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Übersteiger und Käsekuchen

„Hast du den Übersteiger gesehen? Krass! Jetzt zock ich die Bayern ab!“
Ben strahlt und bearbeitet hektisch den Controler.
„Du mit deinem blöden Fifa. Ich will jetzt wieder Let’s dance.“
Lena geht zur Playstation, um das Spiel zu wechseln.
„Spinnst du, ich hab’ gleich gewonnen!“ Ben zerrt an der Schulter seiner kleinen Schwester.
„Wir sollen aber abwechseln!“, sagt Lena.
„Ja gleich, gerade läuft’s so gut“, bittet Ben.
„Nein, ich will jetzt.“ Lena windet sich aus seinem Griff und geht wieder zum Fernseher.
„Du stehst im Bild“, brüllt Ben. „Wegen dir hab ich jetzt einen kassiert!“
Herr Funke stürzt aus dem Arbeitszimmer. „Könnt ihr mal leiser sein? Ich hab’ eine Videokonferenz!“
„Nein, können wir nicht, Lena nervt“, sagt Ben.
„Wieso zockst du und machst nichts für die Schule?“, fragt Herr Funke.
Die Haustür geht auf. Frau Funke kommt mit vollen Einkaufstaschen herein.
„Stellt euch das mal vor: Das ganze Klopapier ist ausverkauft. Bis auf die letzte Rolle. Jetzt sind alle im Corona-Wahnsinn!“
„Ich werd’ hier auch gleich wahnsinnig. Wie soll ich da Homeoffice machen?“ Herr Funke geht zurück ins Arbeitszimmer, dabei ruft er: „Nach dem Mittagessen müssen wir uns mal zusammensetzen!“

Zwei Stunden später sitzt Familie Funke am abgeräumten Tisch und hält Familienrat.
„So, ich habe mitgeschrieben, was ihr Kinder alles doof findet in der Corona-Zeit. Das lese ich jetzt noch mal vor.“ Herr Funke räuspert sich: „Der Kindergarten hat zu, wir dürfen nicht zu Oma und Opa, man kann keine Freunde treffen, Fußballtraining fällt aus, das Schwimmbad hat zu, man muss ganz viel Schulkram alleine zu Hause machen, im Fernsehen kommen dauernd blöde Nachrichten, Leute tragen gruselige Masken und auf der Straße guckt jeder, als wäre der andere giftig.“
„Gibt’s auch irgendwas Gutes wegen Corona?“, fragt Frau Funke.
„Papa ist zu Hause“, sagt Lena.
„Ja, schon, aber ich muss hier arbeiten, weil ich nicht ins Büro kann. Da brauch’ ich nicht so einen Zirkus wie vorhin an der Playstation“, sagt Herr Funke.
„Ja ja, das erzählst du jeden Tag“, sagt Ben genervt. „Wir spielen mehr zu viert. Das ist gut. Und ich kann länger schlafen.“
„Na immerhin. Aber die blöden Sachen, die ihr aufgezählt habt, die können wir nicht wirklich ändern. Und wir wissen nicht mal, wie lange das alles dauern wird. Was davon ist denn für euch das Blödeste?“, fragt Frau Funke.
„Ich vermisse Opi“, sagt Lena und fängt an zu weinen.
„Heulsuse!“ Ben guckt ganz cool, dann räuspert er sich. „Aber eigentlich würde ich Oma und Opa auch gerne mal wieder besuchen. Komisches Ostern, wir haben das erste Mal nicht in ihrem Garten Eier gesucht.“
„Und immer nur das blöde Skype. Ich will zu Oma und ihren Käsekuchen essen.“ Lena wischt sich die Tränen aus den Augen.
„Tja, ich weiß nicht, ob wir dafür auf den Impfstoff warten müssen. Opa gehört leider zur Risikogruppe“, sagt Frau Funke.
„Auf was müssen wir warten?“ Lena zieht die Nase hoch und runzelt die Stirn.
„Auf den Impfstoff. Da bekommt man ein bisschen von der Krankheit in den Körper gespritzt und lernt, die Krankheit zu bekämpfen.
„I gitt. Ich will nicht Corona gespritzt kriegen.“ Lena schüttelt sich empört.
„Das ist nicht gefährlich und auch nicht eklig. Du bekommst gerade so viel, dass du nicht krank wirst. Aber dein Körper kann lernen, sich zu verteidigen“, erklärt Frau Funke. „Vielleicht langt es sogar, wenn nur Opa sich impfen lässt.“
„Das ist wie beim Fußball: Wenn der Stürmer immer mit einem Übersteiger angreift, lernt der Verteidiger, was er dagegen machen kann. Schon fällt kein Tor mehr und du bleibst gesund.“ Herr Funke reckt beide Daumen nach oben.
„Na toll“, Ben überlegt. „Und wenn das Virus kapiert hat, dass man den Übersteiger verteidigen kann, dann greift es mit einem Doppelpass an. Und schon fällt wieder ein Tor und die Impfung war umsonst.“
„So schnell kann das Virus seine Taktik nicht ändern. Zur Not muss man wieder einen neuen Impfstoff suchen“, sagt Herr Funke.
Lena hält sich die Ohren zu: „Hört auf, das ist blöd!“ Sie trampelt auf das Fußbrett ihres Hochstuhls.
„Lena hat Recht. Jetzt ist wirklich gut mit dem Corona-Käse. Papa muss wieder arbeiten, was wollen wir machen?“, fragt Frau Funke.
Über Bens Gesicht huscht ein Lächeln: „Wir machen Kuchen aus dem Corona-Käse!“
Drei Augenpaare schauen ihn fragend an.
„Wir backen einen Käsekuchen. Die Hälfte bringe ich heimlich mit dem Fahrrad zu Oma und Opa. Dann skypen wir und sagen, sie sollen mal vor die Haustür gucken. Und dann können wir doch alle zusammen Käsekuchen essen.“
„Super Idee“, Frau Funke durchforstet schon Kühl- und Vorratsschrank. „Wir haben alles da für einen Käsekuchen.“
„Sehr gut”, Herr Funke strahlt, „bis der halbe Kuchen bei Oma und Opa ist, bin ich mit dem Arbeiten fertig.“
Ben geht zur Playstation. “Dann zock’ ich mal weiter die Bayern ab!”
„Playstation?“ Frau Funke zieht die Augenbrauen hoch. „Wer Käsekuchen essen will, muss mitbacken.“
Ben zuckt mit den Schultern, wäscht seine Hände und zieht die Kochschürze an. „Dann schau’ ich halt morgen, ob die Bayern gegen einen Übersteiger geimpft sind.“

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