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Der Fahrsteig

Mal wieder ein kurzer Text für die Erwachsenen. Wieso bleiben 95 % aller Fußgänger ohne Einkaufswagen auf einem Fahrsteig stehen? Und wieso können sich Klischees in einer Parfümwolke auflösen? Der folgende Text, in dem kein eines Mal das Wort „Fußball“ auftaucht, versucht sich diesen alles entscheidenden Fragen anzunähern. Viel Spaß!

Ein Fahrsteig ist eine Rolltreppe ohne Stufen, umgangssprachlich auch Rollsteig oder Laufband genannt. Die Neigung darf nicht zu groß sein, so dass er noch als barrierefrei gilt und mit Einkaufswagen befahrbar ist. Die Rollen der Einkaufswagen werden in den Ritzen des Fahrsteigs automatisch gebremst.
Wieso tritt dieser Bremseffekt bei 95% aller Fahrsteigbenutzer OHNE Einkaufswagen ebenso auf?
Werden beim Betreten des Laufbandes automatisch kleine Bremsanker aus den Schuhsohlen geworfen? Ist es verboten, sich auf diesem selbstfahrenden Steig zusätzlich zu bewegen? Was spricht gegen eine Addition der Geschwindigkeiten? Entsteht ein Magnetfeld über diesem Laufband, das zu blitzartig auftretender Beinlähmung führt? Derart immobilisiert gilt es noch sich so auf die mitrollende Armlehne zu fläzen, dass jegliches Überholen unmöglich ist. Manche schaffen die Vollsperrung nur zu zweit. Das sind die Amateure. Der Profi, der vor mir die Komplettsperrung alleine hinbekommt, trägt eine Baseballkappe, vergewaltigt ein Kaugummi und ist mittels Ohrstöpsel akustisch versiegelt. Diese Stöpsel verhindern die freundliche Kontaktaufnahme mit integrierter Bitte um Durchlass, bieten aber Stoff für Verwechslungen: Nein, ich will ihn nicht anmachen und nein, ich will nicht von ihm aufs Maul.

Also sage ich lieber nichts, bleibe innerlich kochend stehen und versuche, durch flache Atmung wenig von dem Parfüm, das laut den Genfer Konventionen als Nervengas zu deklarieren wäre, von meinem Vordermann zu inhalieren. Der Gestank macht mich tagträumend: Ich trage Footballkleidung und bin der Quaterback, vor mir fünf grimmige, kriegsbemalte Schränke, die mir den Weg zum Touchdown freipflügen.
Rechts stehen, links gehen. Die Welt könnte so einfach sein.

Endlich oben und im Laden, endlich alles gefunden, endlich an der Kasse. Irgendwer fährt mir zum dritten Mal seinen Einkaufswagen in die Haxen. Ein penetrantes Parfüm beleidigt meine Nase, Kaugummigeschmatze meine Ohren. Ich muss mich gar nicht umdrehen.
Der Fahrsteigsteher. Und jetzt hat er es selbstredend eilig.
„26,17 €“, sagt die Kassiererin.
Das mache ich dann mal mit der EC-Karte. Und gebe drei Mal die falsche PIN ein. Jedes Haxenfahren mit dem Einkaufswagen kostet eine falsche PIN. Na so was. Das dauert vielleicht. Mindestens so lange wie eine Fahrt mit dem Fahrsteig!

Voller Genugtuung stehe ich mit meinem Einkaufswagen auf dem Fahrsteig abwärts.
„Darf ich mal vorbei? Entschuldigen Sie bitte meine Eile, ich bin Rettungssanitäter und meine Schicht beginnt gleich.“
Ich versuche den Einkaufswagen und mich möglichst dicht an den rechten Rand zu manövrieren.
„Selbstverständlich bilde ich eine Rettungsgass…“
Dann bleibt mir das Witzchen im Hals stecken.
Fassungslos starre ich ihm und seinem ökologisch korrekten Tragebeutel nach. Und stehe in einer Genfer konventionellen Parfümwolke.
Rettungssanitäter?
Wieso kann so ein Typ vollständige Sätze bilden?
Will ich mich von so einem retten lassen?
Sind wir noch zu retten, wenn sogar Klischees ein Verfallsdatum haben?

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3 Anmerkungen zu “Der Fahrsteig

  1. Frederic Schnatz

    Eine sehr schöne und nett geschriebene Geschichte, bei der man sich mindestens einmal selbst wiederfindet und einem teilweise aus der Seele spricht.

  2. Beate

    Eine Geschichte mit Weiterbildung- eine Rolltreppe ohne Stufen ist ein Fahrsteig !
    Klasse Geschichte, wer hätte nicht schon mal gedrängelt, weil die Menschen wie angewurzelt stehen 😬 Eine sehr schöne Wortwahl 🤗

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