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Die goldene Fernsteuerung

Ein Krimi für Leser ab 8

  1. Kapitel: Ein bisschen Balla Balla
  2. Kapitel: Eisbomben
  3. Kapitel: Jetzt ist sie weg
  4. Kapitel: Kein Hunger
  5. Kapitel: Die Falsche
  6. Kapitel: Halleluja
  7. Kapitel: Jetzt geht’s los
  8. Kapitel: Jetzt wird’s ernst
  9. Kapitel: Reich wie ein Scheich

 

1. Kapitel: Ein bisschen Balla Balla

Ich stehe vor dem größten Hochhaus unserer Stadt. Mit dem Zeigefinger rattere ich über die Klingelreihen und suche den Namen Prizibilla. Markus aus meiner Klasse heißt so mit Nachnamen. Irgendwie ist er auch ein bisschen Prizibilla. Wir nennen ihn aber nicht Prizibilla, sondern Balla Balla. Sonst verknotet man sich ja die Zunge.
„Jetzt fehlt der Markus schon wieder“, hat Frau Theisen heute Vormittag gesagt. „Jonathan, diesmal bringst du ihm die Aufgaben aus der Schule!“
Außer unserer Klassenlehrerin nennt mich nur mein Vater Jonathan. Für den Rest der Welt heiße ich „Käpten“. Ich bin ja auch der Kapitän unserer Fußballmannschaft. Außerdem bin ich Detektiv. Und manchmal der Aufpasser für meine große Schwester. Sie ist geistig behindert und kann manchmal ganz schön nerven. Trotzdem ist sie meine Assistentin. Manchmal hat sie Ideen, auf die ich nie gekommen wäre. Außerdem ist sie bärenstark. Wer meine Assistentin auslacht, kriegt auf die Nuss. Da hört bei mir der Spaß auf.

Endlich finde ich die Klingel und drücke sie lange.
„Jo?“, krächzt Markus Stimme aus dem Lautsprecher.
„Hier ist Käpten. Ich soll dir Schulsachen bringen“, sage ich.
„Ach, du gekochte Kängurukacke!“, schimpft es aus dem Lautsprecher, dann höre ich den Türsummer.
Ich drücke die schwere Haustür auf und checke an den Klingeln schnell noch das Stockwerk: Prizibilla, 17. Obergeschoss.
Im Fahrstuhl gehen mir die Ohren zu, ich schlucke. An der Wand stehen Wörter, für die Frau Theisen in Nullkommanix Strafarbeiten verteilen würde.
Die Fahrstuhltür geht auf. Links und rechts geht es zu Wohnungen, der Gang ist noch durch Glastüren unterteilt. Es riecht nach einem komischen Putzmittel. Was für ein Riesenklotz! Wie viele Menschen hier drin wohl wohnen? Eine Wohnungstür geht auf und Markus grinst mich an. Er trägt eine Latzhose, Albert Einstein streckt mir von seinem T-Shirt die Zunge raus und Markus Haare stehen wie die von Einstein in alle Himmelsrichtungen ab.
„Warum musst du mir heute die Schulsachen bringen?“, fragt er.
„Ich habe beim Kicken die Klingel nicht gehört und bin zu spät in den Unterricht gekommen!“, antworte ich.
„Ihr mit eurem blöden Gekicke!“ Markus zerknittert die Stirn und winkt mich rein.
„Bist du nicht krank?“, frage ich.
„Wieso sollte ich krank sein?“
„Na, ja“, sage ich etwas verunsichert, „immerhin warst du heute nicht in der Schule!“
„Ich hatte Wichtigeres zu tun!“ Markus fummelt aus seiner Latzhose einen Lötkolben und grinst geheimnisvoll.
„Und deine Eltern?“ Gerade verstehe ich die Welt nicht mehr.
„Mein Vater wohnt irgendwo in Dortmund. Und meine Mutter ist arbeiten!“
„Das meine ich nicht. Weiß deine Mutter, dass du nicht in der Schule warst?“
„Klar, sie schreibt mir immer eine Entschuldigung. Ich hab ihr gesagt, ich hätte Kopfweh.“
„Und was hattest du so Wichtiges zu erledigen?“ Ich versuche, logisch wie ein Detektiv zu denken.
Wortlos schiebt mich Markus durch den Flur zu einer Zimmertür, auf der zwei große Metallschilder vor einem atomaren Sperrgebiet und einer Seuchengefahr warnen.
Trotz der Warnschilder trifft mich der Schlag. Das Zimmer ist eine Mischung aus Werkstatt, Labor, Rumpel- und Schlafkammer. Alles fliegt durcheinander, als sei eine Atombombe explodiert.
Markus schnappt sich eine Fernsteuerung, die neben einem schäferhundgroßen Hubschrauber liegt.
„Ja und?“ Ich stehe in dem Chaos und verstehe nur Bahnhof.
Er zeigt triumphierend auf den goldenen Knopf der Fernsteuerung.
„Ich hatte sie gestern Nacht mal aufgeschraubt und lose Kabel gefunden.“
„Also war sie kaputt?“
„Ne, den Hubschrauber konnte man damit schon steuern. Aber letzte Nacht habe ich sie neu verkabelt! Und jetzt“, Markus macht ein geheimnisvolles Gesicht, „jetzt kann sie mehr. Viel, viel mehr.“
„Was denn?“
„Menschen fernsteuern!“ Markus richtet die Antenne langsam auf mich. Als würde er mich mit einer Waffe bedrohen.
„Klar, und morgen kommt der Osterhase.“ Ich gehe einen Schritt auf ihn zu und boxe ihm gegen die Schulter.
Er weicht einen Schritt zurück und drückt grinsend den goldenen Knopf. Ruhig und gleichmäßig fängt der Knopf an zu blinken Dann fährt mein Magen Achterbahn und ich sehe immer unschärfer, wie unter Wasser ohne Taucherbrille. Gleißende, goldene Strahlen blenden mich.
Als das Licht verblasst, die Schleier vor meinen Augen verdunsten und ich wieder scharf sehe, starre ich fassungslos meine Hände an: Links und rechts ist ein Socken übergezogen. Ich fasse es nicht: Es sind meine Socken! Dafür stehe ich barfuß auf den kalten Fliesen.
„Hey, was hast du mit mir gemacht?“, rufe ich empört.
„Das hast du selbst gemacht!“ Markus zeigt mit Unschuldsmiene auf die Fernsteuerung.
„Wenn die goldene Lampe blinkt, macht jeder, was ich will!“
„Du verarschst mich doch!“ Kopfschüttelnd ziehe ich mir die Socken wieder an. „Wieso weiß ich dann von der Aktion nichts?“
„Tja,“ Markus massiert genüsslich sein Ohrläppchen, „das hat ein bisschen gedauert, bis ich’s gecheckt hatte. Aber“, er winkt mich zu sich ran und fährt im Flüsterton fort, „dir verrate ich es. Nach sieben Drehungen um sich selbst hat der Ferngesteuerte alles vergessen!“
„Das gibt’s doch nicht!“ Ich kann es immer noch nicht glauben und komme mir vor wie bei Grimms Märchen.
„Ich beweise es dir!“ Markus schnappt sich die Fernsteuerung und zeigt zur Wohnungstür.
„Wohin gehen wir?“, frage ich im Aufzug.
„Zum Luigi! Der soll uns mal zwei fette Eiswaffeln beladen!“

 

2. Kapitel: Eisbomben

Luigi steht hinter der Theke mit dem besten Eis der Stadt und schenkt uns ein strahlendes Lächeln. Wahrscheinlich wäre es ihm im Hals steckengeblieben, hätte er gewusst, dass er uns gleich zwei riesige Eis schenken würde.
„Prego, was darfe es sein?“, singt er fröhlich.
Wortlos richtet Markus die Antenne auf Luigi und drückt den goldenen Knopf. Der Knopf fängt an zu leuchten und zu pulsieren. Luigi bekommt einen starren Blick. Dann bearbeitet Markus wie wild seine Fernsteuerung.
„Hoch, runter, links, rechts, eigentlich wie ein Kran“, erklärt er mir.
Ungläubig sehe ich mit eigenen Augen, wie Luigi die linke Hand zur größten Waffel streckt und mit der rechten Hand die Eiszange durch das Schokoeis zieht. Die beladene Eiszange schwenkt Richtung Waffel, schießt aber über das Ziel hinaus und die braune Kugel platscht auf den Boden.
„Mist!“, Markus zuckt mit den Schultern, „ich muss wohl noch ein bisschen üben. Also, was willst du?“
„Melone, Stracciatella, Zitrone, Waldmeister und Engelsblau“, zähle ich voll Vorfreude auf.
„Wird gemacht!“ Jetzt hat Markus den Bogen raus und vor meinen Augen türmt sich in der Waffel ein Eisberg. Luigi glotzt die ganze Zeit wie ein taubstummer Karpfen ins Leere und belädt brav die Eiswaffeln.
Es ist also wahr! Der goldenen Knopf funktioniert. Hammerhart! Sensationell!! Unglaublich!!!
Plötzlich aber wird der Detektiv in mir wach. Ich habe das Gefühl, beobachtet zu werden. Unauffällig schaue ich in den Spiegel über dem Eistresen, entdecke aber nichts und niemanden Verdächtiges.
„Nimm die Eiswaffeln!“, sagt Markus, der Luigi die Waffeln über den Tresen strecken lässt.
Dann kurbelt er wild am Joystick und Luigi beginnt sich wie ein Brummkreisel um sich selbst zu drehen. Laut zählt Markus mit. Nach der siebten Umdrehung flackern Luigis Augen und er schaut uns wieder klarer, wenn auch sehr verwundert an.
„So große Eis! Na danne, guten Appetite!“, singt er und kratzt sich verwundert seine schwarzen Locken. Sicherheitshalber gehen wir die Straße hoch Richtung Altes Schloss. Besser außer Sichtweite, falls Luigi sich doch erinnert. Wir hocken uns mit dem Eis auf eine Bank. Natürlich oben auf die Lehne, die Füße unten auf der Sitzfläche. Die Rentner meckern dann immer so schön, dass ihre Hosen dreckig würden. Auf die Bank neben uns setzt sich eine superblonde Frau. Ihr halbes Gesicht verschwindet hinter einer riesigen Sonnenbrille. Ich habe sie schon einmal gesehen. Mein Gehirn beginnt zu rattern, spuckt aber kein verwertbares Ergebnis aus. Dafür würde ich am liebsten das Eis wieder ausspucken.
„Irgendwie ist es geklaut!“, sage ich leise.
„Er hat es uns doch gegeben.“ Markus hält seine Hände unschuldig in die Höhe.
„Aber wir haben es nicht bezahlt!“
„Jetzt nerv nicht. Es war ein wissenschaftliches Experiment.“ Markus wird lauter, um einen vorbeifahrenden Laster zu übertönen. Ein Polizist nähert sich von links und kontrolliert die Parkscheine der Autos. Ich rutsche schuldbewusst von der Lehne, Markus bleibt natürlich oben sitzen. Der Uniformierte geht an uns vorbei, ohne etwas zu sagen.
„Die Polizei kann mir gar nichts!“ Jetzt rutscht er von der Lehne und folgt dem Polizisten.
„Mach keinen Scheiß!“ Ich bin auch aufgestanden, habe ihn bald eingeholt und zupfe ihn von hinten am T-Shirt.
„Nö, keinen Scheiß, nur ein bisschen Spaß!“ Markus lacht.
Aus den Augenwinkeln bemerke ich hinter mir eine Bewegung. Vorsichtig drehe ich mich um. Die Blondine hat auch ihre Parkbank verlassen und bindet ihren Schnürsenkel nur wenige Meter hinter uns.
„Nimm mal mein Eis!“ Markus hält mir den Rest seiner Eisbombe hin. Mit zwei Eiswaffeln in der Hand sehe ich, wie er die Antenne auf den Polizisten richtet. Markus holt hörbar Luft und bläst die Backen auf. Seine Birne wird immer röter. Scheinbar hält er die Luft dann. Dann drückt er zärtlich mit dem Zeigefinger den goldenen Knopf. Erst leuchtet er ganz matt und der Blick des Uniformierten wird müde. Dann pulsiert sonnenhelles Licht aus dem Knopf und der Polizist glotzt auch wie ein taubstummer Karpfen.
„Geht doch!“, jubelt Markus und verteilt Befehle über seine Steuerhebel. Der Polizist hüpft auf einem Bein, trippelt wie eine Ballerina und winkt wie die Königin von England. Er geht zu einem parkenden Auto und zerreißt den Strafzettel, den er gerade noch hinter den Scheibenwischer geklemmt hat.
„Jetzt wird’s lustig!“, sagt Markus und bearbeitet seine Fernsteuerung. Der Polizist greift an seine Uniformhose.
„Übertreib nicht!“ Ich versuche Markus an der Schulter wegzuziehen.
Er windet sich aus meinem Griff und kümmert sich wieder um seine Knöpfe und Hebel. Jetzt öffnet der Polizist die Gürtelschnalle und den Hosenknopf. Seine Hose rutscht bis auf die Knie runter. In schwarz-weiß gestreiften Boxershorts steht er auf dem Bürgersteig und sieht absolut lächerlich aus.
Markus kann vor lauter Lachen kaum bis sieben zählen. Es ist aber auch wirklich oberstpeinlich, wie der Polizist in seiner Unterhose als Tanzbär über den Bürgersteig kreiselt.
„Aber, aber, Herr Wachtmeister!“, sagt da eine tiefe Frauenstimme hinter uns.
Der Polizist hat seine Drehungen beendet, seine Augen werden klarer und er schaut Markus, mich und die Blondine hinter uns an. Verwundert folgt er unseren Blicken, er schaut an sich herab und erstarrt. Plötzlich kehrt Leben in ihn, mit einem Sprint zwischen zwei parkende Autos will er den Anblick seiner gestreiften Unterhose und der stachelbeerigen, weißen Beine verbergen. Seine heruntergelassene Diensthose bringt ihn und das Vorhaben jedoch zu Fall. Er stolpert und schlägt der Länge nach in die Lücke zwischen die Autos.
„Los, abhauen!“, zische ich Markus zu.
Ich drehe mich um und türme. Die Blondine, eben noch keine zwei Meter hinter uns, hat sich in Luft aufgelöst. Irritiert stoppe ich kurz und schaue mich um. Die Dame mit der Riesenbrille ist wie vom Erdboden verschluckt. Egal, ich renne wieder los. Vor der nächsten Kreuzung schaue ich im Rennen über die Schulter. Markus latscht entspannt wie eine Oma nach drei Stück Sahnetorte und winkt mir zu. Ich bleibe stehen. Endlich hat er mich eingeholt.
„Er kann sich doch an nichts erinnern“, versucht er mich zu beruhigen.
„Aber er hat uns gesehen!“, sage ich.
„Tja, wir ihn auch. Und seine Unterhose. Ob so Zebrastreifen im Dienst überhaupt erlaubt sind?“
„Ich fand das jetzt kein bisschen nicht lustig! Du spinnst doch total!“ Wütend funkele ich ihn an.
„Bist halt ‘ne Spaßbremse!“, sagt Markus beleidigt.

Ich schaue auf die Uhr. Verdammt, schon halb fünf. In einer halben Stunde beginnt mein Training.
„Ich muss los. Wir trainieren heute!“, sage ich.
„Soll ich dir helfen, Tore zu schießen?“ Markus zeigt auf die Fernsteuerung.
„Ach, lass mal. Meistens klappt es auch so ganz gut!“
„Ich bring‘ sie morgen mal mit in die Schule“, sagt Markus und geht.

 

3. Kapitel: Jetzt ist sie weg

„Käpten, träumst du?“ Horst, unser Trainer, hat mich mit einem steilen Ball Richtung Tor geschickt. Ich stehe aber wie festgeklebt am Markierungshütchen und glotze einfach dem Ball nach. Von wegen, es klappt auch so ganz gut. Heute geht gar nichts bei mir. Und das liegt nicht an meinem vereisten Magen. Meine Gedanken kreisen nur um die Fernsteuerung mit dem goldenen Knopf.

Abends im Bett kann ich vor Aufregung nicht einschlafen. Ich wälze mich von der einen auf die andere Seite. Was man mit der Fernsteuerung alles machen könnte! Wenn Frau Theisen die Hausaufgaben an die Tafel schreibt, könnte die Fernsteuerung mit dem goldenen Knopf sie „Heute hausaufgabenfrei“ anschreiben lassen. Oder wenn Papa sagt: „Räum dein Zimmer auf, vorher geht’s nicht auf den Bolzplatz!“ könnte man ihn zur ferngesteuerten Putzhilfe machen.
Obwohl es dunkel ist, leuchten meine Augen mindestens genau so hell wie der goldene Knopf. Oder wenn ich als Detektiv diese Fernsteuerung hätte: Jeder Verbrecher ließe sich widerstandslos festnehmen!

„Musst du noch Hausaufgaben abschreiben?“, fragt Papa am nächsten Morgen, als ich viel früher als sonst Richtung Schule aufbreche.
„Ne, ne, ich muss nur was mit Markus besprechen.“
„Wer ist Markus? Ist er aus deiner Mannschaft?“
„Nein, aus meiner Klasse.“
„Von ihm hast du noch nie was erzählt.“
„Er ist auch nicht so oft da.“ Das war ein Fehler von mir.
„Wie, er ist nicht so oft da. Wieso ist er nicht oft da? Und wo ist er, wenn er nicht da ist?“ Mein Vater schaut mich fragend an.
„Ich erklär’s dir später, tschüß!“, rufe ich und ziehe die Tür hinter mir zu.
Ungeduldig kicke ich auf dem Schulhof Tannenzapfen durch die Gegend. Hoffentlich kommt Markus heute überhaupt. Endlich sehe ich ihn mit hängendem Kopf heranschleichen. Ich stürme ihm entgegen.
„Hast du sie mit?“
Er schüttelt den Kopf.
„Warum nicht?“
„Ich hab sie nicht mehr.“
„Wie, du hast sie nicht mehr?“ Markus ist ja immer für eine Überraschung gut, aber das geht jetzt doch zu weit.
„Erinnerst du dich an diese komische Blondine mit der riesigen Sonnenbrille?“, fragt Markus.
„Klar, die war wirklich komisch.“ Bei ihr hat meine Detektivnase gleich gejuckt wie bei einer Heuschnupfenattacke.
„Nachdem du weg warst, kam sie mit einem Koffer voll Geld wieder.“
„Ja und?“ Es klingelt zur ersten Stunde, aber jetzt muss ich unbedingt den Rest der Geschichte hören.
„Sie hat mir einen Tausch angeboten. Fernsteuerung gegen Geldkoffer.“
„Du hast doch hoffentlich nicht getauscht?“
„Doch,“ sagt Markus zerknirscht, „der Koffer war bis oben voll mit 100 € Scheinen. Ich konnte einfach nicht widerstehen.“
„Und du bist heute morgen so spät, weil du die ganze Nacht Geldscheine gezählt hast.“
„Ne“, sagt Markus leise, „das Geld hab ich auch nicht mehr.“
„Waaaaas?“ Ich brülle vor Aufregung. Das hört aber sonst keiner, weil wir jetzt alleine auf dem Schulhof sind.
„Von wegen Blondinen sind blöd. Sie hat die Fernsteuerung genommen und auf mich gerichtet. Ich kann mich nur daran erinnern, dass sie danach mit Fernsteuerung und Koffer Richtung Bahnhof abgezischt ist.“
„Dann hast du ferngesteuert den Geldkoffer zurückgeben!“
„Ach ne, Herr Detektiv, wäre ich ja nie drauf gekommen“, stichelt Markus.
„Sie muss uns beobachtet haben “, kombiniere ich und lasse mich von ihm nicht aus der Ruhe bringen. „Und die blonden Haare waren bestimmt eine Perücke!“
Ich schaue auf meine Uhr. Mist, schon fünf nach acht.
„Lass uns mal reingehen!“ Ich nicke Richtung Eingangstür. Markus zockelt hinter mir her.
„Soll ich jetzt froh sein, dass du überhaupt da bist, oder soll ich mich ärgern, dass du zu spät bist?“ Frau Theisen durchbohrt Markus mit ihrem Blick.
„Das können Sie sich aussuchen!“, sagt Markus und trabt mit hängenden Schultern an seinen Platz.
„Und du, Jonathan. Wieso bist du zu spät? Hast du dich bei Markus mit dem Zu-Spät-Virus angesteckt?“ Frau Theisen runzelt die Stirn und zieht die Augenbrauen hoch.
„Nein, nein, wir mussten nur noch etwas besprechen.“ Ich schleiche auch an meinen Platz.
„So, so. Na ja, dann starten wir jetzt endlich unser Laufdiktat. Die Texte hängen vorne und hinten an der Wand, eure Hefte bleiben auf dem Tisch, los geht’s!“
Verdammt, das Diktat hat sich gewaschen. Voll mit Wörtern, die sich ein vernünftiger Mensch im Normalmodus niemals merkt. Würde nur den Arbeitsspeicher zumüllen. Satellit und Professor und so Dinger. Ich weiß genau, irgendwas ist doppelt, aber was bloß? Außerdem rattert mein Hirn wegen der Fernsteuerung, da kann ich doch nicht gleichzeitig an Rechtschreibung denken.
Wenn die Blondine jetzt mit der Fernsteuerung auf Raubtour geht! Lässt sich in der Bank das ganze Geld ausbezahlen oder beim Juwelier die Brillianten einpacken. Oder sie lässt ihren ärgsten Feind ferngesteuert von der Brücke springen!
Verdammt, wir müssen sofort was unternehmen.
Ich schreibe ein Zettelchen.

„Du musst sofort zur Polizei!!!
Sonst gibt’s Verbrechen ohne Ende.“

Als ich das nächste Mal nach vorne gehe, um auf den Text an der Wand zu schauen, lege ich Markus das Zettelchen unauffällig auf seinen Platz.
Kurze Zeit später liegt es wieder auf meinem Tisch. Unter der Bank falte ich es auf.

„Ich hab Schiss. Wenn sich der Zebra-Polizist doch an mich erinnert?“

Gequirlte Kängurukacke. Weshalb musste er auch seine Spielchen mit einem Polizisten treiben? Was bleibt mir übrig: Dann übernehme ich den Fall!
Ich schreibe gerade: Dann übernehme ich den Fa…, als von hinten jemand auf meine Schulter klopft.
Kopfschüttelnd nimmt mir Frau Theisen das Briefchen ab, halblaut liest sie:

„Du musst sofort zur Polizei!!!
Sonst gibt’s Verbrechen ohne Ende.
Ich hab Schiss. Wenn sich der Zebra-Polizist doch an mich erinnert?
„Dann übernehme ich den Fa…“

„Was soll das? Jonathan, welchen Fa… übernimmst du? Die andere Schrift ist doch die von Markus. Habt ihr mir was zu sagen?“
Ich werde rot wie nach einer Woche Wüste ohne Hut und Sonnencreme.
„Tja, welchen Fa…, also, äh, ich wollte Fa…, Faden schreiben. Wir denken uns gerade einen Krimi aus.“
„Einen Krimi, aha. Dann schreibt ihr beide unser Laufdiktat zu Hause noch einmal ab, wenn ihr es so spannend findet, dass ihr nebenbei Krimis erfindet.“

 

4. Kapitel: Kein Hunger

„Wie willst du den Fall lösen?“ fragt Markus. Wir laufen heim, im Gepäck die Hausaufgaben und eine Strafarbeit. Mist!
„Gute Frage!“ Ich versuche Zeit zu schinden, weil ich es auch noch nicht so genau weiß.
„Ich versuche mich in die Blondine hineinzuversetzen. Was könnte sie mit der Fernsteuerung vorhaben? Wahrscheinlich sind Banken und Geschäfte mit teuren Waren am interessantesten“, denke ich laut. „Es müssen aber kleine Banken oder Läden sein, weil sie ja nur einen Menschen fernsteuern kann. Oder wirkt es auch bei mehreren Personen gleichzeitig?“
„Ich glaube nicht, hab’s aber noch nicht ausprobiert.“ Markus zuckt mit den Schultern.
„Also werde ich kleine Geschäfte beobachten. Vielleicht schleicht sie davor herum, um einen guten Zeitpunkt für ihren Überfall abzupassen.“
Langsam hat mein kriminalistischer Rechner Betriebstemperatur.
„Hat deine Fernbedienung eigentlich einen Akku oder normale Batterien?“
„Schön wäre es, wenn es noch meine wäre.“ Markus seufzt und kriegt einen traurigen Dackelblick. Dann huscht ein Grinsen über sein Gesicht.
„Na klar, die Akkus. Hochleistungsakkus, mit einem speziellen Ladegerät. Und das Ladegerät…“
„… hast du!“, falle ich ihm ins Wort. „Vielleicht taucht sie bei dir auf!“
„Verdammt!“, Markus wird blass. „Die weiß doch hoffentlich nicht, wo ich wohne?“
„Ich hoffe doch! Dann können wir der Perückentante eine Falle stellen!“
Markus wird noch blasser, scheinbar gefällt ihm mein Vorschlag gar nicht.
„Vielleicht schnappe ich sie ja schon, bevor der Akku alle ist!“ Ich klopfe ihm auf die Schulter. „Ich geh heute Mittag auf die Pirsch, wenn ich die blöde Strafarbeit gemacht habe.“
„Ach, da war ja was. Hatte ich schon wieder vergessen. Mach’s gut!“ Markus biegt ab und schlurft Richtung Hochhaus, ich muss noch ein paar Straßen weiter.

„Was gibt es zu essen?“ Ich schmeiße meinen Rucksack in die Ecke.
„Nudeln mit Tomatensauce“, antwortet mein Vater.
„Das gab’s doch gestern schon“, meckere ich.
„Ich habe nicht Koch gelernt! So nebenbei muss ich auch noch ein bisschen arbeiten.“
Mein Vater war früher Journalist und hat bei einer Zeitung gearbeitet. Seit der Geburt meiner Schwester passt er auf uns Kinder auf. Er schreibt jetzt nicht mehr für die Zeitung, sondern zu Hause auf Bestellung Gedichte für fremde Leute. Deshalb ist er oft genervt, sagt Mama.
„Wo ist Mama?“
„Chicago. Sie kommt morgen wieder.“
Meine Mutter ist Pilotin, fliegt einen fetten Jumbo und ist oft weg.
„Außerdem hatte ich heute weder Zeit zum Kochen noch zum Dichten!“
„Was war denn los?“, frage ich, ohne eine spannende Antwort zu erwarten. Lustlos dreht meine Gabel in den Nudeln. Die verschwundene Fernsteuerung und die Strafarbeit schlagen mir auf den Magen.
„Ein geheimnisvoller Banküberfall! Bei uns in der Stadt! Das ganze Geld ist weg!“ Mein Vater hat sein altes Reporterglänzen in den Augen. „Es lief den ganzen Morgen im Radio!“
Mein zentraler Rechner schaltet in den Alarmmodus. „Und der Kassierer kann sich an nichts erinnern?“
„Woher weißt du das?“ Überrascht schaut mich mein Vater an. „Habt ihr schon in der Schule darüber gesprochen?“
Nein, nein, war nur so eine Vermutung. Du hast ja was von einem geheimnisvollen Banküberfall gesagt.“
„Wahrscheinlich ein Elektroschocker.“ Die Wangen meines Vaters glühen. „Oder ein Betäubungsgas. „Außerdem war es eine Frau. Sie hat wie Pippi Langstrumpf ausgesehen!“
Jetzt ist mir der letzte Rest Appetit vergangen. Die Dame mit der Sonnenbrille hat also noch mehr Perücken und befindet sich schon auf Diebestour.
„Ich habe keinen Hunger mehr!“ Lustlos schleppe ich mich die Treppe hoch in mein Zimmer und mache Hausaufgaben. Dann noch die bescheuerte Strafarbeit. Und es ist mir immer noch egal, wie man Satellit und Professor schreibt. Ehrlich wahr.
Es klingelt Sturm. Julia wird mit dem Bus von der Schule gebracht.
„Hallo, Papilein!“, tönt es durchs Haus. Julia hat fast immer gute Laune. Aber sie weint auch sehr schnell. Manchmal lacht und weint sie gleichzeitig. Julia will sofort mit Papa „Mensch ärgere dich nicht“ spielen. Der will aber noch ein Gedicht schreiben. Jetzt höre ich bis oben, dass sich beide ärgern, ohne das Spiel überhaupt begonnen zu haben.
Endlich ist mein Schulkram erledigt. Jetzt kann ich mich um den Fall mit der goldenen Fernsteuerung kümmern.
„Ich gehe ein bisschen raus!“, rufe ich Richtung Arbeitszimmer.
„Was hast du vor?“, ruft mein Vater zurück.
„Och, nichts Bestimmtes!“ Ich bin nicht besonders gut im Lügen.
„Dann nimm bitte Julia mit. Ich habe noch eine Menge zu schreiben!“

 

5. Kapitel: Die Falsche

Meine Assistentin und ich steigen auf unsere Räder. Julias Rad hat hinten zwei Reifen. Damit sie nicht umkippt.
„Wo fahren wir hin?“, ruft Julia von hinten.
„Wir suchen eine Frau mit einer Fernsteuerung“, rufe ich zurück.
„Was ist eine Sternfeuerung?“
Ich bremse und halte an.
„Nicht Sternfeuerung. Fernsteuerung. Ein kleiner Kasten mit Knöpfen und Hebeln dran und ein langer, dünner Metallstab guckt raus.“
„Wie bei deinem Sauseauto?“ Julias raue Stimme überschlägt sich und sie reibt aufgeregt ihre Handflächen aneinander.
Ein kleines Mädchen bleibt vor Julia stehen und glotzt erst sie, dann ihr dreirädriges Fahrrad neugierig an.
So Blicke hasse ich. Julia nicht. Sie winkt dem Mädchen fröhlich zu.
Jetzt weiß ich, was Julia mit Sauseauto meint. Klar, ich habe doch selber ein ferngesteuertes Auto. Also habe ich auch eine Fernsteuerung.
„Ja, wie bei meinem Sauseauto“, sage ich und fahre weiter.
Wenn heute Morgen die Bank überfallen wurde, nimmt sich die Pippi-Langstrumpf-Diebin nachmittags vielleicht den kleinen Juwelierladen am Ende der Fußgängerzone vor. Ich stoppe beim Fahrradständer in der Nähe des Juweliers. Wir schließen die Räder an.
„Was machen wir jetzt?“, fragt Julia.
„Wir verstecken uns und suchen eine Fernsteuerung.“
„Und wer muss uns suchen?“, fragt Julia.
„Niemand“, antworte ich. „Wir spielen nicht Verstecken.“
„Hast du aber gesagt!“ Julia schaut mich trotzig an.
„Gesagt, aber anders gemeint!“
„Hä?“ Julia strahlt mich an und zeigt mir den Vogel.
Das ist der Punkt, an dem man mit Julia nicht mehr weiter diskutieren muss.

Am Ende der Fußgängerzone steht ein Altpapiercontainer. Vorne und hinten hat er Klappen zum Befüllen. Die beiden Metallklappen klemme ich mit Stöckchen fest. Jetzt stehen sie auf, so dass man von hinten durch den Container hindurchsehen kann, ohne selbst entdeckt zu werden. Der perfekte Platz für einen Spion. Durch meine Schießscharte sehe ich das Schaufenster des Juweliers. Ringe, glänzende Uhren und Ketten. Die Eingangstür liegt auch im Blickfeld. Viele Leute gehen da nicht rein und raus.
„Mir ist langweilig!“, knottert Julia.
„Du musst immer nach einer Fernsteuerung gucken!“
„Ja, ja“, sagt Julia und fängt an, mit der Hand alte Zeitungen aus dem Container zu fischen. Auch egal. Hauptsache, sie ist beschäftigt.
Auf einmal merke ich, dass meine Blase mindestens genau so voll wie der Papiercontainer ist.
„Julia, ich muss mal. Bleib hier und gucke nach der Fernsteuerung!“
Ich jogge los Richtung Stadtpark. Dort stehen die ersehnten Bäume. Es ist höchste Eisenbahn!
Erleichtert schlendere ich zu unserem Beobachtungsposten zurück. Plötzlich höre ich Stimmen.
„Gib das her!“ Das war Julia.
„Die gehört mir!“, plärrt eine Kinderstimme.
„Was soll denn das?“, ruft eine Erwachsenenstimme.
Den restlichen Weg lege ich wieder im Sprint zurück.
Meine Schwester, ein blonder Erstklässler aus unserer Schule und seine Mutter zerren alle an einer Fernsteuerung.
„Julia, hör auf!“, brülle ich.
„Ich hab sie!“, ruft Julia stolz.
„Das ist die Falsche.“ Ich lege Julia den Arm auf die Schulter.
„Tut mir leid“, sage ich zu dem Jungen und der Mutter.
„Die ist ja gemeingefährlich!“ Empört zieht die Mutter ihren Sohn an sich.
„Ist sie nicht!“, antwortete ich. „Das war nur eine Verwechslung.“
„Ist was kaputtgegangen?“, frage ich den Jungen.
Er probiert sie aus, sein roter Ferrari lässt sich noch einwandfrei steuern.
„Dann gehen wir jetzt zu unseren Fahrrädern. Also noch mal, tut mir leid mit der Verwechslung!“ Ich ziehe Julia am Arm. Traurig trottet Julia hinter mir her.
„Ich hab sie gefunden!“, sagt Julia trotzig.
„Ja, aber die Falsche.“ Jetzt habe ich eine Idee, wie ich Julia wieder aufheitern kann.
„Willst du Fahrstuhl fahren? Nach ganz oben?“
Julias Augen beginnen sofort zu strahlen wie der goldene Knopf an der Fernsteuerung. Wir steigen auf unsere Räder.

 

6. Kapitel: Halleluja

10 Minuten später klingeln wir bei Prizibilla.
„Jo“, krächzt es aus dem Lautsprecher.
„Hier ist die Perückenfrau“, flüstere ich mit Grabesstimme.
„Lass den Mist, Käpten! Komm hoch.“
Kurze Zeit später sind wir zu dritt im Seuchensperrgebiet.
„Das ist Julia“, stelle ich meine Schwester vor.
„Hallo, Julia“, nuschelt Markus. Es hört sich an wie Halleluja.
Julia betrachtet Markus T-Shirt. Auch heute präsentiert Einstein der Welt seine Zunge. Meine Schwester grinst und streckt Markus die Zunge raus. Der streckt ihr die Zunge raus. Julia fängt meckernd an zu lachen. Markus schneidet Grimassen und lacht sich auch kaputt.
„Coole Schwester“ Markus boxt mir gegen die Schulter.
„Und meine Assistentin“, sage ich.
„Ich hab sie gefunden!“, berichtet Julia stolz.
„Leider die Falsche“, ergänze ich.
„Von was redet ihr?“ Markus glotzt uns an wie ein Cabrio in der Waschanlage, bei dem das Verdeck klemmt.
Ich erzähle ihm von unserem Erlebnis vor dem Juwelier.
„Halleluja“, sagt Markus.
„Hallo, Markus“, sagt Julia und winkt. Dann lachen sich die beiden wieder schlapp.
So kommen wir nicht weiter.
„Und was machen wir jetzt?“, frage ich.
Du hast doch gesagt, dass du den Fall klären kannst, Herr Detektiv!“ Markus bohrt mir seinen Zeigefinger in die Brust.
„Hast du heute noch was rausgekriegt?“, frage ich ihn und gehe eine Schritt nach hinten. Dabei stolpere ich über ein Kuscheltier.
„Im Radio wurde nichts von neuen Überfällen berichtet. Vielleicht ist der Akku schon leer.“
„Oder sie wartet, bis die erste Aufmerksamkeit vorbei ist“, grübele ich.
Auf Markus Bett liegt eine Tüte mit Erdnussflips. Julia hockt sich im Schneidersitz auf das Bett und macht sich schmatzend über die Tüte her. Für Markus scheint das völlig in Ordnung zu sein.
„Es bringt nichts, durch die Stadt zu laufen und auf eine Perückenfrau zu warten, die eine Fernsteuerung spazieren trägt. Die Fernsteuerung wird in einer Tasche sein. Die Frau ist doch nicht doof!“ Ich bin aufgesprungen und versuche hin und her zu gehen. Das hilft mir normal beim Denken. Leider ist es im Seuchensperrgebiet ein Hindernislauf. Der Boden ist wie beim letzten Mal gepflastert mit Werkzeug, Klamotten, Zeitschriften und leeren Jogurtbechern.
„Was können wir dann machen?“, fragt Markus.
In meinem Hirn rattert es. Wie können wir ihre Aufmerksamkeit wecken? Sie rauslocken, ihr die Fernsteuerung wieder abluchsen?
„Der goldene Knopf“, murmele ich vor mich hin und stakse durch das Chaos.
„Zwei goldener Knopf!“ Julia hält mir stolz den Ärmel ihrer Trachtenjacke hin. Manchmal trägt sie so Omaklamotten. An jedem Ärmel sind zwei goldene Knöpfe.
„Julia, so Knöpfe meine ich nicht.“
Sie zieht eine Schnute und dreht ihre Knöpfe, haucht dagegen und poliert sie am Stoff der Jacke, bis sie glänzen.
Da durchzuckt mich etwas.
„Warte mal. Das ist es! Julia, du bist genial!“, brülle ich los.
Die beiden schauen mich entgeistert an.
„Geht’s noch?“, fragt Markus.
„Und wie! Du baust einfach eine Fernsteuerung mit zwei goldenen Knöpfen!“
„Ich weiß gar nicht mehr, wie ich die mit dem einen Knopf verkabelt habe.“ Markus schaut mich ratlos an.
„Ist doch egal. Sie muss ja gar nicht funktionieren. Es soll nur so aussehen.“
„Und dann?“, fragt Markus und vergisst den Mund wieder zu schließen.
„Du baust die Fernsteuerung mit den zwei goldenen Knöpfen. Dann gehen wir raus und du tust so, als könntest du mich damit fernsteuern.“
Über Markus Gesicht huscht eine Erleuchtung.
„Coole Idee!“, Markus strahlt wie ein Atomreaktor. „Und wenn die Perückentussi mich mit dem Teil sieht, will sie es haben.“
„Genau“, sage ich, „du schlägst ihr einen Tausch vor, und wenn du dann wieder die richtige Fernsteuerung hast, kannst du sie zur Polizei marschieren lassen.“
„Respekt, Herr Detektiv, halleluja!“ Markus verbeugt sich vor mir.
Julia verbeugt sich ebenfalls vor mir und sagt „Hallo, Julia“. Die beiden biegen sich wieder vor Lachen. Julia meckert beim Lachen wie eine Ziege, Markus zieht die Luft hoch wie ein röhrender Hirsch.
Oh Mann, da hat sich ja ein Dreamteam gefunden.
„Können wir dir beim Bauen helfen?, frage ich, als die beiden sich wieder ein bisschen beruhigt haben.
„Ja, indem ihr jetzt geht. Beim Basteln muss ich nämlich alleine sein.“
„Was schätzt du, wann du fertig bist?“
„Lass mal peilen. Heute ist Donnerstag. Ich muss noch ein bisschen Material kaufen und in die Schule sollte ich wohl auch morgen gehen.“
„Keine ganz schlecht Idee. Und denk an die Strafarbeit!“, sage ich.
„Was für eine Strafarbeit?“ Markus schaut mich mit großen Augen an.
Ich will gerade zu einer Predigt ansetzen, da fängt er an zu lachen.
„Spaaaaaaaß! Also: Samstag morgen ist das Ding startklar. Dann holen wir uns die richtige Fernsteuerung zurück!“
Ich überlege. Dann fällt mir ein, dass wir am Samstag kein Fußballspiel haben.
„Das passt. Wir sind spielfrei. Da können wir ein bisschen Theater im Städtchen machen!“
„Halleluja!“, sagt Markus.
„Hallo, Julia“, sagt Julia.
Jetzt muss ich hier aber wirklich gehen.
Im Aufzug sagt Julia: „Markus ist lustig.“
Ich antworte nicht und schnaufe erst mal durch. Julia verdreht ihren Mantelärmel und betrachtet stolz im Fahrstuhlspiegel ihre goldenen Knöpfe.

 

7. Kapitel: Jetzt geht’s los

Am Freitagmorgen taucht Markus tatsächlich in der Schule auf, wenn auch erst fünf Minuten nach dem Klingeln. Er hat sogar die Strafarbeit erledigt.
„Bist du krank?“, fragt Frau Theisen.
„Wieso?“, fragt Markus zurück.
„Weil du heute schon wieder da bist!“, sagt Frau Theisen lächelnd.
Markus grinst zurück. „Wenn ich heute keine Strafarbeit aufbekomme, könnte ich sogar gesund bleiben!“
„Ich gebe mir Mühe, deine Gesundheit zu unterstützen!“, sagt Frau Theisen und legt ihm die Hand auf die Schulter.
Langsam glaube ich, Frau Theisen will ihn noch adoptieren.
Ich platze vor Neugier, wie weit Markus mit seiner neuen Fernsteuerung ist. Aber besser, ich schreibe jetzt kein Briefchen. Sonst schweben doch wieder Strafarbeiten über uns.
Endlich klingelt es zur Pause. Wir treffen uns im Gebüsch hinter der Vogelnestschaukel.
„Wie läuft es?“, frage ich.
„Bis jetzt alles gut. Morgen bin ich fertig.“
„Und leuchten beide Knöpfe?“
„Krass Alter, ohne Sonnenbrille wirst du fast blind!“ Markus übertreibt manchmal ein bisschen.
„Und was gibt’s Neues von unserem Nachwuchs-Sherlock?“, fragt er mich.
„Ich habe von keinen neuen Überfällen gehört. Ich hoffe nur, dass der Akku noch nicht leer ist. Sonst können wir sie nicht ferngesteuert festnehmen, wenn wir mit ihr die Geräte getauscht haben.“
Es klingelt zur nächsten Stunde.
„Also: Treffpunkt morgen, 10.00 Uhr bei mir!“, sagt Markus.
„Geht klar“, sage ich.
„Und bring Julia mit!“
„Meinst du das ernst?“, frage ich ihn überrascht.
„Klar, was ist schon ein Detektiv ohne seine Assistentin!“ Er zwinkert mir zu und ich weiß gerade nicht, ob er mich auf den Arm nehmen will.
„Außerdem ist sie unsere Geheimwaffe.“ Er streckt die geballte Faust in den Himmel und brüllt über den Schulhof: „Halleluja!“
Ich drehe mich um und gehe in die Klasse. So ein bisschen Balla Balla ist unser Herr Prizibilla ja immer noch.

Es ist Samstagmorgen, mein Wecker zeigt 5 Uhr 57. Ich liege glockenwach im Bett. Leider treffen wir uns erst in vier Stunden. Es soll endlich losgehen. Ich ziehe meine Fußballvorhänge auf. Es wird schon hell, kein Wölkchen ist am Himmel zu sehen. Ideales Wetter, um eine Diebin zu schnappen. Und was, wenn wir sie gar nicht in der Stadt treffen? Wenn sie uns nicht sieht? Wenn sie vielleicht schon in Brasilien ist und den Akku irgendwie laden konnte? Meine Gedanken fahren Achterbahn.
Um 9.00 Uhr steigen wir auf unsere Fahrräder. Viel zu früh, aber die Warterei macht mich sonst fertig. Julia singt laut „Alle meine Entchen.“ Jeder bereitet sich halt anders auf den Einsatz vor. Nach der kurzen Nacht könnte ich jetzt aber mehr Ruhe gebrauchen.
Um viertel nach neun kommen wir bei Markus’ Hochhaus an. Er steht schon unten vor der Tür. In der Hand die Fernbedienung mit den zwei goldenen Knöpfen. Vor ihm steht ein riesiger Modellhubschrauber.
„Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen!“, sagt er und gähnt.
„Und ich war die halbe Nacht wach!“ OK, das ist ein bisschen übertrieben. Aber ein bisschen Dramatik schadet nicht an so einem Tag.
„Halleluja!“ Markus grinst Julia an.
„Hallo, Markus!“ Julia grinst zurück. Sie steigt von ihrem Rad ab und streicht mit der Hand fasziniert über den riesigen Hubschrauber.
„Was hast du mit dem vor?“, frage ich.
„Wenn sie nicht kommt, haben wir wenigstens was zum Spielen!“
„Sag doch so was nicht. Sie muss einfach kommen!“ So wirklich sicher bin ich mir aber auch nicht.
„Jetzt müssen wir aber ein bisschen üben. Es soll ja echt wirken, wenn ich dich fernsteuere.“
„Dann zünde mal deine Wunderwaffe!“, fordere ich Markus auf.
Markus richtet die Antenne der Fernsteuerung auf mich.
„Und Hampelmannsprünge!“, kommandiert er.
Ich beginne zu hüpfen, breche aber nach drei Hampelmännern wieder ab.
„Markus, die ist doch nicht blöd. Bei der richtigen Fernsteuerung muss man doch auch nicht die Kommandos sprechen!“
„Du hast Recht!“, Markus knetet seine Unterlippe. „Da hat man mit den Knöpfen gesteuert.“
„Also mach ich irgendwas und du versuchst passend dazu die Schalter und Hebel zu bewegen!“, schlage ich vor.
„Okay. Aber denk an den starren Blick!“, mahnt Markus.
Wie eine Clownsnummer aus dem Zirkus bewegen wir uns wenig später Richtung Innenstadt. Markus hält die Fernsteuerung auf mich gerichtet und ich stolpere und hüpfe über den Bürgersteig, schlage Purzelbäume über den Rasen vor der Kirche und balanciere über Treppengeländer.
Julia schleppt den riesigen Modellhubschrauber und läuft johlend neben her. Hauptsache, die Perückenfrau wird auf uns aufmerksam. Ohne ein einziges blondes Haar entdeckt zu haben erreichen wir den Stadtpark. „Vielleicht trägt sie heute die orangefarbene Perücke?“, zische ich Markus zu.
„Klappe, Ferngesteuerte reden nicht!“, sagt er. „Tu lieber wieder was!“
Also springe ich auf den Rand des Brunnens und hüpfe auf einem Bein um ihn herum.

 

8. Kapitel: Jetzt wird’s ernst

Hinter einer dicken Eiche sehe ich plötzlich einen blonden Schatten. Mein Herz stockt. Während der nächsten Runde versuche ich Markus trotz meines starren Blicks zuzublinzeln. Er scheint mich zu verstehen.
„Boa, ey!“, brüllt er, „die neue Fernsteuerung hat mindestens doppelt so viel Power wie die alte.“
Da löst sich der blonde Schatten von dem Baumstamm: Tatsache, es ist die Perückenfrau! Heiß und kalt schießt es mir durch den Körper! Langsam kommt sie auf uns zu. Julia stellt den Hubschrauber ab.

„Schau an,“, säuselt die Perückenfrau. „Unser kleines Genie hat wieder gebastelt! Her mit dem Teil!“
„Die hier kriegen Sie nicht!“ Markus Stimme klingt ganz fest. Der hat echt Nerven, denke ich bewundernd. Aber was soll ich jetzt machen, wenn Markus mich nicht mehr fernsteuert? Ich beschließe, oben auf dem Brunnenrand zu versteinern.
„Aber sicher bekomme ich sie!“ Die Blondine setzt ihren Rucksack ab und packt die Fernsteuerung mit dem goldenen Knopf aus. Genüsslich zieht sie die Antenne lang.
„Nie im Leben!“ Markus, der Verrückte, reizt sie noch ein bisschen.
„Aber ganz bestimmt, und zwar jetzt“ Drohend richtet die Räuberin ihre Antenne auf Markus. Der stellt sich breitbeinig wie Christiano Ronaldo beim Freistoß hin, bläst die Backen auf und richtet seine Fernsteuerung langsam auf die Blondine.
Die beiden starren sich mit zusammengekniffenen Augen an wie zwei Cowboys in der staubigen Wüste um 12 Uhr mittags, wenn die Suppe langsam kalt wird. Als die Perückenfrau die goldene Taste drücken will, sagt Markus schnell:
„Halt, halt, mir kommt gerade eine bessere Idee!“
„Lass hören!“
„Wir“, Markus zögert, „wir könnten doch tauschen.“
„So, so, tauschen. Dann zeig mir erst, dass deine Neue besser ist! Aber beweis’ es mir nicht an deinem Freund, sondern an…“, sie schaut sich suchend um. Da taucht am Rand des Stadtparks ein Polizist auf. Es ist der Streifenunterhosenpolizist! Pfeifend schlendert er auf uns zu, die Hände auf dem Rücken verschränkt.
„Beweis es mir an unserem Zebra! Und kein falsches Wort zu ihm. Meine Antenne zeigt auf dich!“ Mit dieser Drohung verschwindet sie wieder hinter den Bäumen.
Markus kratzt sich am Kopf und sieht jetzt noch verwuselter aus. Langsam richtet er die Antenne auf den Polizisten, der immer näher kommt. Dann schaltet er die beiden goldenen Knöpfe ein. Wahrscheinlich hofft er, dass der Mann von sich aus irgendwelche Faxen macht.
„Du hast ja eine tolle Fernsteuerung!“, sagt der Uniformierte und bleibt stehen.
„Ja“, antwortet Markus knapp.
Der Polizist schaut nachdenklich zu mir hoch. Noch immer stehe ich wie eine steinerne Statue auf dem Brunnenrand. Dann betrachtet er Julia und den Hubschrauber, der vor ihr auf dem Boden steht.
„Wir machen nichts, wir spielen nur!“, sagt Markus und versucht ein Lächeln.
„Sternfeuerung, halleluja!“, sagt Julia und lacht meckernd.
Kopfschüttelnd geht der Polizist weiter.
Der blonde Schatten löst sich vom Baumstamm und kommt wieder auf uns zu.
„Schau mal an“, zischt sie böse. „Ich soll meine gute Fernsteuerung gegen eine Attrappe eintauschen.“ Liebevoll streicht sie über ihre Fernsteuerung mit der goldenen Lampe. Sie vergewissert sich, dass der Polizist außer Sicht ist.
„Für wie blöd hältst du mich eigentlich?“, brüllt sie los.
„Dazu sage ich lieber nichts.“ Markus grinst sie freundlich an.
„Gleich werden dir die Frechheiten vergehen, du Aushilfseinstein. Jetzt zeig ich dir, was eine richtige Fernsteuerung ist!“

Die Perückenfrau richtet ihre Antenne auf Markus, die goldene Lampe beginnt sanft zu leuchten, dann strahlt sie pulsierend hell und Markus Augen werden glasig und starr. Sie kurbelt an den Knöpfen und schon liegt mein Klassenkamerad wehrlos wie ein Maikäfer auf dem Rücken und strampelt mit den Beinen.
„Und jetzt kommst du dran!“, sagt sie und zeigt auf mich.
„Julia, schnapp dir die Fernsteuerung!“ Beim Brüllen springe ich vom Brunnenrand und rolle mich mit einer Judorolle aus dem Funkbereich ihrer Antenne.
Todesmutig stürzt sich meine Schwester auf die Perückenfrau und zerrt an der Fernbedienung. Mal zeigt die Antenne auf mich, mal in den Himmel, mal auf die Ameisen unter uns.
„Finger weg, Mongo!“, blafft sie.
Es durchzuckt mich von oben bis unten. Jetzt ist sie zu weit gegangen. Das darf niemand zu meiner Schwester sagen. Egal ob mit oder ohne Zauberfernsteuerung in der Hand. Kurz überlege ich, mich auch auf sie zu stürzen. Dann habe ich eine bessere Idee. Ich hechte zu Markus, der immer noch zappelnd auf dem Rücken liegt und nehme ihm die Fernsteuerung mit den zwei goldenen Knöpfen aus der Hand. Während Julia mit der Räuberin kämpft, kämpfe ich mit den Knöpfen und Hebeln. Da, on und off. Ich kippe den Schalter Richtung on. Nichts tut sich. Neben dem Kippschalter ist ein Start-Knopf. Ich drücke ihn. Hurra, der Rotor des riesigen Hubschraubers beginnt sich zu drehen, erst langsam, dann immer schneller, so dass die einzelnen Rotorblätter zu einer Scheibe verschwimmen.

 

9. Kapitel: Reich wie ein Scheich

Jetzt brauche ich verdammt viel Glück: Ich habe das Riesending noch nie gesteuert. Hektisch wackele ich an allen Hebeln. Hurra, er hebt tatsächlich ab. Bis zur Höhe der Baumwipfel steigt er sehr kontrolliert auf, doch plötzlich dreht er sich wie ein besoffener Brummkreisel um sich selbst. Ich will den Flug stabilisieren, aber der Heli kippt nach unten und schießt direkt auf den Boden zu. Leider liegt Markus genau in seiner Flugbahn. Oder besser Sturzbahn. Dummerweise ist nicht nur der Hubschrauber, sondern immer auch noch Markus ferngesteuert. Selig lächelt starrt er dem Geschoss entgegen. Panisch rühre ich an allen Hebeln. 50 Zentimeter über Markus hebt der Riese endlich seine Schnauze und geht in einen Parallelflug zur Erde. Puh, das war knapp. Aus den Augenwinkeln schaue ich zu Julia. Sie ringt immer noch mit der Räuberin. Schweißgebadet gelingt mir ein stabiler Geradeausflug. Kurz vor den Bäumen am Ende des Stadtparks wende ich den Hubschrauber vorsichtig. Grimmig drücke ich den Schubhebel bis zum Anschlag nach vorne und zähle von fünf rückwärts runter.
„Julia, weg!“, brülle ich bei zwei.
Meine Schwester schaut mich fragend an, dann sieht sie hinter dem Rücken der Perückenfrau den Hubschrauber heranschießen. Sie lässt die Räuberin los und flüchtet hinter den Brunnen.
Keine Sekunde zu früh, ich zähle gerade null, als der Hubschrauber der Perückenlady ins Kreuz kracht. Bingo, Volltreffer! Sie wird nach vorne geschleudert und prallt mit ihrer Fernsteuerung gegen den steinernen Brunnen. Die Fernsteuerung mit dem goldenen Knopf zerplatzt in tausend Einzelteile.
Der Hubschrauber bohrt sich nach dem Zusammenstoß ins Gras und sieht auch nicht mehr ganz neu aus.
„Gequirlte Kängurukacke, was hast du mit meinem Heli gemacht?“ Markus hat mit dem Strampeln aufgehört, sitzt jetzt wie ein Riesenbaby im Gras und reibt sich verwundert die Augen.
Die Blondine liegt stöhnend vor dem Brunnen. Ächzend versucht sie, in den Vierbeinerstand zu kommen und loszukrabbeln.
„Alle Mann auf sie!“, brülle ich.
Markus, Julia und ich stürzen los und begraben sie wie Fußballer ihren Mitspieler, der das entscheidende Tor geschossen hat.
„Aua, mein Rücken, seid ihr verrückt!“, jault sie los.
„Halt, aufhören, Polizei!“ Eine tiefe Stimme übertönt unser Getümmel. Ich halte inne und schaue nach oben.
Unser Polizist, egal ob mit oder ohne gestreifter Unterhose, jetzt ist er genau zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Er mustert uns, dann die Perückenfrau und zieht ein Fahndungsfoto aus seiner Jackentasche.
„Na, schau mal an. Wen haben wir denn da?“, sagt er genüsslich.
„Wenn sie das nicht wissen, haben sie gewaltig ihren Beruf verfehlt!“, giftet die Blondine.
„Na, na, na, werden Sie mal nicht frech.“
Schon schnappen die Handschellen zu. Zufrieden sagt er: „So wie ich die Sache sehe, bekommt unsere Dame hier mindestens fünf Jahre, ihr die 1000 € Belohnung und ich eine Beförderung!“
„1000 €?“, sagen Markus, Julia und ich wie aus einem Mund.
„Klar, 1000 € waren auf ihre Festnahme ausgesetzt. Wie habt ihr das eigentlich geschafft?“, fragt der Polizist.
„Och“, sage ich zögernd und zeige auf den geschrotteten Hubschrauber, „wir haben ein bisschen Technik eingesetzt.“
„Wisst ihr aber, wie gefährlich das war? Diese Fernsteuerung hier,“ er hebt die zerbröselten Einzelteile der Fernsteuerung mit dem goldenen Knopf auf und steckt sie in eine Tüte, „das war eine ganz besondere!“ Er guckt uns wichtig an.
„Wissen wir doch“, sagt Markus zerknirscht, „ich hab sie schließlich gebaut.“
„Du?“ Der Polizist starrt Markus mit offenem Mund an. „Und gibt es noch mehr von diesen Dingern?“
„Ne, es war ein Einzelstück. Außerdem war’s Zufall. Ich würde sie nicht noch einmal bauen können.“
„Da bin ich ja beruhigt!“ Der Polizist schaut Markus streng an.
„Glauben Sie mir: Ich bin noch ein bisschen beruhigter“, sagt Markus mit einem langen Seufzer.
„Was soll der Kaffeeklatsch? Wie lange soll ich hier noch rumliegen?“ Die Blondine zappelt auf dem Boden und zerrt an den Handschellen.
„Ganz mit der Ruhe“, sagt der Polizist. „Genießen Sie ruhig das Liegen. Bald werden Sie nämlich sitzen, und zwar im Gefängnis.“
„Papperlapapp. Ich habe gar keine rote Perücke, sondern ein Alibi.“
„Ja, ja, das können Sie alles auf der Polizeiwache erzählen. Und ihr drei Helden“, dabei klopft er Julia, Markus und mir nacheinander auf die Schulter, „kommt auch mit. Dann klären wir die Sache mit der Belohnung!“

Zwei Wochen später senkt sich ein Modellhubschrauber vor Luigis Eissalon. Die Hälfte der 1000 € Belohnung ist für einen neuen Modellheli draufgegangen. Aber noch immer sind wir mit den restlichen 500 € reich wie ein Scheich.
An Markus neuem Heli hängt ein Transportkorb. Er bringt seinen Hubschrauber in der Luft so zum Stillstand, dass der Korb genau vor der Verkaufstheke schaukelt.
Jetzt scheint Luigi zu verstehen und greift in das Körbchen. Darin liegt ein Brief.

Lieber Luigi,

wir hätten gerne drei Eisbecher „Luigi Spezial“ mit viel Sahne. Pack sie bitte in den Korb. Das Geld dafür liegt in dem Briefumschlag. Neulich hatten wir zwei große Eisbecher. Wir waren leider ein bisschen ferngesteuert und konnten deshalb nicht bezahlen. Dafür liegt auch noch Geld im Umschlag.
Kommt bestimmt nicht wieder vor!

 Deine größten Fans

Durch ein Fernglas sehe ich, wie sich Luigi am Kopf kratzt. Er nimmt die 30 € aus dem Umschlag und beugt sich kopfschüttelnd über den Tresen auf der Suche nach dem Hubschrauberpiloten. Weil er niemanden entdecken kann, macht er das, was er am besten kann: Eisbecher. Riesengroß, mit extra viel Sahne.
„Halleluja“, sage ich in Angesicht dieser Eismassen.
„Hallo Julia!“, sagen Markus und Julia wie aus einem Mund und lachen sich schlapp. Dabei verliert er die Kontrolle über seine Fernbedienung und der Hubschrauber fängt bedenklich an zu schlingern. Der Korb schaukelt jetzt wie ein Schlauchboot im stürmischen Meer.
„Gleich fliegen da drüben die Eisbomben!“, brüllt Markus lachend.
Ein bisschen Balla Balla ist der liebe Herr Prizibilla halt immer noch. Aber auch ein guter Pilot. Er stabilisiert den Heli und fliegt ihn sicher zu uns. Vorsichtig nehme ich die drei Eisbecher aus dem Transportkorb. Markus landet den Heli. Wir setzen uns auf eine Parkbank. Natürlich oben auf die Lehne. Heute schmeckt mir das Eis viel besser als beim letzten Mal.
„Der Fall ist gelöst!“, sage ich zufrieden.

Halleluja! Aber das denke ich mir nur.

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