beutel, Klappkisten, Zelt, Iso-Matten, Schlafsäcke, Tisch, Stühle, Luftpumpe, aufblasbares Kajak, Paddel, Pavillon, Grill, Kohle, Kocher, Gasflasche, Kühltasche. In der Kühltasche klirrt es verlockend, ich mache erst mal ein Bier auf.
Meine Freundin packt das Zelt aus, es liegt kreisförmig wie eine gebändigte Acht vor uns im Gras. Ich nehme eine Schluck, sehe dabei aus dem Augenwinkel eine explosive Bewegung, und plötzlich steht, wie von Geisterhand, das Zelt fertig aufgebaut und riesengroß im Gras.
Du machst mir Angst, sage ich.
Gut so, sagt sie und zwinkert. Und jetzt hau mal die Heringe rein! Sie reicht mir einen Gummihammer.
Heringe?, frage ich. Spielen wir heute gegen Hamburg oder andere Fischköppe?
Du hast schon bessere Witze gemacht, sagt sie und drückt mir lange Eisennägel in die Hand.
Murrend versenke ich die Nägel im knochentrockenen, steindurchsetzten Boden. Und ich bin mir sicher, sie hat was von Heringen gesagt. Als wir eingerichtet sind und die Nudeln im Wasser kochen, checke ich aus dem Campingstuhl heraus die Lage. Der Campingstuhl hat eine in die Lehne integrierte Getränkehalterung, genial, da hat jemand beim Arbeiten versehentlich mitgedacht. Mein Blick schweift, ich betrachte die Fans ringsum. Ich fühle mich heimisch. Die Tattoo-Dichte ist mindestens ebenso hoch wie bei den Spielern der Bundesliga. Leider ist der BMI dieser Fans exorbitant höher als in der Bundesliga, aus ästhetischen Gründen müsste es hier gelbe Karten fürs Trikotausziehen hageln. Hoffentlich kommt bald der Schiri oder Köln schaltet sich ein.
Nach dem Essen gehen wir durchs Stadion spazieren. Natürlich in Adiletten, meine Freundin hat mir extra welche besorgt.
Sonst merken alle gleich, dass du kein Camper bist, sagt sie.
Langsam durchschaue ich das Spiel. Es gibt zwei große Fanblöcke: Die Dauerkarteninhaber auf den Sitzplätzen und die echten Fans in der Kurve. Unser Zelt steht in der Kurve, wie es sich gehört. Die Dauerkartenfans hingegen hausen nicht im Zelt, sondern im Wohnwagen. Sie verteidigen ihren Platz im Stadion mit Jägerzaun und gehäkelten Sinnsprüchen vor Eindringlingen und gehen regelmäßig mit ihrem Pudel oder einem großen weißen Plastikbehälter mit Rollen auf Patrouille.
Was ist in der Plastikbox?, frage ich.
Das willst du gar nicht wissen, sagt sie und grinst.
Der Abend senkt sich über den Zeltplatz. Die Sonne versinkt, Bäume sehen wie ein Scherenschnitt aus, ich bekomme eine wohlige Gänsehaut, wie samstags im Stadion bei der Mannschaftsaufstellung.
Da wir sieben Tage meines Lebens hier verbringen, habe ich ausreichend Zeit, die Strömungen innerhalb der Fanlager zu studieren. Es gibt die Ultras, die sich und alle Spiele feiern, durchgehend Stimmung machen, als Letzte ins Bett gehen und als Letzte aufstehen. Wie es sich für Ultras gehört, sind sie laut, sehr laut.
Apropos Bett: Wer so eine dünne, minimal luftgefüllte Iso-Matte Bett nennt, braucht sich in seinem Leben nie mehr über Rückenschmerzen Gedanken machen. (Brett wäre passender.)
Dann gibt es die Fans aus dem Familienblock. Sie wollen ihren Kindern und Kleinkindern schon früh das Stadionleben nahe bringen, leben aber in exakt entgegengesetzter Taktung zu den Ultras: Wenn der letzte Ultra wach geworden ist, bringen die im Familienblock die ersten Kinder schon ins Bett. Wenn der letzte Ultra die aufgehende Morgensonne feiert wie die Meisterschaft und ins oder vors Zelt sinkt, sind die ersten kleinen Feierbiester aus dem Familienblock schon wieder wach.
Dazwischen gibt es die normalen Fans wie uns. Ich muss nicht abends um neun im Schlafsack liegen, brauche aber morgens um halb sieben auch noch keine durchdringende, hohe Kinderstimme im Gehörgang. Schließlich habe ich Urlaub.
Und jetzt kommt der springende Punkt: Dieses Stadion ist akustisch eine Meisterleistung. Du hörst alles! Ob dein Zeltnachbar redet, schnarcht oder welche Art Geschäfte er im Klohaus in der Nachbarkabine verrichtet: Man ist hier eine große, offene Familie. Wenn einer herzhaft niest, tönt ein vielstimmiges „Gesundheit“ aus allen Richtungen über den Platz. Dazu kommt: Wenn es dunkel wird und die Fans was getrunken haben, glauben sie, weil sie nichts mehr sehen, dass sie auch nicht mehr zu hören wären. Wie kleine Kinder, die sich verstecken, indem sie sich die Augen zuhalten. Schwierig!
Morgens rennen dann die Dauerkarteninhaber zum Vereinspräsidenten, der die nächtlichen Vorkommnisse zwischen den Fanlagern moderieren muss und abends am Lagerfeuer mit gemeinsamen Vereinsgesängen zur von ihm bedienten Gitarre die Wogen glättet. Sind wir nicht alle ein bisschen Country Road?
Meine letzte Nacht im Zelt bricht heran. Der Rücken schmerzt, die Blase drückt. Soll ich jetzt noch Bier wegbringen gehen? Raus aus dem warmen Schlafsack, Innenzelt aufzippen, Zelteingang aufzippen, durch die klamme Nacht zum Klohaus, dann das ganze Prozedere rückwärts um ohne Blasendruck, aber fröstelnd im Schafsack zu liegen? Unschlüssig wälze ich mich hin und her.
Wie fandest du unsere Zeltwoche, flüstert meine Freundin, die also auch noch wach ist.
Mal was anderes, sage ich diplomatisch.
Aber damit haben wir einen neuen Spielstand:
Fußball: Eins!
Zelten: Nuuulllll!
Danke.
Bitte.

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2 thoughts on “Zelten vs. Fußball

  1. Uli

    Was für eine schöne und realistische Geschichte die sich zudem mit allen Eigenheiten der Camperfraktion beschäftigt!
    Ich gehe lieber ins Stadion und spare das Jahr über damit ich im Sommer nicht auf einen Campingplatz muss…

    1. Andreas Düll

      Lieber Uli,
      ich freue mich drauf, mit dir mal wieder ins Stadion gehen zu können, um die Darbietung der Laienspielschar vor Ort kommentieren zu können. Vielleicht sollten wir auch mal zusammen zelten gehen und gemeinsam Feldstudien betreiben. Aber nur im Campingstuhl mit Getränkehalter!

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