Close

Die rote Hand

 

„Wie immer, Herrschaften. Wer bei der Gute-Nacht-Geschichte Schiss hat, muss alleine Nachtwache halten.“
Peter Motzleitner senkte den Kopf und äugte über seine halben Brillengläser. Die Jungen und Mädchen saßen um das Lagerfeuer herum und rückten enger als nötig zusammen. Der Leiter des Zeltlagers nickte zufrieden und begann zu lesen:

„Es war einmal ein verwunschenes Haus. Einsam stand es in einem sonst menschenleeren Tal. Während die Bewohner ahnungslos schliefen, glänzte in dieser Nacht auf der kalkweißen Hauswand ein frischer, blutroter Handabdruck. Der Vollmond beschien einen Handabdruck, dem bis auf den Daumen alle Finger fehlten. Wölfe heulten in der Ferne.“

Motzleitner zog die Nase hoch und rückte die Brille zurecht.
Die Flammen des Lagerfeuers froren langsam ein und die Zelte ringsherum waren nur noch Schatten. Auch die Bäume, die das Zeltlager umstanden, schienen den Atem anzuhalten. Motzleitner las weiter:

„In der zweiten Nacht klang das Heulen der Wölfe schon viel näher. Als die Hausbewohner am Morgen die zweite Hand entdeckten, liefen noch blutig rote Tropfen die Wand hinab. Es war der Abdruck einer Hand mit Daumen und Zeigefinger. Die beiden roten Hände ließen sich von der weißen Wand weder abwaschen noch abkratzen. “

Jens saß zwischen den anderen und zwickte sich unauffällig in den Oberschenkel. Das ist nur eine Geschichte! Das ist nur eine saudämliche, ausgedachte Geschichte. Ich höre einfach nicht zu, sagte er sich immer wieder.
Doch mit der Macht eines Hypnotiseurs durchdrang ihn Motzleitners tiefe Stimme:

„In der dritten Nacht legten sich die Bewohner des verwunschenen Hauses mit ihren Jagdgewehren auf die Lauer. Als das langgezogene Heulen losging, verschossen sie ihre Munition bis auf die letzte Patrone. In der Morgendämmerung fanden sie aber keine toten Wölfe, dafür eine neue Hand: Blutigrot, mit Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger.“

Motzleitner legte das Buch auf seine Knie und schnäuzte sich.
Der will uns nur ärgern! Der will nur einen zur Nachtwache verdonnern. Den Gefallen tu’ ich ihm nicht, dem nicht!
Jens begann, die Namen der achtzehn Bundesligamannschaften herunterzubeten. Trotzdem kroch ihm die kalte Stimme ins Ohr:

„In der vierten Nacht entzündeten die Bewohner vor dem Haus ein riesiges Feuer. Das Heulen der Wölfe war lauter als das Prasseln der meterhohen Flammen. Niemand fand Schlaf, alle sehnten das Ende der Nacht herbei. Unschuldig beschien die Morgensonne die kalkweiße Wand, darauf die vierte Hand. Eine blutrote Hand mit Daumen, Zeigefinger, Mittelfinger und Ringfinger.“

Jens hielt die Luft an und bohrte sich den Zeigefingernagel unter den Daumennagel. Motzleitner las unerbittlich weiter:

„Bei Einbruch der fünften Nacht vernagelten die Menschen in Todesangst alle Fenster und verbarrikadierten die Türen. Es war Mittsommernacht, die kürzeste Nacht des Jahres. Doch diesmal schien die Finsternis endlos. Mühsam kämpften sich die Sonnenstrahlen durch den erstickenden Morgennebel. Jetzt waren fünf blutrote Hände auf der Hauswand, die letzte hatte alle Finger, die zu einer Hand gehören. Daumen, Zeigefinger, Mittelfinger, Ringfinger und kleiner Finger. Und sie hatte auch die Bewohner: Ab dieser Nacht blieb das Haus für immer menschenleer.“

Jens schnappte nach Luft und schrie leise vor Entsetzen auf. Motzleitner schaute zufrieden in die Runde: „So, so, da haben wir ja unseren Kandidaten. Als Nachtwache kannst du heute was gegen deine Angst tun!“

Nach einem Abendlied schlüpften alle in ihre Schlafsäcke. Jens hörte, wie die Reißverschlüsse hochgezogen wurden. Er stand alleine inmitten der kreisförmig angeordneten Zelte. Etwas außerhalb sah er die schwarzen Umrisse des großen Küchenzelts, daneben das kleine Zelt von Motzleitner. Das heruntergebrannte Lagerfeuer schickte eine dünne Rauchsäule in den Himmel. Der rabenschwarze Wald wirkte unecht wie ein Scherenschnitt. Büsche sahen aus wie Monster, überall knackte es. Die Gänsehaut auf Jens Rücken kam nicht von der feuchten Kälte. Er bewaffnete sich mit einem dicken Stock. Jede Sekunde rechnete er damit, ein Heulen zu hören und eine blutrote Hand auf einer der weißen Zeltwände zu entdecken. Du Volltrottel, schimpfte er mit sich, es war doch nur eine Geschichte.

Jens erstarrte. Schlurfende Schritte im feuchten Gras! Ein Schatten kam näher. Er hob seinen Knüppel über den Kopf und wartete mit angehaltenem Atem.
„Willst du Holz hacken oder deinem besten Freund den Schädel einschlagen?“
Erleichtert erkannte er die Flüsterstimme. „Basti, was machst du denn hier?“
„Glaubst du, ich lass’ dich alleine Gespenster sehen?“ Basti boxte Jens gegen die Schulter, der erleichtert seinen Stock sinken ließ.
Bald sahen die Büsche wieder aus wie Büsche, und das Rascheln und Knacken hörte sich an wie eine huschende Maus oder ein Vogel, der durchs Laub hüpft.

„Du Basti, mir kommt da eine Idee.“ Jens zog seinen Freund am Ärmel.
Kurze Zeit später knöpften sie vorsichtig die Tür des Küchenzelts auf und verschwanden darin.
„Wenn wir jetzt erwischt werden, bekommt unser ganzes Zelt zehn Strafpunkte!“, flüsterte Basti.
„Quatsch nicht, such lieber!“, raunte Jens zurück.
Mit einer Flasche kamen sie wieder heraus und schlichen damit zu Motzleitners Zelt. Den Inhalt der Flasche quetschten sich beide auf die Hand und stempelten damit das Außenzelt. Danach zogen sie an den Abspannleinen und Motzleitners Zelt wackelte wie in einem Orkan. Dazu heulten sie wie Wölfe.

Der Reißverschluss des Schlafsacks wurde aufgerissen, Jens und Basti rannten los und versteckten sich hinter dem Küchenzelt. Der Lagerleiter sprang aus seinem Zelt. Hektisch leuchtete er mit seiner Taschenlampe durch die Gegend. Dann erstarrte er. Im zitternden Lichtkegel entdeckte er auf seinem Zelt fünf blutrot tropfende Hände. Die erste nur mit Daumen, die letzte mit fünf Fingern. „Hilfe!“, brüllte Motzleitner durch die nächtliche Stille.
„Mit einem Würstchen könnte ich helfen und den Ketchup vom Zelt kratzen!“
Jens war hinter dem Küchenzelt hervorgekommen und stand jetzt neben dem Lagerleiter.
„Du hast gewonnen, Jens. Ich übernehme deine Nachtwache!“, sagte Motzleitner kleinlaut. „Und morgen lese ich nicht mehr so eine blöde Geschichte vor!“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.