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Ich glaub’s ja nicht

„Hast du gesehen, wie ich den Ball unter die Latte genagelt habe?“ Peer boxt Ben strahlend in die Rippen, sein verschwitzter Kopf dampft wie ein Topf voll kochender Nudeln. Die Fußballschuhe der beiden ziehen Schlammspuren bis in die Umkleidekabine.
„Boah ey, und zur Halbzeit lagen wir 2:0 hinten. Hätte nie gedacht, dass wir das noch umbiegen!“ Felix zieht jubelnd sein Trikot aus und lässt es über sich kreisen. Herr Funke, der Trainer, kommt mit einem Berg Regenjacken in die Kabine.
„Wem gehören die Jacken…“ Da streift Felix Trikot sein Gesicht.
„Seid ihr völlig übergeschnappt?“, donnert Herr Funke los. „Und die Dreckschuhe hättet ihr draußen abklopfen können!“
Schlagartig wird es still in der Kabine.
„Ihr könnt von Glück reden, dass ihr nach der verpennten ersten Halbzeit noch gewonnen habt!“, poltert Herr Funke weiter.
„Der hat nur schlechte Laune, weil er das ganze Spiel im Regen gestanden hat“, flüstert Milan Peer ins Ohr.
„Wenn es was zu sagen gibt, dann sag es laut!“, fährt Herr Funke Milan an.
„Schon gut“, winkt Milan ab.
„Wer nimmt die Trikots zum Waschen mit?“, fragt Herr Funke.
Alle Finger schießen in die Höhe. Bloß keinen weiteren Stress!
„Dann bist du heute dran, Tom!“ Und zu seinem Sohn sagt Herr Funke: „Ben, ich warte in der Vereinsgaststätte auf dich. Ich brauche jetzt erst mal einen heißen Kaffee!“ Die Kabinentür fällt hinter ihm ins Schloss.
„Jetzt ist die Partystimmung voll im Eimer!“, beschwert sich Felix.
„Quatsch“, fällt ihm Milan ins Wort. „Übernachtungsparty heute bei mir! Meine Eltern ham’s erlaubt! Wer kommt?“
„Voll cool, ich komme!“ Leon klatscht Milan ab.
Ich muss fragen, aber ich darf bestimmt!“, ruft Tom.
„Ich bringe Chips mit!“ Felix lässt wieder sein Trikot kreisen.
Während die anderen aufgeregt durcheinander plappern, wird Ben immer stiller.
„Wieso kommst du eigentlich nie zu Übernachtungen?“, fragt ihn Milan. „Du verpasst echt was!“
„Ach“, antwortet Ben, „ich schlafe lieber in meinem eigenen Bett.
„Und du, Peer“, bohrt Milan weiter, „was hast du für eine Ausrede?“
„Keine, ich hab einfach keine Lust“, sagt Peer.
„Ihr seid voll die Spaßbremsen!“ Felix schüttelt verständnislos den Kopf. „Aber nächsten Monat ist Klassenfahrt. Dann seid ihr ja mal nachts dabei!“
Ben schnappt nach Luft und packt wortlos seine Matschschuhe in die Plastiktüte.

Einen Monat später sind sie auf Klassenfahrt in einer Jugendherberge.
„Alter, wie soll ich so ‘ne Riesendecke in den verdammten Bezug kriegen?“
Milan kniet auf dem oberen Bett und versucht den Bezug auf links zu drehen.
„Pass auf, dass du nicht abstürzt!“, sagt Leon. „Und wehe, du schnarchst wieder!“
„Verdammt, meine Mutter hat mir nix Süßes eingepackt. Da muss ich gleich zum Kiosk!“, ruft Felix.
Ben bezieht seine Matratze mit einem Gummiüberzug.
„Was ist das denn für ein abgefahrenes Bettlaken?“, will Milan wissen.
„Ich habe eine Matratzenallergie“, sagt Ben leise.
Milan, Felix, Leon und Tom umringen neugierig Bens Bett. Nur Peer bleibt sitzen.
„Krass, was man alles kriegen kann!“, wundert sich Tom.
„Wer kommt mit zum Kiosk?“ Felix rennt aus dem Zimmer. Milan, Tom und Leon donnern hinterher.
Peer steht langsam auf, schließt die Zimmertür und beginnt schweigend seine Matratze zu beziehen.
Ben zieht das normale Bettlaken über den kalten Gummiüberzug.
Da hört er vom anderen Bett ein raschelndes, ihm sehr vertrautes Geräusch. Ben schaut sich um und erstarrt: Peer zieht ein Gummiüberzug über seine Matratze!
„Ich glaub’s ja nicht!“ Bens Mund steht offen wie ein Tor ohne Torwart.

„Machst du auch noch manchmal ins Bett?“
„Wenn ich schlaf‘, dann schlaf‘ ich“, brummt Peer.
„Und was hast du schon dagegen gemacht?“, fragt Ben.
„Alles, glaub’s mir. Tabletten, Kügelchen, Klingelhose, Hypnose. Das volle Programm. Aber nix hilft.“ Peer schüttelt genervt den Kopf.
„Bis auf Hypnose hab‘ ich auch schon alles durch. Von der dämlichen Klingelhose habe ich sogar Schlafstörungen bekommen. Die war vielleicht ätzend laut!“ Ben hält sich bei der Erinnerung an das schrille Klingeln die Ohren zu.
Die Tür geht auf und Felix steht im Zimmer.
„Der blöde Kiosk macht erst nach dem Essen auf!“ Felix stutzt, geht zu Peers Bett und fährt mit den Fingern über den Gummiüberzug.
„Hast du auch ‘ne Matratzenallergie?“
„Verpiss dich!“, sagt Peer.
„Ihr seid echt zwei Vögel!“ Felix tippt sich an die Stirn und geht wieder aus dem Zimmer zu den anderen. Als die Tür ins Schloss fällt, bricht Ben vor lauter Lachen zusammen.
„Verpiss dich!“, wiederholt er und hält sich den Bauch. „Dann brauchen wir es ja heute Nacht nicht zu tun!“

Text: Andreas Düll

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