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Ben macht nichts

 

Es ist Sonntag. Ben drückt seine Nase am Küchenfenster platt. Murmelgroße Regentropfen zerplatzen in den Pfützen.
„Papa, mir ist langweilig!“, sagt Ben.
„Dann hilf mir beim Kochen“, schlägt Herr Funke vor.
Das Küchenfester beschlägt, als Ben sagt: „Ich mag nichts kochen.“
Er schlurft aus der Küche und geht ins Wohnzimmer.
„Mama, mir ist so langweilig!“
„Spiel doch mit Lena.“
„Die will immer mit Puppen spielen. Das bringt doch nichts!“

Bens große Kusine Julia ist zu Besuch. Sie liegt auf dem Sofa und bearbeitet ihr Handy.
„Julia, kann ich mit deinem Handy spielen?“
„Ne, brauch ich selbst.“
„Aber mir ist sooooo langweilig!“
„Mach halt die Glotze an.“
„Es kommt bestimmt nichts!“, nörgelt Ben.
Jetzt platzt Herrn Funke der Kragen.
„Dauernd höre ich nur nichts, nichts, nichts. Dann mach mal eine Stunde lang nichts!“
Ben denkt nach und fragt: „Was brauche ich zum Nichtsmachen?“
„Na, was schon, natürlich nichts!“, antwortet sein Vater genervt.
Ben verschwindet. Man hört von ihm nichts, man sieht von ihm nichts.
Julia wundert sich und geht in Bens Zimmer. Er sitzt wie versteinert auf seinem Stuhl und starrt die Wand an. Nicht einmal seine Augen blinzeln.
„Ben, alles klar? Sag doch was!“ Julia schüttelt ihn an den Schultern. Nichts passiert.
„Du darfst auch mit meinem Handy spielen!“ Doch Ben sitzt weiter auf dem Stuhl wie eine ägyptische Mumie.

Herr Funke wird von Julias Rufen angelockt.
„Was ist los?“, fragt er erschrocken.
„Keinen Schimmer“, antwortet Julia. „Schockstarre, Hausaufgabenallergie, Pupillenverstauchung. Irgend so was.“
„Ach, Blödsinn!“ Herr Funke macht einen Handstand, wackelt dabei mit den Ohren und rollt seine Augen wie ein Brummkreisel. Ben sitzt wie aus Fels gemeißelt auf dem Stuhl.
Frau Funke bemerkt die Versammlung im Kinderzimmer. Mit der Hand wedelt sie vor Bens starren Augen auf und ab: Nichts tut sich!
„Wir müssen sofort einen Rettungswagen holen!“, ruft Frau Funke.

Wenige Minuten später hört man das Martinshorn. Schon stehen die Sanitäter im Zimmer.
„Was ist passiert?“, ruft einer der Retter und schnappt nach Luft.
„Seit einer Stunde sitzt Ben hier und macht nichts!“, sagt Herr Funke.
Da zwinkert Ben mit den Augen, wackelt mit dem linken Arm, schabt langsam mit dem rechten Fuß über den Boden.
„Was, die Stunde ist schon um?“ Ben grinst. „Kann ich jetzt mit deinem Handy spielen?“
Verwirrt stehen die Sanitäter vor Ben.
Herr Funke stemmt empört die Hände in die Hüfte: „Ich glaube, du spinnst!”
Frau Funke schnappt fassungslos nach Luft: „Uns so eine Angst einzujagen!”
„Jetzt hast du tatsächlich eine Stunde nichts gemacht“ japst Julia und hält sich den Bauch vor Lachen. Dann reicht sie Ben ihr Handy.
Zufrieden beginnt er zu spielen.
„Und morgen“, sagt Ben, „morgen mache ich mal gar nichts!“

Illustration: Doris Martin – doris.martin@mail.de

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3 thoughts on “Ben macht nichts

  1. Stefan Rogge

    Hallo Andreas,

    da mein Sohn auch Ben heißt, hat mich die Geschichte gereizt.

    Ich finde die Geschichte richtig spannend geschrieben und spiegelt genau das wieder, wie wir uns früher gefühlt haben – mir ist Langweilig – .
    So fühlt sich bestimmt heute auch das eine oder andere Kind .
    Liegt wahrscheinlich daran, daß die Eltern heute immer weniger Zeit für Ihre Kinder verwenden und nicht merken, wie schnell das Kind Groß wird
    und nicht mehr kommt und sagt „ Komm Papa ich will spielen !!!!“

    Ich freue mich schon auf die nächsten Geschichten die da kommen !!!

  2. Tanja Krug

    Es soll erwachsene Menschen geben, die sehr viel Geld dafür ausgeben, endlich mal nichts zu tun. Die fahren dann in ein Wellness-Hotel. Dabei ist es doch so einfach.
    Lieber Andreas, vielen Dank für deine wunderbaren Geschichten, die Erinnerungen wecken und mich eingefahrenes neu hinterfragen lassen.!

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