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Ein Tag als Olchi-Pippi-Sams

Familie Funke sitzt am Abendbrottisch.

„Gibst du schnell die Butter mir,
trink ich mit der Mutter Bier.“

Ben zeigt auf die Butter und grinst seinen Vater an.
„Wieso reimst du?“, fragt Herr Funke. „Hast du etwa Bier getrunken?“
„Ne, aber das Sams reimt auch immer“, erklärt Ben. „Darf ich ein Kinderbier?“
„Haben! Darf ich ein Kinderbier haben“, korrigiert Frau Funke.
„Malzbier gibt es nur am Wochenende. Wasser tut’s auch!“, sagt Herr Funke.
„Schade.“ Ben füllt sein Glas randvoll mit Sprudelwasser und stürzt es in einem Zug hinunter. Zufrieden knallt er das leere Glas auf die Tischplatte.
Örrrrrrps! Ein Donnerrülpser bringt die Hängelampe zum Wackeln.
„Der war gut!“, stellt Ben fest.
„Du Schwein!“, ruft Lena, Bens jüngere Schwester.
„Spinnst du?“, braust Herr Funke auf.
„Nein, ich spinne nicht, ich rülpse. So nennt man das, wenn überschüssige Gase explosionsartig entweichen!“
„Spar dir die Vorträge! Was ist los mit dir?“ Frau Funke schaut ihren Sohn fassungslos an.
„Dabei hattet ihr noch Glück! Statt der Speiseröhre hätte ich auch den Hinterausgang wählen können. Nennt man in Fachkreisen pupsen.“ Ben zuckt mit den Schultern. „Wäre euch doch auch nicht lieber gewesen, oder?“
„Mir wäre lieber, du würdest ganz schnell erklären, was du hier treibst! Sonst schicke ich dich in dein Zimmer!“, sagt Herr Funke zornig.
„Das Sams, Pippi Langstrumpf und die Olchis machen das auch.“ Ben hat seinen Unschuldsblick aufgesetzt.
„Du bist aber kein Olchi“, sagt Herr Funke laut. „Also lass die Schweinerei!“
„Warum ist es bei mir eine Schweinerei und bei denen im Buch nicht?“, fragt Ben.
„Dann lügen ja die Bücher!“, sagt Lena.
„Nein, sie lügen nicht. Sie spielen mit der Wirklichkeit“, erklärt Frau Funke.
„Dann möchte ich auch mal einen Tag mit der Wirklichkeit spielen.“ Ben schaut seine Mutter bettelnd an. „Darf ich?“
„Nix da, der Rülpser war genug!“, sagt Herr Funke.
Doch Ben gibt nicht auf. „In die Schule gehen als Sams oder als Pippi Langstrumpf oder als Olchi. Das wär echt cool. Hingehen, wann man will, Mathehausaufgaben einfach auffressen.“ Er schaut verträumt zur Hängelampe, die nun nicht mehr schaukelt.
„Von mir aus: Probier es aus“, reißt ihn Frau Funke aus seinen Träumen. „Du wirst schon merken: Die Bücherwelt ist anders als das richtige Leben.“
Ben strahlt, als würden Weihnachten und Geburtstag auf einen Tag fallen.
Frau Funke hebt den Zeigefinger: „Unter einer Bedingung: Du schreibst darüber einen Aufsatz und gibst ihn deiner Lehrerin.“
„Moment mal“, Herr Funke schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. „Du willst dich in der Schule wie Pippi Langstrumpf, ein Olchi oder das Sams benehmen? Frau Steinbock hält uns doch alle für übergeschnappt!“
„Wenn sie den Aufsatz gelesen hat nicht mehr“, sagt Frau Funke.
Ben kann sein Glück kaum fassen.
„Wann darf ich die Aktion starten?“, fragt er.
„Von mir aus morgen.“ Frau Funke schaut ihren Mann fragend an. Aber der schüttelt nur noch fassungslos den Kopf und schnappt nach Luft.

In der Nacht kann Ben vor Aufregung nicht schlafen. Bis drei Uhr morgens hat er noch kein Auge zugetan. Deshalb vergräbt er den Wecker im Kleiderschrank. Erschöpft schläft er endlich ein. Als er wieder wach wird, ist er ganz alleine zu Hause.
Er macht den Fernseher an und schnappt sich seinen Nintendo, kuschelt sich auf die Couch und beginnt dort mit einem Spezialfrühstück: Schokolade, Chips und Nutella ohne Brot. Das ganze spült er mit zwei Flaschen Malzbier runter.
Anziehen ist lästig und versaut den ganzen Tag, also behält er den Schlafanzug an. Das Zähneputzen verschiebt er auch auf morgen, wäre doch schade um den Nutellageschmack im Mund. Die Haarbüste wird im Gemüsefach des Kühlschranks versteckt, dann schnallt er die Inlineskates an und donnert in seinem blauweißgestreiften Schlafanzug los. In der Schule angekommen dreht er erst mal zehn Runden in der Aula, weil dort das Skaten so schön allerstrengstens verboten ist. Dabei singt er ziemlich schief und ziemlich laut:

„Ich fahre meine Runden,
der Rest hat Mathestunden,
ich fahre schnell im Kreis,
drauf reimt sich nichts, so’n Mist!“

Herr Haase, der Rektor der Schule, kommt aus seinem Büro und putzt sich ungläubig die Brille.
„Was machst du da?“, ruft er.
„Wenn Sie das nicht sehen, müssen Sie die Brille noch mal putzen!“
„Frechheit! Halt sofort an!“, ruft der Rektor.
„Würde ich ja, wenn ich wüsste, wie!“
Ben geht von der Kurvenfahrt in eine Geradeausfahrt über, direkt auf den Schulleiter zu. Dabei gibt er weiter Gas. Mit vorgebeugtem Oberkörper, ausgebreiteten Armen und weit aufgerissen Augen rast er auf den Rektor zu. Im allerletzten Moment umkurvt er den vor Angst Versteinerten, klopft ihm dabei auf die Schulter und ruft: „Immer locker bleiben, Herr Angst-Haase.“
Dann schießt er jodelnd in den hinteren Gang, stoppt mit Gequietsche vor seiner Klasse und hämmert mit der Faust gegen die Tür.
Frau Steinbock öffnet. Sie mustert den gestreiften Schlafanzug von oben bis unten, dann bleibt ihr Blick bei den Inlineskates hängen.
„Du hast ja gewaltig verschlafen!“, staunt sie.

„Ich habe nicht verschlafen,
der Wecker lag im Schrank,
ich habe ausgeschlafen,
fürs Öffnen besten Dank!“

Ben rollt an seiner verblüfften Lehrerin vorbei. Nach einer Ehrenrunde, bei der er seinen Mitschülern würdevoll wie der König von England zuwinkt, lässt er sich auf seinen Stuhl plumpsen.
„Es ist aber schon nach 9. Du bist viel zu spät!“ Frau Steinbock hat sich vor ihm aufgebaut und stemmt die Arme in die Hüften.

„Die Pause beginnt erst in zehn Minuten,
ich bin also gar nicht zu spät!
Viel schlimmer noch: Ich bin zu früh gekommen,
ob jemand die Logik versteht?“

„Hör jetzt mit dieser blöden Reimerei auf! Und pack deine Hausaufgaben raus!“
„Ach, wissen Sie, Frau Beinstock, äh Steinbock. In dem Wort ‚Hausaufgabe’ steckt doch das Wort ‚Aufgabe’.“ Ben schaut seiner Lehrerin tief in die Augen. „Ich habe es gestern Mittag auch aufgegeben, so langweilige Sachen zu machen. Das tut meinem Kreislauf nicht gut.“
„Was – du – nicht – sagst.“ Frau Steinbocks Stimme klingt, als könnte sie Glas zerschneiden. „Und was, wenn die Frage erlaubt ist, tut deinem Kreislauf mittags gut?“
„Auf Drachen fliegen, über Dächer balancieren, Diebe fangen, Negerkönige befreien…“
„Man sagt nicht Negerkönig“, fällt ihm Frau Steinbock ins Wort.
„Erklären Sie das mal Astrid Lindgren.“
„Zu ihrer Zeit hat man so gesagt, heute nicht mehr.“ Frau Steinbock seufzt.
„Ich wünschte, es wäre schon Pause.“ Ben lehnt sich auf seinem Stuhl zurück. „Die Warze da neben Ihrer Nase, ist das vielleicht ein Wunschpunkt?“
„Jetzt reicht es aber mit deinen Frechheiten, das ist ein Muttermal“, braust Frau Steinbock auf.

„Oh, Lehrerin mit Muttermal,
gib mir doch die Butter mal!“

„Du sollst nicht mehr reimen! Frau Steinbocks Stimme wird schrill und hoch.
„Schon gut, Knut. Mit der Butter hat übrigens alles angefangen.“
„Mit der Butter?“ Die Lehrerin durchbohrt Ben mit ihrem Blick. „Hast du zu heiß gebadet?“
„Ne, aber ein warmes Bad wäre jetzt ne feine Sache.“
„Dies ist eine Schule und keine Badeanstalt.“
„Ich könnte mich ja in der Aula ins Aquarium setzen. Da fällt mir ein Witz ein: Sagt ein Fisch zum Fischstäbchen: Hallo, Mumie!“
„Ich glaub’, dir brennt der Kittel.“ Fassungslos knetet Frau Steinbock ihre Finger.
„Dieses gestreifte Stück Stoff ist kein Kittel, sondern ein Schlafanzug. Bitte drücken sie sich exakt aus. Müssen wir im Aufsatz auch immer. Da nun weder Schlafanzug noch Kittel brennen, muss es also wo anders brennen.“
„Ja, bei dir sind ein paar Leitungen durchgebrannt.“ Frau Steinbocks Kopf glüht tomatenrot.
„Du setzt dich den Rest des Vormittags vor das Sekretariat! Ich rufe in der Pause deine Eltern an.  Und als Strafarbeit schreibst du auf, was du heute alles getrieben hast!“
Mit dem Finger zeigt sie auf die Tür.
„Muss ich eh machen, hat meine Mutter gesagt“, murmelt Ben.
„Wie bitte?“, fragt Frau Steinbock scharf.
„Ach, nichts“, sagt Ben, rollt winkend aus der Klasse und wischt den Rest Nutella aus dem Mundwinkel.

Text: Andreas Düll

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